Tuesday, 22. May 2012 | 20:38 CEST

E-Mail aus Peshawar

Nun arbeite ich bereits seit einigen Wochen in Pakistan in der Distrikt-Hauptstadt Peshawar, die zirka 40 Kilometer von der afghanischen Grenze entfernt liegt. Diese Region ist sehr stark von den Überschwemmungen im August betroffen. Der Wasserstand kletterte damals bis zu zwei Meter hoch und senkte sich teilweise erst nach fünf Tagen. Ärzte ohne Grenzen konnte zum Glück schnell Hilfe leisten, weil wir schon seit vielen Jahren medizinische Programme in Pakistan betreiben.

Ich selbst bin erst ins Land gekommen, als das Hochwasser schon wieder zurückging, doch das Ausmaß der Verwüstung ist noch überall deutlich sichtbar. Viele Häuser wurden dem Erdboden gleichgemacht, die Bewohner haben oftmals alles verloren und mussten vor den Wassermassen fliehen. Wir versuchen sie mit den wichtigsten Dingen zum Überleben wie Zelten, Decken, Küchenutensilien oder Hygieneartikeln auszustatten. Mobile Teams fahren in die betroffenen Gebiete und leisten den Kranken und Verletzten medizinische Hilfe.

Absolute Priorität hatte vor allem zu Beginn die Versorgung mit Trinkwasser. Der Wasserdruck hat viele Wasserleitungen zerstört. Dadurch hatten die Menschen kein sauberes Wasser, sondern waren nur von mit Fäkalien verseuchtem Überschwemmungswasser umgeben. In der ersten Phase haben unsere Teams täglich 300.000 Liter Trinkwasser an die betroffene Bevölkerung in der Region Nowshera verteilt. Gleichzeitig haben wir Wasserversorgungsstellen repariert und neue Brunnen und Sanitäranlagen errichtet. Zum Glück gab es bisher keinen Ausbruch von Seuchen, aber wir haben uns für den Notfall vorbereitet.

Mein Arbeitsalltag in Pakistan unterscheidet sich deutlich von zu Hause. Ich bin hier nicht als Krankenschwester im Einsatz, sondern koordiniere als Projektleiterin die Tätigkeiten von Ärzte ohne Grenzen. Meist beginnt mein Arbeitstag schon frühmorgens in unserem Quartier, heute wurde ich zum Beispiel von einem Anruf zur aktuellen Sicherheitslage geweckt.

Im Büro angekommen, erledige ich die wichtigsten Anfragen und bespreche mit dem Team die Tagesplanung. Ähnlich verläuft der restliche Tag: E-Mails, Anrufe und SMS beantworten, akut auftretende Probleme lösen und unsere Arbeit in den nächsten Tagen und Wochen planen und organisieren. Gegen Mitternacht falle ich hundemüde in einen tiefen, von Träumen gespickten Schlaf.

Obwohl sich die Lage in Peshawar in den vergangenen Wochen deutlich verbessert hat, ist noch längst keine Normalität eingekehrt.

Liebe Grüße, Veronika

Dieser Text ist auch in der Ausgabe 4/2010 unseres vierteljährlich erscheinenden Magazins DIAGNOSE erschienen.
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