Tuesday, 7. February 2012 | 20:56 CET

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Vertriebenenlager im Distrikt Bong im Nordosten LiberiasFoto: © logistique/MSF
Veröffentlicht am 09.02.2006
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Als Hebamme auf Einsatz in Liberia

In den vergangenen neun Monaten hat Lisa Errol, Hebamme aus Neuseeland, Schwangere im Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen im Vertriebenenlager in Salala im Distrikt Bong behandelt. Das Lager entstand 2003, nachdem Zehntausende Liberianer aus ihren Dörfern fliehen mussten, weil Rebellen und Regierungskräfte im Bezirk Lofa im Nordosten des Landes und anderen Teilen von Bong gegeneinander kämpften. Seit zwei Jahren versorgt Ärzte ohne Grenzen das Lager mit Wasser und medizinischer Versorgung, wozu Impfungen, die therapeutische Ernährung von unterernährten Kindern und die Behandlung von Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose gehören. Während die Gewalt als Bedrohung in den Hintergrund geraten ist, stellen vorbeugbare Krankheiten wie Tetanus ein ernsthaftes Risiko für die Schwangeren dar, die von Errol im Krankenhaus behandelt werden. Viele der Frauen, die sich hier behandeln lassen, kommen aus den umliegenden Dörfern. Hier erzählt Errol die tragische Geschichte einer jungen Patientin.

Zwei große verängstigte Augen starrten mich an, als ich den bewegungslosen kleinen Körper behutsam von der Tragbahre aufs Bett lege. Alice glühte vor Fieber, konnte nicht sprechen und kaum atmen. Immer wieder wurde ihr Körper von Muskelkrämpfen geschüttelt und die Tetanuserkrankung, die in ihrem Körper wütete, krampfte ihren Kiefer fest zusammen. Nur ihre Augen waren geöffnet, bewegten sich hin und her, während sie verzweifelt versuchte, sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Seit 24 Stunden unfähig zu essen, zu trinken, zu schlucken oder zu sprechen, wurde sie von ihren Brüdern, ihrem Ehemann und ihrer Großmutter vom Dorf bis zum Spital getragen. 12 Stunden waren sie in der tropischen Hitze Westafrikas gelaufen, um im nächstgelegenen Spital Hilfe zu finden.



Sechs Tage zuvor hatte sie einen winzigen Jungen mit gerade einmal 1500 g Gewicht in einer Frühgeburt zu Hause in ihrem Dorf zur Welt gebracht. Bei der Geburt anwesend waren ihre Mutter und Schwestern und vielleicht eine der traditionellen Geburtshelferinnen. Das ist die Regel in den meisten Dörfern Liberias. Das Wasser zum Trinken und Waschen wird aus dem nahe gelegenen Bach geholt, der gleichzeitig auch als Latrine des Dorfs herhalten muss. Malaria und Diarrhöe sind die häufigsten Krankheiten im Dorf, denen hauptsächlich die Jungen und die Alten zum Opfer fallen. Die Durchschnittszahl der Schwangerschaften, die eine liberianische Frau in ihrer fruchtbaren Zeit erlebt, liegt bei vierzehn. Gerade einmal fünf oder sechs dieser Kinder überleben.

Abgeschnitten von medizinischer Versorgung

Abgeschnitten von den größeren Städten durch Straßen, die nur zu Fuß passierbar sind, hatte Alice bisher keine pränatale Versorgung erhalten – weder bei dieser noch ihren vorherigen Schwangerschaften. Nie hatte sie die Gelegenheit, sich gegen die Kinderkrankheiten immunisieren zu lassen, die es im Westen nur noch sehr selten gibt. Und ihre schwachen Beine – kraftlos von der Polio, die sie im Alter von vier Jahren hatte – zeugen vom hohen Preis, den sie für die fehlende medizinische Versorgung zu zahlen hatte.



Obwohl sich ihre Familie liebevoll um sie kümmerte, war sie bisher kaum aus ihrem Haus und ihrem Dorf weggekommen. Früher wurde das Dorf nur bei besonders schwerer Krankheit verlassen oder um sich in den nahe gelegenen Urwald zu flüchten, wenn im Laufe des 14-jährigen Bürgerkriegs in Liberia immer wieder die kämpfenden Horden vergewaltigend und plündernd in das Dorf einfielen.



Jetzt, mit 18, ist ihr zarter Körper, der gerade einmal 30 kg wiegt, von der Tetanus-Erkrankung schwer gezeichnet. Neben ihr zappelt das winzige Baby, das gefüttert werden will. Der Kleine hat das Fieber, das seine Mutter ergriffen hatte, wie durch ein Wunder überlebt. Während sie um ihr Leben kämpft, wurde er von der Großmutter an die Brust gehalten aus Angst, Alice könnte das Kind durch weiteres Stillen anstecken.

Gefahren der Schwangerschaft

Die Geburt findet im ländlichen Teil Liberias auch 2005 meistens immer auf einer Matte auf einem Lehmboden statt – ohne saubere Instrumente, um die Nabelschnur zu durchtrennen. Häufig sind Infektionen wie Tetanus die Folge davon. Viele Frauen bleiben ungeimpft – trotz großer Bemühungen von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und den nationalen Gesundheitsstellen, die derzeit versuchen, Basisimpfungen in den zugänglichen Gegenden von Liberia bereitzustellen.



Geschulte Geburtshilfe für Frauen gibt es nur, wenn sie in der Nähe einer großen Stadt mit einer Geburtsklinik leben. Ein großer Teil der vorhandenen Gesundheitsinfrastruktur wurde während des Kriegs zerstört. Ausgebildete Hebammen sind rar und die wenigen, die es gibt, ziehen es vor, in den größeren Städten zu arbeiten. Hier erhalten sie höhere Löhne und haben Zugang zu Spitälern und Krankenhäusern, die entweder vom Staat oder von NGOs unterstützt werden. Das Leben in den abgelegenen Dörfern ist für sie nicht attraktiv – und gerade hier würden sie am dringendsten gebraucht.

Der Kampf geht weiter

Trotz dieser Schwierigkeiten kämpft Alice weiter um ihr Leben. Durch Glück oder vielleicht die "Gnade Gottes", wie die Menschen hier oft sagen, wurde sie gegen Ende ihres langen Transports in einer Hängematte auf dem Weg zur Stadt von einem vorbeifahrenden Fahrzeug von Ärzte ohne Grenzen, das gerade von einem Einsatz zurückkehrte, gesehen und mitgenommen. Nach einer Fahrt von noch einmal anderthalb Stunden kam sie dann ins Ärzte ohne Grenzen-Krankenhaus in Salala, zwei Stunden nordöstlich der Hauptstadt Monrovia.



Zwei Wochen verstrichen und erstaunlicherweise war Alice immer noch am Leben. Das Fieber war verschwunden und die Muskelkrämpfe schienen von Tag zu Tag schwächer zu werden. Das Diazepam, mit dem ihre Krämpfe unter Kontrolle gebracht wurden, wurde nun langsam reduziert. Sie war immer noch nicht in der Lage, zu schlucken, daher wurde ihr Milch mit hohem Proteingehalt durch eine Nasenmagensonde zugeführt. Doch von Zeit zu Zeit gab sie einen Ton von sich und bewegte sogar ihren Arm ein wenig, was mich auf eine baldige Genesung hoffen ließ. Niemand wusste, wie schnell sie Fortschritte machen würde oder welche Form der Behinderung zurückbleiben würde – vor allem vor dem Hintergrund, dass die wenigen Leute, die ich mit Tetanuserkrankung erlebt hatte, maximal ein, zwei Tage überlebt hatten. Ihr Baby brachte mittlerweile 2 kg auf die Waage und wurde jeden Tag stärker. Vielleicht motivierte sie das, ihren Überlebenskampf nicht aufzugeben.



Solche kleinen Fortschritte schienen ein Wunder zu sein an einem Ort, wo das Pflegepersonal auf alle Einrichtungen und Hilfsmittel verzichten muss, die in den Industriestaaten zur Selbstverständlichkeit geworden sind, z. B. Intensivstationen, Sauerstoffversorgung, Bluttestapparate, Geräte zum Überprüfen des Elektrolytengehalts auf Kalium oder Calcium, Tropf, Herzmonitore oder andere dieser "Geräte für Intensivpatienten" – und bis auf wenige Grundmedikamente auch auf pharmazeutische Unterstützung. Hier gute Hebammenarbeit zu leisten, ist eine ständige Herausforderung. Doch dank der Unterstützung von Ärzte ohne Grenzen und der vielen Leute, die ich hier sehe, wie Alice und ihre Familie, bin ich motiviert, hier das zu tun, was ich tun kann.

Zu viel für ihren schwachen Körper

Aber die Krankheit war zu viel für ihren schwachen Körper und Alice starb genau drei Wochen nach ihrer Aufnahme ins Spital. Nachdem es ihr Ende der zweiten Woche scheinbar besser zu gehen schien, erlitt sie drei Tage später einen Rückfall und bekam eine Lungenentzündung. Danach erlangte sie das Bewusstsein nicht wieder zurück. Ihre Großmutter und ihr Baby begleiteten ihre Leiche am folgenden Tag zurück ins Dorf, wo sie beerdigt wurde. Ich hoffe, ihre Schwester erklärt sich damit einverstanden, ihren Kleinen zu nehmen, da sie schon ein älteres Kind gestillt hatte. Die Chancen, dass Alice? Baby ohne seine Mutter überlebt, sind gering hier, aber ich hoffe weiter auf ein Wunder. Kleinkinder auf normales Essen umzustellen ist praktisch ein Todesurteil, da es hier so wenige saubere Trinkwasserquellen gibt.

Impfkampagne gegen Tetanus

Da Tetanus hier wie ein Damoklesschwert über den Schwangeren hängt, beschloss das Team von Ärzte ohne Grenzen in Salala, eine Impfaktion zu starten, um alle Frauen im Vertriebenenlager vor ihrer Rückkehr in ihre Heimatdörfer, die sie auf der Flucht vor dem Krieg verlassen hatten, zu impfen. Das Lager wird in den nächsten Monaten schließen, wenn die restlichen Vertriebenen sich auf den Heimweg machen. Ein anderes Team von Ärzte ohne Grenzen bietet medizinische Versorgung in Kolahun, einer der größeren Städte in der Lofa-Region, wo die meisten Lagerbewohner vor dem Krieg wohnten.



Von den circa 12.000 verbleibenden Einwohnern sind nach Schätzungen des Teams 1.500 Frauen im gebärfähigen Alter noch ungeimpft oder nur teilweise immunisiert. Bei einem mobilen medizinischen Einsatz im November wurden mehr als 1.400 Frauen geimpft, die anderweitig keine Chance auf einen Tetanusschutz gehabt hätten.



Und mit Hilfe der ?medizinischen Besucher? können geschulte nationale Mitarbeiter die Impfkampagne im Lager bekannt machen. Wir führen einen zweiten Impfdurchgang in ähnlichem Umfang im Dezember durch. Dadurch erhalten diese Frauen ein bis zwei Jahre Schutz. (Vier Injektionen, von denen die dritte zwischen sechs Monaten und einem Jahr nach Verabreichung der zweiten stattfinden muss, sind erforderlich, um eine Immunität für zehn Jahre zu gewährleisten.) Geplant ist, dass bis zu dieser Zeit die lokalen medizinischen Versorgungsteams eingerichtet sind und dass das Team in Kolahun weiterhin medizinische Unterstützung und regelmäßige Impfungen bereitstellen wird.

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