Die Stadt Chitungwiza entstand in den achtziger Jahren als Sammelbecken für Menschen, die keinen Lebensraum in Harare fanden. Heute zählt sie rund 1,1 Millionen Einwohner. Fehlende Gelder haben dazu geführt, dass Chitungwiza seine öffentlichen Leistungen nicht adäquat aufrecht erhalten kann – seit Ende vergangenen Jahres haben die Bewohner beispielsweise häufig kein fließendes Wasser.
Dies führte zum einem zu einem Mangel an sauberem Trinkwasser, aber auch zu einer Verstopfung von Abwasserrohren, wodurch diese schließlich brachen. Chitungwiza ist nur eines der Beispiele für die Verschlechterung der Infrastruktur in Simbabwe in den vergangenen fünf Jahren.
Da die Wasserversorgung während der letzten drei Monate immer wieder unterbrochen wurde, waren die Bewohner mancher Bezirke gezwungen, ungesicherte Brunnen zu graben, um ihren Wasserbedarf zu decken. Zudem mussten viele ihre Notdurft auf den umliegenden Feldern verrichten, da sie ihre Toiletten nicht spülen konnten. Gesetze in den Gemeinden untersagen jedoch den Bau alternativer Einrichtungen, wie etwa Latrinen. Die Kombination aus verschmutzten Brunnen und gebrochenen Abwasserrohren bietet der Cholera einen fast idealen Brutplatz. Die Krankheit wird durch Trinkwasser übertragen und die Erreger entwickeln sich in unhygienischer Umgebung. In den ländlichen Gegenden Simbabwes ist Cholera während der Regenzeiten zwischen November und März endemisch. In Städten und während der Trockenzeit tritt sie jedoch äußerst selten auf. Erwartungsgemäß wird der bevorstehende Regen die Situation weiter verschlechtern: Das zusätzliche Regenwasser wird die stehenden Abwässer weiter in die ungeschützten Brunnen spülen.
Die ersten Cholerafälle wurde Anfang September im Krankenhaus von Chitungwiza festgestellt, wohin Ärzte ohne Grenzen regelmäßig HIV/AIDS Patienten zur weiterführenden Behandlung verlegt. Das Gesundheitsministerium hat seither verkündet, dass neun Menschen in Chitungwiza an der schweren Durchfallerkrankung gestorben sind. Der Großteil der Patienten kommt aus der gleichen Straße in der Stadt, die etwa 100 Häuser zählt. Dort wohnen jeweils mindestens drei Familien zusammen. Das bedeutet, dass potentiell zwischen 2000 und 5000 Menschen in Gefahr sind, sich mit der Infektionskrankheit anzustecken.
Um der Herausforderung zu begegnen, hat das Gesundheitsministerium gemeinsam mit Ärzte ohne Grenzen zwei Cholerabehandlungszentren aufgebaut. Eines ist im Chitungwiza Krankenhaus untergebracht, das andere befindet sich näher an der betroffenen Gemeinde. Im Schnitt wurden in beiden Behandlungszentren zunächst acht bis zehn Cholerapatienten pro Tag aufgenommen, die Zahl ist inzwischen auf unter fünf gesunken. Gleichzeitig wurden Interventionen zur Versorgung der Bewohner mit sauberem Trinkwasser gestartet. Rund 200 Menschen kommen täglich mit Verdacht auf Cholera in die Zentren. Hohe HIV/AIDS-Raten und die generell schlechten hygienischen Bedingungen führen bei vielen Bewohnern zu Durchfällen. Bei all diesen Patienten muss festgestellt werden, ob sie tatsächlich an Cholera erkrankt sind. Ärzte ohne Grenzen und die städtischen Gesundheitsbeauftragten teilen sich daher die technische Expertise, um sachgemäße Diagnosen sicherzustellen.
Ärzte ohne Grenzen engagiert sich in dieser Krise auch mit anderen Aktivitäten. Mobile Teams kümmern sich darum, die betroffene Gemeinde auf die Krankheit aufmerksam zu machen. Zudem arbeitet die Organisation daran, die Epidemie einzudämmen, weitere Ansteckungen zu verhindern und den Zugang zu sauberen Trinkwasser zu sichern. Darüber hinaus setzen sich die Mitarbeiter für die langfristigen Bedürfnisse der Gemeinde ein. Um diese aufwendigen Aufgaben wahrzunehmen hat Ärzte ohne Grenzen weitere Akteure zur Unterstützung geworben: UNICEF versorgt die Gemeinde nun mit Wasser, andere Organisationen verteilen Hilfsgüter.
Diese Unterstützung erlaubt Ärzte ohne Grenzen, sich hauptsächlich auf die medizinischen Aspekte der Intervention zu konzentrieren. Dabei arbeiten Teams eng mit den zuständigen Behörden zusammen, um aktiv nach Patienten zu suchen. Sie nehmen etwa an Beerdigungen teil und verfolgen Verbindungen zu bereits bekannten Fällen. Durch Aufklärung der Menschen wird darauf gehofft, dass sie nicht im Stillen an Cholera sterben, entweder weil sie nicht wissen, woran sie leiden oder weil sie zu krank sind, um ins nächste Zentrum zu kommen. Für das Eindämmen der Ansteckungsrate sind zudem Desinfektionsteams sehr wichtig. Sie desinfizieren die Haushalte und Küchenutensilien erkrankter Patienten mit Chlor, um die Möglichkeit der Ansteckung weiterer Familienmitglieder zu reduzieren.
Seit Beginn des Ausbruchs wurden mehr als 90 Verdachtsfälle in den zwei Cholerazentren in Chitungwiza behandelt. Die Behandlung variiert je nach Schwere des Falles, in der Regel reicht jedoch die Gabe von viel Flüssigkeit mit Elektrolyten, um den meisten Patienten das Leben zu retten.
Der Zugang zu ausreichenden Mengen an sauberem Trinkwasser und eine Lösung des städtischen Abwasserproblems muss nun gefunden werden, bevor die Regenzeit im November anfängt und die Probleme noch größer werden. Die Behörden müssen sich diesem Problem unbedingt widmen, um mittel- und langfristige Lösungen zu finden. Ärzte ohne Grenzen unterstützt die Bevölkerung und beteiligt sich daran, gemeinsam mit allen Akteuren vor Ort nach Lösungen zu suchen – nicht nur um eine größere Krise im öffentlichen Gesundheitswesen abzuwenden, sondern auch, um die Würde des gefährdeten Bezirks wieder herzustellen.
Ärzte ohne Grenzen ist seit 2000 in Simbabwe tätig und kümmerte sich dort zunächst um Nahrungsmittelmangel. Als Reaktion auf die HIV/AIDS-Krise hat die Organisation im Verlauf der vergangenen Jahre Projekte mit HIV-Fokus in Epworth, Gweru, Bulawayo, Tsholotsho, Buhera und Beitbridge ins Leben gerufen. Die Programme sind in die Gesundheitsstrukturen Simbabwes integriert und bieten mehr als 40.000 HIV positiven Patienten medizinische Versorgung. Etwa 22.000 der Patienten erhalten eine antiretrovirale Therapie (ARV). Die Teams von Ärzte ohne Grenzen behandeln zudem Tuberkulose und Mangelernährung und widmen sich gesundheitlichen Notsituationen, wie den Cholera-Ausbrüchen in den Jahren 2006 und 2008 und einem Ausbruch von Durchfall im Jahr 2007. Zuletzt reagierte Ärzte ohne Grenzen auf einen Cholera-Ausbruch im Frühjahr 2008 in Mashonaland im Nordosten der Hauptstadt Harare.