Haiti: Drei Monate nach dem Erdbeben
Nach dem Erdbeben am 12. Januar 2010, bei dem Hunderttausende ums Leben kamen und weitere Hunderttausende verletzt wurden, konnte Ärzte ohne Grenzen sofort reagieren, da Teams bereits seit 1991 im Land arbeiteten. Die eigenen Einrichtungen der Organisation waren bei dem Beben beschädigt worden, und so wurde in provisorischen Strukturen gearbeitet. Die Mitarbeiter kümmerten sich um die Verletzten, entschieden, wer am dringendsten welche Behandlung bekommen musste und führten operative Eingriffe durch. Hunderte Tonnen von Material wurden ins Land geschickt, darunter ein aufblasbares Krankenhaus. All diese Aktivitäten machten den Einsatz in Haiti zu einem der größten in der Geschichte von Ärzte ohne Grenzen.
Inzwischen sind drei Monate vergangen, und Ärzte ohne Grenzen entwickelt weiterhin Strategien, um auf die sich verändernde Situation sowie die akuten und langfristigen Bedürfnisse der Menschen in Haiti reagieren zu können. Als medizinische humanitäre Organisation legt Ärzte ohne Grenzen den Schwerpunkt der Arbeit auf die Gesundheit der Menschen und bezieht dabei die Lebensumstände mit ein.
60 Prozent der Gesundheitseinrichtungen wurden zerstört
Es darf nicht vergessen werden, dass es zwar in der Zeit vor dem Erdbeben Verbesserungen im Gesundheitsbereich gegeben hatte, die medizinische Versorgung aber dennoch begrenzt und ungerecht war. Das Land hatte die höchste Müttersterblichkeit der westlichen Hemisphäre. Den öffentlichen Krankenhäusern fehlten Mitarbeiter, Medikamente und Ausstattung, und aus einer Reihe von Gründen war der Zugang zu vielen Hilfsleistungen nicht möglich. So machten zum Beispiel die Gebühren, die in Einrichtungen verlangt wurden, selbst grundlegende Leistungen für die Mehrzahl der Bevölkerung unerschwinglich.
Das Erdbeben verschlimmerte diese Situation, da von der Infrastruktur in Port-au-Prince großteils nur Schutt übrigblieb: Zahlreiche Gesundheitseinrichtungen wurden zerstört - das Gesundheitsministerium schätzt, dass mehr als 60 Prozent der Einrichtungen in den am meisten betroffenen Regionen entweder beschädigt oder zerstört wurden. Die Bevölkerung musste massenhaft in Übergangslagern unterkommen, wo Wasserversorgung, Hygieneverhältnisse und medizinische Hilfe nur äußerst unzureichend oder überhaupt nicht zur Verfügung standen.
Mehr als 92.000 Patienten wurden inzwischen von den Teams behandelt
Anfang des Jahres und noch vor dem Erdbeben betrieb Ärzte ohne Grenzen vier Gesundheitseinrichtungen in Port-au-Prince. Die Teams leisteten Basisgesundheitsversorgung und arbeiteten in Krankenhäusern. Sie leisteten Notfallhilfe, behandelten Verletzte, führten Operationen und Geburtshilfe durch. Nach dem Erdbeben stieg die Zahl der Einrichtungen auf 26, darunter Krankenhäuser, Nachsorgeeinrichtungen, Rehabilitations- und allgemeinmedizinische Zentren. Nachdem sich Prioritäten verändert haben und einige Einrichtungen zusammengelegt wurden, sind es inzwischen noch 19 Einrichtungen - zudem ist die Organisation mit drei mobilen Kliniken unterwegs. Ärzte ohne Grenzen betreibt 19 OPs und verfügt in verschiedenen Einrichtungen über 1.200 Betten. Ingesamt wurden seit dem Beben 92.000 Patienten versorgt und 5.000 Operationen durchgeführt.
Die Aktivitäten nach dem Erdbeben im Einzelnen:
Während der akuten Nothilfephase:
- Die Gesundheitsversorgung für die Bedürftigsten aufrechterhalten
- Chirurgische Eingriffe bei extrem hohem Bedarf ermöglichen
- Mit Physiotherapie, Reha, psychologischer Beratung und anderen Maßnahmen eine umfangreiche operative Nachsorge ermöglichen
- Die Wiederaufnahme von Hilfe für Menschen mit chronischen Krankheiten, schwangere Frauen, Menschen mit traumatischen Erfahrungen und Opfer sexueller Gewalt
- Verteilung von Zelten und Material, Hilfe bei der Wasser- und Sanitärversorgung von Vertriebenen
- Erkundung der Bedürfnisse außerhalb von Port-au-Prince
Nach der akuten Nothilfephase:
- Den Zugang zu medizinischer Versorgung für die Mehrzahl derjenigen Haitianer aufrechterhalten, die dafür nichts bezahlen können
- Auf den Ausbruch von Krankheiten und mögliche weitere Naturkatastrophen vorbereitet sein
- Vorbereitungen treffen, um die gegenwärtigen provisorischen Einrichtungen in langfristigere zu überführen, in denen Ärzte ohne Grenzen während der kommenden Zeit sinnvoll weiterarbeiten kann und die irgendwann in der Zukunft möglicherweise an das haitianische Gesundheitsministerium übergeben werden können
- Mit der haitianischen Regierung, Nichtregierungsorganisationen, der Zivilgesellschaft und anderen Akteuren zusammenarbeiten, um die Aufrechterhaltung der Hilfe zu ermöglichen
Schlagworte
Jetzt spenden für den Notfall-Fonds
Informationen zum Notfall-Fonds
PSK BLZ: 60 000 Kto.Nr.: 930 40 950 Kennwort Notfall-Fonds
Länderinformation
Verwandte Artikel
- Haiti: Sechs Monate nach dem Erdbeben ist die Lage Tausender noch immer prekär
- Haiti: Die Zeit vergeht, aber die medizinischen Bedürfnisse bleiben
- Zwei Monate nach dem Erdbeben in Haiti
- Haiti: Die Nachsorge für Erdbebenopfer wird ausgeweitet
- Haiti: Von einer Notsituation zur nächsten
- Eindrücke aus Port-au-Prince (Sechster und letzter Teil)
- Zwei Wochen nach dem Erdbeben
- Haitianische Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen helfen nach dem Erdbeben entschlossen weiter
- Noteinsatz in Haiti: Karte der Einsatzorte
- Haiti: Chirurgische Hilfe geht in großem Umfang weiter

