Tuesday, 22. May 2012 | 20:55 CEST

img2321.jpg
Im Jahr 2004 gingen von Österreich aus bisher 75 Freiwillige auf Einsatz in die verschiedensten Krisengebiete der Welt. Immer mit demselben Ziel: Hilfe zu leisten für Menschen in Not.Foto: © MSF
Veröffentlicht am 17.12.2004
Share |
A A

Ärzte ohne Grenzen feiert zehnjähriges Jubiläum in Österreich

Ärzte ohne Grenzen blickt mit Freude auf erfolgreiche zehn Jahre in Österreich zurück und nimmt das Ereignis zum Anlass, den Fokus auf jene Einsatzländer zu richten, die trotz unzureichende medizinische Versorgung, hohe Kindersterblichkeit, Hunger und Leid in der Medienberichterstattung vernachlässigt werden.

Wie alles begann

Die Geschichte von Ärzte ohne Grenzen in Österreich begann in den frühen 90er Jahren: Der junge Wiener Arzt Clemens Vlasich wollte nach seinem Turnus für einige Zeit in einem "Entwicklungsland" arbeiten. Vlasich fand in Österreich niemanden, der ihm bei seinem Anliegen weitergeholfen hätte. Da erinnerte er sich an eine Organisation, die ihm positiv aufgefallen war, als er in Marseille einen Kurs für Tropenmedizin absolviert hatte: "Médecins sans frontières" - Ärzte ohne Grenzen. Clemens Vlasich setzte sich mit dem Pariser Büro der Organisation in Verbindung, bewarb sich für einen Hilfseinsatz und ging im Jänner 1992 nach Bangladesch. Sechs Monate lang half er die medizinische Versorgung der Rohingya zu sichern, moslemische Flüchtlinge aus Myanmar, die sich vor der Verfolgung in ihrer Heimat nach Bangladesch gerettet hatten. Die Professionalität und die Effi- zienz, die er bei der Arbeit mit Ärzte ohne Grenzen erlebte, beeindruckten den jungen Arzt nachhaltig. Nach seiner Rückkehr organisierte Vlasich gemeinsam mit dem Auslandsbüro der österreichischen Ärztekammer Informations-Veranstaltungen in Wien und Innsbruck. Ärzte ohne Grenzen sollte in Österreich vorgestellt werden, gleichzeitig galt es festzustellen, ob österreichische Mediziner an Auslandseinsätzen grundsätzlich interessiert wären. Der Zuspruch war vielversprechend: Im Zuge der beiden Veranstaltungen bewarben sich schon einige Ärzte, Krankenschwestern und Pfleger für freiwillige Hilfseinsätze.

Die Gründung 1994

Die Euphorie war groß: Im Juni 1994 wurde Ärzte ohne Grenzen als Verein eingetragen. Erste Rekrutierungsgespräche fanden noch im Kaffeehaus statt, bis im Sommer des Jahres ein kleines Büro in der Wiener Gumpendorferstraße bezogen wurde. Zwei Angestellte und - nach ein paar Zeitungsinseraten - bald eine Reihe ehrenamtlicher Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen: Die österreichische Sektion von Ärzte ohne Grenzen konnte ihre Arbeit aufnehmen. 1997 gingen immerhin schon acht Freiwillige von Österreich aus auf Einsatz in verschiedene Krisenregionen, die Zahl der Interessenten nahm deutlich zu. Das Büro in der Gumpendorferstraße wurde bald zu klein, ein größeres wurde in der Josefstädterstraße gefunden.

1999 bringt den Durchbruch in Österreich

Gerade als sich die österreichische Sektion daran machte, ihr fünfjähriges Bestehen zu feiern, wurde Ärzte ohne Grenzen der Friedensnobelpreis zugesprochen. Das Medienecho war - auch in Österreich - enorm. Der Nobelpreis steigerte nicht nur die Bekanntheit der Organisation - mittlerweile war Ärzte ohne Grenzen fast jedem zweiten Österreicher ein Begriff - sondern auch das Vertrauen vieler Spender. Im folgenden Jahr wurde in Österreich das Spendengütesiegel eingeführt; Ärzte ohne Grenzen war eine der ersten Organisationen, die es bekam - mühelos, denn die strengen Kriterien dafür waren von vornherein erfüllt. Die Werbe- und Informations-Kampagnen von Ärzte ohne Grenzen wurden immer wieder mit Preisen ausgezeichnet. Die österreichische Sektion ist mittlerweile auch Ansprechpartner für viele Mediziner aus Mittel- und Osteuropa, die sich für Auslandseinsätze interessieren. Das auf zwanzig ständige und mindestens ebenso viele ehrenamtliche Mitarbeiter angewachsene Büro übersiedelte im Juli 2004 in die Taborstraße im 2. Wiener Bezirk. Zehn Jahre, nachdem eine Handvoll engagierter Menschen die österreichische Sektion von Ärzte ohne Grenzen ins Leben gerufen hatte, liegt der Bekanntheitsgrad der Organisation in Österreich heute bei 79 Prozent. Allein im Jahr 2004 gingen von Österreich aus bisher 75 Freiwillige auf Einsatz in die verschiedensten Krisengebiete der Welt. Immer mit demselben Ziel: Hilfe zu leisten für Menschen in Not.

Ärzte ohne Grenzen zeichnet Leistungen im Dienste der humanitären Hilfe aus

Im Rahmen der Festveranstaltung anlässlich "10 Jahre Ärzte ohne Grenzen in Österreich" wurde am 22. November in Wien der "medicus" 2004 verliehen. Diese Auszeichnung wird von Ärzte ohne Grenzen jährlich an Personen und Institutionen vergeben, die sich durch ihr besonderes Engagement im Dienste der medizinisch-humanitären Hilfe hervorgetan haben. "In den vergangenen zehn Jahren ist es durch den Einsatz von Ärzte ohne Grenzen in Österreich gelungen, an vielen Orten der Welt Not zu lindern, Menschenleben zu retten und die Augen der Weltöffentlichkeit für die Notwendigkeit der humanitären Hilfe zu öffnen. Heute wollen wir die Leistungen derjenigen ins Rampenlicht stellen, die daran maßgeblichen Anteil haben", erklärte Dr. Clemens Vlasich, Gründer und Präsident von Ärzte ohne Grenzen Österreich. "Exemplarisch für die Vielfalt der Unterstützung, die Ärzte ohne Grenzen zuteil wird, haben wir drei der hervorragendsten Beispiele ausgewählt, auch wenn uns - und das freut mich besonders - angesichts der vielen möglichen Kandidaten die Wahl sehr schwer gefallen ist."

"medicus" 2004

Die Verleihung des "medicus" 2004 fand anlässlich der Feier von "10 Jahre Ärzte ohne Grenzen in Österreich" in der Remise in Wien 2 statt. Dr. Clemens Vlasich ehrte gemeinsam mit mobilkom austria Chef Boris Nemsic die Preisträger. Als Ehrengast der Feier würdigte Bundespräsident Dr. Heinz Fischer die Leistungen und Verdienste der Organisation für humanitäre Hilfe und Menschen in Not. Rund 550 Gäste - darunter die Schauspielerin Katharina Stemberger, Volksopern-Direktor Rudolf Berger, News-Verlagschef Rudi Klausnitzer, ORF-Licht ins Dunkel-Chef Jörg Ruminak, Agenturchef Rudi Kobza sowie zahlreiche Mediziner, die bereits für die Organisation auf Einsatz waren - sorgten für preiswürdige Stimmung. Thema des Abends waren die "vergessenen Länder" - einige der weltweit ärmsten Länder, wie z.B. Bangladesch, Malawi oder Inguschetien, die in Österreichs Medien kaum Erwähnung finden. Mit der aktuellen Kampagne will Ärzte ohne Grenzen die Notsituation in diesen Ländern stärker im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankern.

Hilfe für "Vergessene Länder"

Eine von Ärzte ohne Grenzen Anfang 2004 in Auftrag gegebene Untersuchung zeigt: Einige der weltweit ärmsten Länder (u.a. Bangladesch, Malawi oder Inguschetien) kommen in Österreichs Printmedien praktisch nicht vor. Dabei sind gerade diese Länder besonders stark von Katastrophen - Krankheit, Hunger, Flüchtlingselend, Krieg - betroffen. Befürchtete Folge: Das Wissen über Leben und Leiden in weiten Teilen der Welt wird in Österreich immer geringer. Um dem entgegenzuwirken, startet Ärzte ohne eine breit angelegte Informationskampagne - an den Schulen, in den Medien und auf den Straßen. "Vergessene Katastrophen sind die katastrophalsten" lautet die Botschaft der Kampagne, mit der Ärzte ohne Grenzen die weißen Flecken auf der Weltkarte in die Erinnerung zurückrufen will.

Kreativ-Wettbewerbe richten sich an die Jugend

Mit einem Kreativ-Wettbewerb an Österreichs Schulen und einem Jung-ReporterInnen-Wettbewerb (in Kooperation mit "Reporter ohne Grenzen") setzt Ärzte ohne Grenzen auf das Engagement der Jugend: Die neu gestartete Jugendaktion "Break the Silence" soll Jugendliche dazu anregen, sich auf kreative und eigenständige Art und Weise mit den Menschen und dem Leben in den "vergessenen Ländern" auseinander zu setzen. Die erfreuliche Zwischenbilanz nach Anmeldeschluss: 130 Anmeldungen gingen aus ganz Österreich zu den Jugend-Wettbewerben ein. Unterrichtsmaterialien als kostenlosen Download und alles rund um die Jugendaktion "Break the Silence" gibt es auf der eigens eingerichteten Jugendwebsite von Ärzte ohne Grenzen Österreich unter www.breakthesilence.at. Dort findet sich auch ein Online-Spiel "Remembery" - eine spielerische Reise durch die zehn "vergessenen Länder". Poster zur aktuellen Kampagne "Vergessene Katastrophen sind die katastrophalsten" können unter jugend@aerzte-ohne-grenzen.at bestellt werden.

Mediathek und Archiv