Ärzte ohne Grenzen hilft den Opfern sexueller Gewalt in Burundi
Im September 2003 eröffnete Ärzte ohne Grenzen in der burundischen Hauptstadt Bujumbura ein Gesundheitszentrum für Frauen. Dort wurde mit einem Projekt begonnen, das sich nicht nur mit den medizinischen, sondern auch den psychologischen und sozialen Auswirkungen sexueller Gewalt beschäftigt.
Es war nicht leicht, dieses Programm in einem Land wie Burundi zu starten, in dem es für den Begriff "Vergewaltigung" nicht einmal ein Wort gibt. Zehn Monate besteht das Gesundheitszentrum jetzt, und der Projektalltag hat bestätigt, wie dringend die Opfer sexueller Gewalt Hilfe benötigen.
Die Stigmatisierung der Frauen muss verhindert werden
Das Gesundheitszentrum ist im Zentrum von Bujumbura angesiedelt, neben dem Markt, wo sich auch eine Bushaltestelle befindet. Die Patientinnen können also dorthin kommen, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Es gibt dort außerdem ein Beratungsprogramm zur Familienplanung, und sexuell übertragbare Krankheiten werden behandelt. Auf diese Weise soll eine Stigmatisierung der betroffenen Frauen vermieden werden.
Burundi hat einen jahrelangen Bürgerkrieg hinter sich, und auch jetzt kommt es immer wieder zu Kämpfen zwischen Milizen und Regierungstruppen. Ein Teil der Frauen ist deshalb von sexueller Gewalt betroffen, die in direktem Zusammenhang mit dem Krieg steht und z. B. von Soldaten oder anderen bewaffneten Männern verübt wird. Emmanuelle Delmarquett, die als Psychologin im Gesundheitszentrum arbeitet, schätzt jedoch, dass die Hälfte der Gewaltdelikte von Zivilisten begangen werden. In der Hälfte dieser Fälle kennen die Frauen den Täter.
Gesundheitszentrum als Zufluchtsort
Das Gesundheitszentrum von Ärzte ohne Grenzen ist ein geschützter Raum, in dem sich jede Besucherin frei äußern kann. Dort wird absolute Vertraulichkeit garantiert. Die Art der medizinischen Behandlung hängt davon ab, mit welchem Zeitverzug eine Patientin nach einer Vergewaltigung in das Gesundheitszentrum kommt. Die MitarbeiterInnen behandeln (gynäkologische) Verletzungen und gehen dem Problem einer möglichen Ansteckung mit HIV/Aids oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Hepatitis B nach. Wenn die Frauen innerhalb von 72 Stunden nach der Vergewaltigung Hilfe aufsuchen, kann mit der "Pille danach" auch eine ungewollte Schwangerschaft verhindert werden. Nach dem ersten Besuch werden die Frauen sechs Monate lang medizinisch betreut. Zudem gibt es die Möglichkeit einer psychologischen und sozialen Betreuung.
Klagen haben kaum Chancen
In Burundi werden vergewaltigte Frauen oftmals von ihrem Ehemann oder ihrer Familie verstoßen. In einer ohnehin von großer Armut betroffenen Gesellschaft werden sie so völlig mittellos. "Unsere Sozialarbeiterin kümmert sich um die Situation jeder einzelnen Frau: um die Mittel, die ihr zurzeit zur Verfügung stehen, und ihre künftigen Bedürfnisse. Dann suchen wir sowohl in ihrer lokalen Gemeinde als auch im Netzwerk der Nichtregierungsorganisationen Lösungen für ihre Probleme", berichtet Emmanuelle.
Die Sozialarbeiterin berät die Betroffenen auch, wenn sie Klage einreichen wollen. Obwohl immer mehr Frauen die Einleitung eines Gerichtsverfahrens wünschen, ist es sehr schwierig, dies durchzuführen und dann auch eine Verurteilung zu erreichen.
Mit Aufklärung das Schweigen brechen
"Wir sind uns darüber im Klaren, dass nicht alle Betroffenen zu uns kommen. Daher ist es für uns ganz wichtig, Aufklärungsarbeit zu leisten", erklärt die Projektmitarbeiterin Fabienne de Leval. "Wir versuchen in der Öffentlichkeit vor allem eines klarzumachen: Niemand darf einen anderen ohne dessen Zustimmung berühren - ganz egal welchen Alters oder Geschlechts. Obwohl es in Burundi in dieser Hinsicht noch sehr viel zu erreichen gilt, wurde zumindest das Schweigen gebrochen."

