Ärzte ohne Grenzen verlässt Afghanistan nach Mord und Drohungen
Mit Bitterkeit und Wut gibt Ärzte ohne Grenzen gestern die Schliessung sämtlicher medizinischer Programme in Afghanistan bekannt. Ärzte ohne Grenzen hat sich zu diesem Schritt entschieden, nachdem fünf Ärzte ohne Grenzen-Mitarbeiter bei einem mutwilligen Angriff am 2. Juni 2004 getötet wurden, als sie in der nordwestlichen Provinz Baghdis in einem klar markierten Fahrzeug von Ärzte ohne Grenzen in einen Hinterhalt gelockt wurden.
Beispielloser Gewaltakt
Unsere Kollegen wurden erbarmungslos erschossen. Diese absichtliche Tötung von fünf Mitarbeitern ist beispiellos in der 30jährigen Geschichte von Ärzte ohne Grenzen, in der wir humanitäre Hilfe in einigen der gewalttätigsten Konflikte der Welt geleistet haben.
Sicherheit seitens der Regierung nicht gewährleistet
Obwohl Ärzte ohne Grenzen von Regierungsvertretern glaubwürdige Beweismittel erhalten hat, dass lokale Kommandeure den Angriff ausgeführt haben, wurden diese weder verhaftet noch wurde ihre Festnahme öffentlich verlangt. Dies zeigt, dass die afghanische Regierung ihrer Verantwortung nicht nachkommt, die Sicherheit von humanitären Helfern im Land zu gewährleisten.
Taliban kündigten weitere Anschläge an
Nach dem Mordanschlag hat zudem ein Sprecher der Taliban die Verantwortung für die Tat übernommen. Er erklärte, dass Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen für amerikanische Interesse arbeiteten und deshalb mit weiteren Angriffen rechnen müssten. Diese Anschuldigung ist Ärzte ohne Grenzen zufolge falsch und ungerechtfertigt. Eines der wichtigsten Prinzipien der Organisation war stets die klare Trennung der humanitären Hilfe von politischen Interessen. Die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen orientiert sich allein an den Bedürfnissen der Not leidenden Menschen. Die Drohung der Taliban stellt eine Weigerung dar, unabhängige und unparteiische humanitäre Hilfe zu akzeptieren.
Kranke und Bedürftige sind Leidtragende
In den vergangenen 24 Jahren hat Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan medizinische Hilfe geleistet, unabhängig davon, welche politische Partei oder militärische Gruppierung gerade an der Macht war. "Es macht uns wütend und traurig, dass wir die afghanische Bevölkerung nach so vielen Jahren in ihrer Not allein lassen müssen", erklärte Marine Buissonnière, Generalsekretärin von Ärzte ohne Grenzen. "Doch wir können die Sicherheit unserer Kollegen nicht auf's Spiel setzen, wenn Kriegsparteien humanitäre Helfer zur Zielscheibe erklären. Letztendlich werden die Kranken und Bedürftigen darunter am meisten leiden."
Unparteilichkeit nicht mehr möglich
Die Gewalt gegen humanitäre Helfer spielt sich vor dem Hintergrund einer zunehmenden Instrumentalisierung der Hilfe durch die US-geführte Koalition in Afghanistan ab. Die Koalitionsstreitkräfte missbrauchen die Hilfe beständig für ihre militärischen und politischen Ziele und versuchen damit, die "hearts and minds" der afghanischen Bevölkerung zu gewinnen. Dadurch wird humanitäre Hilfe nicht mehr als unparteilich und neutral angesehen. Dies wiederum gefährdet die Helfer und die Hilfe selbst. Erst am 13. Mai 2004 hatte Ärzte ohne Grenzen öffentlich gegen die Verteilung von Flugblättern der Koalition protestiert. Darin wurde die Bevölkerung aufgefordert, Informationen über die Taliban oder Al Kaida weiterzugeben, wenn sie weiterhin humanitäre Hilfe erhalten wolle.
Übergabe der Projekte
Humanitäre Hilfe ist nur dann möglich, wenn bewaffnete Parteien die Neutralität, Unabhängigkeit und den Schutz von humanitären Helfern respektieren. Mehr als 30 Helfer wurden seit Anfang 2003 in Afghanistan getötet. Die Ermordung der fünf Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, die Unfähigkeit der afghanischen Regierung, die Schuldigen festzunehmen sowie die falschen Anschuldigungen der Taliban haben es für Ärzte ohne Grenzen unmöglich gemacht, weiterhin die afghanische Bevölkerung zu unterstützen.
Bis zur Ermordung der fünf Mitarbeiter arbeitete die Organisation mit 80 internationalen sowie 1.400 afghanischen Mitarbeitern in 13 Provinzen des Landes. Die Aktivitäten umfassten Programme zur Basisgesundheitsversorgung, zur Verbesserung der Frauengesundheit sowie Tuberkuloseprojekte. In den kommenden Wochen wird Ärzte ohne Grenzen alle Programme an das afghanische Gesundheitsministerium sowie andere Organisationen übergeben.
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