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Atemwegserkrankungen
Atemwegserkrankungen, deren gefährlichste Form die Lungenentzündung (Pneumonie) darstellt, zählen neben Durchfall, Unterernährung, Masern und Malaria zu den fünf Haupttodesursachen in Krisensituationen. In Industrieländern ist die Lungenentzündung die häufigste zum Tode führende Infektionskrankheit. In ärmeren Ländern steht die Lungenentzündung an zweiter, in der weltweiten Todesursachenstatistik an dritter Stelle.
Zu den Atemwegserkrankungen werden unter anderem folgende Erkrankungen gezählt: Erkältung, Grippe, Angina, Mittelohrentzündung (Otitis media), Kehlkopfentzündung (Laryngitis), Nebenhöhlenentzündung (Sinusitis), Bronchitis, und die schwerste Form der Atemwegserkrankungen, die Pneumonie.
Symptome
Die Symptome der Atemwegserkrankungen sind vielfältig, von der leichten Erkältung bis hin zur lebensbedrohlichen Lungenentzündung.
Gerade bei Kindern, Abwehrgeschwächten und alten Menschen kann sich aus einer einfachen Erkältung leicht eine Lungenentzündung mit hohem Fieber und Schüttelfrost entwickeln. Es folgen Husten mit Auswurf und Atemnot mit erhöhter Atemfrequenz. Die Untersuchung mit dem Stethoskop ergibt Rasselgeräusche.
Jede Lungenentzündung muss als lebensgefährliche Erkrankung betrachtet werden. Es gibt vielfältige Komplikationen: Unter anderem können sich die Erreger über die Blutbahn auf alle anderen Organe ausbreiten und eine Blutvergiftung verursachen (Sepsis). Das Herz-Kreislaufsystem kann innerhalb von Stunden versagen und zum Tode führen.
Infektionsweg
Sowohl Viren, Bakterien, Parasiten wie auch chemische oder physikalische Einflüsse können zu Atemwegserkrankungen führen. Die Infektion mit den unterschiedlichen Erregern erfolgt in den meisten Fällen aerogen, d. h. über die Luft bzw. als Tröpfcheninfektion.
Krankheitsentstehung
Aus einer leichten Erkältung kann sich eine schwere Lungenentzündung entwickeln. Zu einer viralen Infektion kann besonders bei abwehrgeschwächten Patienten eine bakteriell ausgelöste, so genannte Sekundärinfektion kommen.
Wenn sich die Entzündung bis in die Alveolen (Lungenbläschen) ausbreitet, kommt es zu einer Ansammlung von Flüssigkeit, die zu Schleim eindicken kann. Der Gasaustausch zwischen Lunge und Blut wird behindert, die Patienten atmen schwer und leiden unter Sauerstoffmangel. Die Krankheit kann sich sehr schnell entwickeln und innerhalb von Stunden zum Tode führen.
Behandlung
Leichte Formen der Atemwegserkrankungen, wie z. B. eine Erkältung, erfordern im Allgemeinen keine medikamentöse Behandlung.
Bei einer Lungenentzündung ist eine stationäre Aufnahme zur Beobachtung und Behandlung der Patienten empfohlen. Da sich dies vor allem in abgelegenen ländlichen Gebieten oft nicht durchführen lässt, werden leichtere Fälle ambulant behandelt. Die Angehörigen erhalten die Medikamente für die betroffenen Patienten jeweils nur für einen Tag und müssen am nächsten wiederkommen. So wird neben der Kontrolle der Medikamenteneinnahme die tägliche Beobachtung des Krankheitsverlaufes gewährleistet. Sind die Erkrankten durch ihre Pneumonie zu stark geschwächt, um das Antibiotikum zu schlucken, verabreicht es Ärzte ohne Grenzen als Kurzinfusion intravenös. Ersatzweise können manche Antibiotika auch intramuskulär gegeben werden.
Körperliche Schonung ist auch nach Rückgang des Fiebers wichtig. Um die Schleimlösung in der Lunge zu unterstützen und die Flüssigkeitsverluste durch das hohe Fieber wieder aufzufüllen, muss der Patient ausreichend trinken.
Außerdem können neben der medikamentösen Therapie begleitend physiotherapeutische Übungen wie die Thoraxmassage angewendet werden, damit der sich in der Lunge bildende Schleim besser abgehustet werden kann.
Vorgehen bei Epidemie
Atemwegsinfektionen treten das ganze Jahr über auf, gehäuft jedoch in kalten Monaten. Die Grippe führt zum Beispiel häufig zu Epidemien in den Wintermonaten. Aber auch in heißen Klimazonen wie der Sahara und der Sahelregion in Afrika sinken die Temperaturen nachts stark ab.
Bei schwierigen Lebensbedingungen, wie z. B. in einem Flüchtlingslager oder nach einer Naturkatastrophe, kommt es häufig zu einer rasanten Zunahme der Atemwegserkrankungen. Vor allem bei Kindern, abwehrgeschwächten und alten Menschen kann es zu lebensbedrohlichen Infektionen kommen. Eine schnelle Behandlung ist notwendig.
Ärzte ohne Grenzen schult Gesundheitshelfer in der Diagnostik und Behandlung von Atemwegserkrankungen, damit schwere Infektionen rechtzeitig erkannt und therapiert werden. Für die medizinisch meist nicht vorgebildeten Mitarbeiter ist es wichtig, anhand der Symptome Fieber, Husten und beschleunigter Atmung eine Lungenentzündung diagnostizieren und von weniger gefährlichen Atemwegserkrankungen unterscheiden zu können. Bei Verdacht auf eine Lungenentzündung muss der Patient so schnell wie möglich von einem Arzt behandelt werden.
Vorbeugung
Nur gegen wenige Erreger von Atemwegserkrankungen steht eine Impfung zur Verfügung, wie z. B. die Impfung gegen die Grippe.
Meist ist es schwierig, Atemwegserkrankungen zu verhindern, da die auslösenden Erreger durch Sprechen, Husten oder Niesen ständig weiterverbreitet werden. Überfüllte Wohnsituationen, wie beispielsweise in Flüchtlingslagern, begünstigen die rasche Ausbreitung der Keime.
Ärzte ohne Grenzen geht bei der Präventionsarbeit deshalb von mehreren Ansatzpunkten aus:
- Die frühzeitige Erkennung und Behandlung von schweren Formen der Atemwegserkrankungen, vor allem der Lungenentzündung steht im Vordergrund.
- Mit den nationalen Behörden und den Vereinten Nationen wird in Flüchtlingssituationen über mehr Platz für die Menschen in Flüchtlingslagern verhandelt. Angestrebt wird eine Fläche von mindestens 3,5 m2 pro Person. In manchen Flüchtlingslagern steht gerade einmal ein Viertel dieser Fläche pro Person zur Verfügung, was zu einer schnellen Ausbreitung der Erreger führt.
- Information und Aufklärung der Familien über die Krankheitsentstehung und die Bedeutung ausreichender Belüftung ihrer Unterkünfte kann schwerwiegenden Erkrankungen der Atemwege vorbeugen.
- Die prophylaktische Gabe von Vitamin A im Abstand von drei Monaten an alle Kinder stärkt deren Abwehrsystem und beugt so Infektionskrankheiten vor. Diese Prophylaxe kann außerdem eine durch den Mangel an Vitamin A bedingte Erblindung verhindern.
- Weiterhin müssen Zelte, Decken und Kleidung für Personen zur Verfügung gestellt werden, die aufgrund von Flucht oder Naturkatastrophen ihre Unterkünfte verloren haben.



