"Ausbeutung und absolut nichts als Gegenleistung"
Nigeria kann sich nicht aus dem Würgegriff gieriger Ölmultis und religiöser Einpeitscher befreien - fünfter Teil der Standard-Serie zur neuen Herbst-Kampagne von Ärzte ohne Grenzen.
Mit den Models verließen auch die Fotografen und Kameraleute Nigeria. Zurück blieben 220 Tote, eine gescheiterte Misswahl und nicht enden wollende ethnische und religiöse Spannungen, die seit drei Wochen größtenteils wieder unter Ausschluss der Weltöffentlichkeit stattfinden. "Wie man es auch wendet, das Zusammenleben zwischen Nord und Süd, zwischen Christen und Muslimen, Haussa und Yoruba funktioniert einfach nicht", sagt Christa Rabeck, die lange für Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Nigeria war.
130 Millionen Menschen leben im bevölkerungsreichsten Land Afrikas. Der ehemalige Militärmachthaber Olusegun Obasanjo führte den Ölstaat 1999 in die Demokratie. Er versprach wirtschaftliche Reformen, Stabilität und ein friedliches Zusammenleben aller 250 Stämme am Niger. Jetzt, vier Monate vor der nächsten Präsidentenwahl, steht das Land schlechter da als je zuvor.
70 Prozent der Nigerianer leben laut Weltbank von weniger als einem Dollar am Tag. Und das trotz der geschätzten 280 Milliarden Dollar, die Abuja jährlich durch Ölförderung einnimmt. "Es ist wirklich ein Skandal, wie die Ölfirmen Land und Leute ausbeuten und absolut nichts als Gegenleistung bieten", erläutert Rabeck, die für ein Malariaprojekt im ölreichen Nigerdelta gearbeitet hat. "Die Menschen dort haben überhaupt keine Lebensqualität, obwohl jeden Tag Millionenwerte durch die Pipelines auf ihrem Gebiet fließen."
Dass sich die Situation in Nigeria in naher Zukunft ändern wird, glaubt Rabeck nicht. Obasanjo, der sich im April wieder den Wählern stellen will, brauche das Geld der Ölmultis und die Stimmen des muslimischen Nordens. Von ihm sei also weder etwas gegen ausbeuterische Konzerne noch islamische Fundamentalisten zu erwarten. "Das Einzige", so Rabeck, "was dem Land helfen könnte, wären Hilfsgelder, die verpflichtend an die Bildung der Bevölkerung gekoppelt sind. Nur so lässt sich der Kreislauf von Hass und Ausbeutung unterbrechen."
Christoph Prantner/DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2002

