Tuesday, 22. May 2012 | 20:33 CEST

„Einsatz in Léogâne“

Jetzt bin ich seit zwei Wochen in Haiti und lebe mich langsam ein. Enorme Eindrücke, wenn man in Port-au-Prince landet: riesige Zeltstädte und sehr viele NGOs. Die Stadt ist ein Chaos, aber es scheint langsam wieder aufwärtszugehen. Ich war zwei Tage dort, bevor es dann nach Léogâne ging.

Dem Epizentrum nahe

Léogâne ist die Stadt, die dem Epizentrum des verheerenden Erdbebens vom 12. Jänner 2010 am nächsten liegt. 80 Prozent der Stadt wurde zerstört, und es wird noch Jahre dauern, bis die Menschen ihre Zeltlager verlassen können. Die sanitären Bedingungen sind katastrophal, vor allem in den schwer erreichbaren Bergregionen, und ein neuerliches Aufflammen der Cholera schwebt wie ein Damoklesschwert über den Menschen, ebenso wie die Hurrikane, die noch bis Ende November das Land bedrohen.

Neu errichtetes Spital

Das Projekt selbst ist von der Qualität her unglaublich, so etwas habe ich in all meinen Einsätzen noch nie gesehen: Ein komplett ausgestattetes Spital nach europäischem Standard ist hier aus dem Boden gestampft worden. Enorm! In seiner Art das größte hier in Haiti. Echt beeindruckend! Das Hauptaugenmerk liegt auf der Cholerabekämpfung, Kinderheilkunde, Geburtshilfe und chirurgischen Noteingriffen, die meisten davon für die Opfer von Verkehrsunfällen.

Die Logistik

Ich selbst bin der Leiter des Logistik-Teams und somit für die komplette Logistik des Projekts verantwortlich. Das Spital besteht aus 109 zusammengesetzten Containern – übrigens österreichischer Herkunft –, und wir beschäftigen etwa 456 Leute, davon ungefähr 160 im Logistikbereich. Gestern haben wir die Übergabe von meinem Vorgänger an mich abgeschlossen. Jetzt bin ich alleine und muss wohl schwimmen, denn Untergehen ist keine Option. Eigentlich ist es mein Job, zu organisieren und zu delegieren, aber selbst so bleibt noch mehr als genug Arbeit für mich übrig.

Geregelte Arbeitszeiten

Ich versuche es diesmal ruhiger anzugehen als in meinen vorangegangenen Noteinsätzen mit Ärzte ohne Grenzen. Da helfen schon mal die geregelten Arbeitszeiten. Ich arbeite von 7.30 bis 17.30 Uhr beziehungsweise eher 18.30 Uhr. Am Wochenende wird am Samstag noch halbtags gearbeitet, und am Sonntag ist Freizeit angesagt. Ein paar Einheimische verdienen sich ein Zubrot, indem sie Langusten auf offenem Feuer zubereiten, und uns schmeckt es!

Von Clemens Drössler, Logistiker von Ärzte ohne Grenzen

Hintergrund

Der Wiener Logistiker Clemens Drössler berichtet von seinem Einsatz in einem Programm für chirurgische Noteinsätze und zur Cholerabekämpfung in Léogâne, Haiti.

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