Tuesday, 22. May 2012 | 19:11 CEST

„Das Paradies ist manchmal nicht weit von der Hölle entfernt“

Wir waren soeben von der zweiten Ärzte ohne Grenzen-Evakuierung zurückgekehrt. Per Schiff hatten wir Kriegsverletzte aus der belagerten Stadt Misrata in die Sicherheit der tunesischen Spitäler gebracht. Ich ging auf den Balkon und sah ein kleines, blondes Mädchen, das auf der unteren Terrasse im Sonnenlicht tanzte. Überwältigt vom Kontrast, brach ich in Tränen aus.

Wenige Tage später flossen weitere Tränen, als Ibrahim – immer noch auf der Intensivstation, mit Monitor, Drainagen und Infusionen – Kates Hand nahm und sie küsste; sie hatte sich in der langen Nacht während der ersten Ärzte ohne Grenzen-Evakuierung um ihn gekümmert. Wenn wir ihn nicht aus Misrata geholt hätten, wäre er wahrscheinlich gestorben. Doch er hat überlebt, wenn auch mit einer Beinamputierung oberhalb des Knies.

Nachdem Ende April 71 Patienten erfolgreich aus dem zerstörten Misrata evakuiert worden waren, und im Wissen, dass die täglichen Bombenangriffe unzählige weitere Opfer und überfüllte Spitäler zur Folge hatten, beschloss Ärzte ohne Grenzen, nach nur zehn Tagen eine zweite Evakuierung per Boot durchzuführen.

Aufgrund der schlechten Wettervorhersagen, und um die stürmische See zu vermeiden, verschoben wir unsere Fahrt um einige Tage. Doch das Schicksal, in Form von hunderten tunesischen Fischern, die gegen zu hohe Treibstoffkosten protestierten, hielt uns davon ab, den Hafen von Sfax zu verlassen. An jenem Abend hielt unser Schiff vor einer leuchtend roten Linie – den Lichtern der Fischerboote, die den Hafenausgang blockierten.

Die Verhandlungen durch die Behörden blieben erfolglos: die Fischer rührten sich nicht vom Fleck. Unser Notfallkoordinator Andrei beschloss also, es auf eigene Faust zu versuchen. In einem Gummischlauchboot und in Begleitung unseres Übersetzers, einem jungen tunesischen Psychologen, näherte er sich der Schiffsblockade. Schmutziges Öl und ein kaputtes Paddel behinderten den Weg zusätzlich, doch irgendwann ließen sich die Fischer vom Charme des Psychologen, in Kombination mit Andreis leidenschaftlicher Rede über die humanitäre Motivation unseres Vorhabens, überzeugen, und machten den Weg frei.

Wir jubelten auf dem oberen Deck, als wir endlich, mit 24 Stunden Verspätung, nach Misrata aufbrechen konnten. In wenigen Stunden hatten wir das Boot für die Patientenevakuierung vorbereitet: eine kleine Intensivstation mit Überwachungsmonitoren, Sauerstoffbomben und Beatmungsgeräten, im Falle von stürmischer See entsprechend gesichert, war im Nu entstanden. Das restliche Material und die Medikamente hatten wir so organisiert, dass es stets in greifbarer Nähe war. Dann legten wir ein paar Matratzen auf den Boden und versuchten, ein paar Stunden zu schlafen.

Doch es warteten weitere Hindernisse auf uns: als wir uns in internationalen Gewässern, etwa 20 Seemeilen vor Misrata befanden, erfuhren wir, dass der Hafen gerade bombardiert wurde. „Ich kann die Explosionen übers Satellitentelefon hören“, sagte Andrei. „Es ist gefährlich, jetzt in den Hafen zu fahren.“ Schweren Herzens und in Gedanken an die tragische Situation im Hafen, den Toten und Verletzten, die unsere Hilfe brauchen, und im Wissen, nicht genügend Treibstoff für eine noch längere Wartezeit zu haben, beschlossen wir, nach Malta zu fahren. Dort würden wir auftanken und einen Tag später wieder kommen.

Am nächsten Morgen in Misrata war die Situation optimal: die Bombenangriffe waren gerade eingestellt worden und wir konnten im Hafen anlegen und mit der Evakuierung beginnen. Als die Ambulanzen allmählich eintrafen und der schwierige Prozess der Triage durchgeführt wurde – wer darf mit, wen lassen wir zurück –, ergriffen ein Arzt und ein Logistiker unseres Teams die Chance, um an Land zu gehen und die Lage in den städtischen Gesundheitseinrichtungen zu evaluieren. „Das Hauptspital wurde von den Bomben getroffen, doch es wird noch immer benutzt, so auch die anderen Kliniken“, berichtete uns Dr. Morten Rostrup. „Es gibt zu wenig erfahrene Ärzte und Pflegepersonal, und die Reserven an medizinischem Material und Medikamenten sind bald aufgebraucht. Die Spitäler sind deshalb vollkommen auf Hilfe von außen angewiesen. Das Wasser ist Mangelware und zudem verschmutzt, Elektrizität gibt es nur sporadisch“, erzählte er.

„Außerdem gibt es am Hafen unzählige Migranten. Sie strömen hierher, in der Hoffnung, einen Weg aus Libyen zu finden. Sie campieren im Freien unter Plastikplanen, gleich neben der Strasse, mit wenig Nahrung oder Betreuung. Es sind um die 5.000 bis 8.000 Personen, doch es werden immer mehr.“

In der Zwischenzeit trafen weitere Ambulanzen auf dem Schiffssteg ein. Sie brachten Patienten, die von den Spitälern ausgewählt wurden, weil sie am dringendsten evakuiert werden mussten. Wir hatten uns im Vorfeld auf drei Patienten mit Beatmungsgeräten beschränken müssen: wir hatten nicht genügend Sauerstoff für mehr, zudem braucht jeder beatmete Patient Eins-zu-eins-Betreuung. Wenn wir mehr solche Patienten transportieren würden, könnten wir weniger andere Patienten auf die zwölfstündige Überfahrt nach Sfax, Tunesien mitnehmen. Mit einem Team aus drei medizinischen Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeitern und acht medizinischen Freiwilligen aus Tunesien mussten wir realistisch sein, was die Anzahl der Schwerverletzten betrifft. Zudem wussten wir von der ersten Evakuierung, dass die Hälfte des Teams im Falle von stürmischer See ausfallen würde.

Ich weinte zusammen mit einer Mutter, als sie sich von ihrem Sohn verabschiedete, der in Lebensgefahr schwebte. Ich fragte mich, warum sie ihn nicht begleitete. Doch schon kurz darauf ging die Reise los, mit zehn Schwerverletzten und zig anderen Patienten, die unsere medizinische Hilfe brauchten.

Wir kämpften uns durch die engen Gänge zwischen den Matratzen, wenn die See stürmischer wurde oft auf Händen und Knien, um Infusionen zu legen, durchnässte Verbände zu wechseln, Antibiotika zu spritzen und Schmerzmedikamente zu verabreichen: Bei all den schweren Verletzungen wie etwa Knochenbrüchen, Amputationen, inneren Verletzungen, Schusswunden, Kopfverletzungen und Verbrennungen, brauchten wir sehr viele Schmerzmedikamente. Die beatmeten Patienten mussten konstant überwacht werden: ein junger Mann mit Luftröhrenschnitt musste immer wieder abgesaugt werden. Es war schwierig, alle Bedürfnisse abzudecken, und ich war stets besorgt. Hatten wir alles im Griff?

Als ich um drei Uhr morgens versuchte, ein wenig zu schlafen, hörte ich die Wellen, die an die Luken des oberen Decks klatschten, wo unsere Erholungszone war. Die See wurde immer stürmischer, die Wellen waren schon etwa 2,5 Meter hoch. Da sagte Andrei zu mir: „Der Captain hat gesagt, es sei zu gefährlich nach Sfax weiterzufahren. Wir müssen den Kurs ändern, damit die Überfahrt ruhiger wird. Wir können nicht nach Sfax.“ Der Sturm dauerte drei Stunden, und auf dem Weg nach Sfax wurden noch schlimmere Unwetter erwartet. Wir beschlossen, in Zarzis zu halten um die Patienten in Sicherheit zu bringen. Viele von ihnen waren durch den Sturm geschüttelt worden und hatten große Schmerzen. Wir mussten uns neben die Patienten legen, um sie zu betreuen, insbesondere um sicherzustellen, dass die beatmeten Patienten an den Geräten angeschlossen blieben.

Das waren schlechte Nachrichten: In Sfax erwarteten uns 24 Ambulanzen, um die Patienten vor Ort ins Spital zu bringen. In Zarzis wartete niemand auf uns. Wir würden völlig unvorbereitet im kleineren Hafen von Zarzis anlegen müssen.

Die Gesundheitsbehörden und die WHO empfingen uns am Schiffssteg von Zarzis, um dem Chaos Einhalt zu gebieten. Auch Ambulanzfahrer vom Roten Halbmond waren da; doch die Fahrt nach Sfax würde vier bis fünf Stunden in Anspruch nehmen, die Schwerverletzten würden es nicht schaffen. Wir überlegten, Helikopter für den Transport zu benutzen, doch es war zu windig, zu gefährlich. Wir mussten abwarten.

Endlich waren die kritischsten Patienten auf dem Weg. Nun mussten wir Spitäler finden, welche die übrigen 60 Verletzten aufnehmen konnten. „Wähle zehn Patienten aus, die während drei Stunden in einem Minibus sitzen können“, forderte mich Alice, die WHO-Ärztin auf. „Wähle zwei weitere aus, die liegend in einer Ambulanz transportiert werden müssen. Und zwei, die sitzen können und keine Betreuung brauchen.“ Der Prozess nahm viel Zeit in Anspruch; nachdem wir bereits einen Tag und eine Nacht unterwegs gewesen waren, gingen uns langsam aber sicher die Kräfte aus.

Als ich einen jungen Mann, Adbelmajid, in die Ambulanz begleitete, versuchte er mir mit schmerzverzerrtem Gesicht etwas zu sagen. Er deutete mit einer Geste auf seine Augen. „Was sagt er?”, fragte ich die Rettungssanitäterin. „Er sagt, er wird dich wieder sehen“, antwortete sie. Ich hoffte, dass er recht hatte.

Ein paar Tage später besuchte ich mit Kate die Spitäler in den verschiedenen Orten, wo unsere Patienten eingewiesen worden waren. Wir wurden mit Jubel und Lachen begrüsst, und immer wieder dankten sie uns. Fast allen schien es besser zu gehen: nur ein Mann befand sich immer noch in kritischen Zustand. Doch wo war Abdelmajid? Wir waren im letzten Spital und hatten soeben die letzte Abteilung besucht. „Ein Patient ist noch auf der Intensivstation“, informierte uns der tunesische Chirurg. Ich hielt meinen Atem, als ich das Zimmer betrat. Und da lag er, immer noch schwach, aber am Leben, auf dem Weg der Besserung. Er lächelte, als er uns sah.

An diesem Abend standen wir auf der Terrasse unseres Hauses in Zarzis und sahen den Mondschein, der sich auf der Meeresoberfläche spiegelte, im Vordergrund die Silhouetten von Palmen. Die Stimmung war sehr friedlich.

„Das Paradies ist manchmal nicht weit von der Hölle entfernt“, sagte Andrei.

Von Alison Criado-Perez, Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen

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Hintergrund

Am 04. April 2011 evakuierte Ärzte ohne Grenzen 71 Patienten mit einem Schiff aus der libyschen Stadt Misrata nach Tunesien. Die Kämpfe in Misrata hatten zu einer Überlastung der Gesundheits-Einrichtungen in der Stadt geführt.
Etwa zwei Wochen später sind es 99 Menschen, die von Ärzte ohne Grenzen von Misrata nach Zarzis in Tunesien gebracht werden können.

Alison Criado-Perez war bei beiden Evakuierungen die verantwortliche Krankenschwester.

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