Tuesday, 22. May 2012 | 20:33 CEST

Erinnerungen an Batouri

Die Wiener Krankenschwester Laura Spannocchi berichtet, wie Ärzte ohne Grenzen einen Not-Einsatz für unterernährte Kinder in Kamerun organisiert hat.

Nach zwei Hilfseinsätzen mit Ärzte ohne Grenzen werde ich oft gefragt, was das Schwierigste an der humanitären Arbeit im Ausland ist. Meine Antwort: Die größte Hürde ist, die Realität in einem Entwicklungsland zu akzeptieren, ohne die Ideale zu verlieren. Nur ein Beispiel: In Österreich ist gibt es in der Pflege für jede Aufgabe genaue Prozeduren, die erfüllt und abgehakt werden. Bei einem Einsatz in Afrika bist du in einem Krankenhaus, in dem es mitunter weder Strom noch Wasser gibt. Du willst die Hygiene-Richtlinien erfüllen und weißt gleichzeitig, dass dies an solchen Tagen eben nicht geht. 

Bevor ich mit Ärzte ohne Grenzen auf Einsatz ging, hatte ich in Wien und Niederösterreich als Krankenschwester auf der Onkologie und auf Unfallstationen gearbeitet. 2007 führte mich mein erster Einsatz in die Demokratische Republik Kongo, ein Jahr später ging es nach Kamerun. Von diesem Einsatz will ich hier berichten.

Ich kam im April 2008 in der Stadt Batouri an, die inmitten einer fruchtbaren Hochebene im Osten des Landes liegt. Die kleineren Orte in dieser Gegend haben keinen Strom, die Menschen leben in Lehm- oder Ziegelhütten mit Strohdächern. Sie betreiben zumeist Landwirtschaft in Selbstversorgung. Zu Beginn war unser Hilfsprogramm in einer kleinen Hütte untergebracht, manche Kollegen mussten auf Matratzen am Gang schlafen.

Kamerun ist ein vielschichtiges Land. Es gibt Gebiete mit guter medizinischer Versorgung und Regionen, wo es nicht mal asphaltierte Straßen, geschweige denn funktionierende Gesundheitsstrukturen gibt. In Kameruns Nachbarland, der Zentralafrikanischen Republik, gibt es seit Jahren Kämpfe zwischen Regierungstruppen und Rebellen, durch die viele Menschen vertrieben wurden. Mehr als 60.000 sind über die Grenze nach Kamerun geflüchtet.

In der Grenzregion sind tausende zentralafrikanische Nomaden auf der Flucht. Sie haben sich in den weit verstreuten Dörfern niedergelassen. Die meisten der vielen Kinder leiden an schwerster Unterernährung und deren Folgekrankheiten. Durch akute Unterernährung können Durchfall, Malaria und andere Infektionskrankheiten bei den Kleinsten schnell zur lebensgefährlichen Bedrohung werden. Ärzte ohne Grenzen konzentrierte die Hilfe in Batouri daher auf die Kinder.

Mobile Hilfe

Da sich die Flüchtlinge sehr weiträumig niedergelassen haben, ergibt es keinen Sinn für uns, ein zentrales Ernährungszentrum aufzubauen. Wir müssen die Kinder dort erreichen, wo sie sind. So arbeiten wir mit mobilen Kliniken. Wir waren sieben Personen und hatten zwei Autos, eines für Medikamente, Spezialnahrung und Wasser sowie eines für das Personal. Wir hatten zahlreiche Dörfer ausgemacht, in denen die Ernährungslage besonders schlimm war. Jedes Dorf besuchten wir regelmäßig. Die Fahrt konnte durchaus drei bis vier Stunden dauern, in der Regenzeit länger.

In den Dörfern hatten wir lokale Helfer organisiert, die dafür sorgten, dass die Flüchtlinge und auch Einheimische von unserem Besuch erfuhren und zur Behandlung kamen. Vor Ort bauten wir mit Stühlen und Sesseln unsere „Klinik“ auf. Der Ablauf funktioniert nach einem festgelegten Schema:
Zuerst kommt die Auswahl der Patienten. Ein Krankenpfleger bestimmt anhand einer Checkliste, welche Kinder wir behandeln können. Also etwa bei Fieber, da dabei immer Verdacht auf Malaria besteht, bei Durchfall oder bei starkem Husten, was auf Tuberkulose schließen lässt. Und vor allem bei Unterernährung. Bestimmt wird dies mit dem speziellen MUAC-Armband, mit dem der mittlere Oberarmumfang (Middle Upper Arm Circumference) gemessen wird. Kinder zwischen sechs Monate und fünf Jahre haben ungefähr den gleichen Armumfang. Unterschreitet dieser einen bestimmten Wert, ist dies ein ziemlich verlässliches Indiz für Unterernährung. Die kleinen Patienten werden auch gemessen und gewogen, dann geht es zum Arzt oder zum diplomierten Pfleger, der die notwendige Behandlung durchführt. In vielen Ländern Afrikas haben Krankenschwestern und Pfleger andere Kompetenzen und Qualifikationen als bei uns. Sie dürfen Diagnosen stellen, Medikamente ausgeben, Wunden nähen und intravenös Kanülen legen.

Zuletzt geht’s in die Apotheke wo neben Medikamenten auch Spezialnahrung abgegeben wird: Eine energiereiche Erdnusspaste, die mit Milch, Zucker, Mineralien und Vitaminen angereichert ist. Dieses Produkt hat den Vorteil, dass es nicht mit Wasser angemischt wird, was in Ländern ohne ausreichende Wasserversorgung besonders wichtig ist. Durch diese Spezialnahrung können die meisten Kinder ambulant behandelt werden. Die Mütter erhalten einen Vorrat. Einmal die Woche wird der Gesundheitszustand des Kindes überprüft und eine neue Ration ausgegeben wird.

Ich selbst war für die  Apotheke verantwortlich und musste sicherstellen, dass es keine Engpässe gab. Dann hatte ich die Verantwortung für das lokale Pflegepersonal und unterstützte sie dabei, sich in ihrem Beruf zu entwickeln. Außerdem musste ich sicher stellen, dass der gesamte Ablauf der mobilen Klinik funktionierte.

An eine meiner kleinen Patientinnen kann ich mich besonders gut erinnern. Sie war neun Jahre alt und wog gerade mal neun Kilo. Unvorstellbar! Sie war so geschwächt, dass sie selbst die cremige Erdnusspaste nicht essen konnte. Ein lebensbedrohlicher Zustand. Es war klar, dass wir sie ins nächste Krankenhaus bringen mussten. Im Spital wurde Tuberkulose diagnostiziert. Das Mädchen lag einfach nur da, die Augen halb geschlossen. Ich hatte wenig Hoffnung.
Nach einer Woche kam ich wieder ins Krankenhaus, ging in ihr Zimmer und sah, dass ihr Bett leer war. Ich war sehr traurig, dass sie einfach ein paar Tage zu spät zur Behandlung gekommen war. Als ich auf den Gang trat, hörte ich eine Kinderstimme, die meinen Namen rief. Es war das Mädchen, sie lächelte und saß bei den anderen Kindern. Sie hatte gerade mal einen Kilo zugelegt und war immer noch schwach, aber deutlich auf dem Weg der Besserung. Diese Kinder bekommen so ein Funkeln in den Augen – wenn du das siehst, weißt du, dass sie es schaffen werden.

Als ich Monate später wieder in Wien war, erhielt ich Nachricht von einer Kollegin. Sie war in einem Ort, wo 1500 Familien Nahrungshilfe erhielten. Die Menschen standen in langen Schlangen an. Meine Kollegin erzählte mir, dass sich plötzlich ein Mädchen durch die Schlange drängelte und fragte: „Wo ist Laura?“ Es sind kleine Geschichten wie diese, die mir die Realität letztlich erträglich machen und den Idealismus bewahrt haben. 

Dieser Text ist auch in der Ausgabe 4/2009 unseres vierteljährlich erscheinenden Magazins DIAGNOSE erschienen.
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