Betreff: Cholera-Einsatz Dhaka
Tag 12 meines Einsatzes in Bangladesch, höchste Zeit für einen kurzen Bericht:
Dhaka, die Hauptstadt Bangladeschs, 15 Millionen Einwohner, ist eine rasch wachsende Megalopole, die Infrastruktur kann mit dem enormen Siedlungsdruck und Bevölkerungswachstum nicht annähernd Schritt halten. Die Hälfte der Einwohner lebt unter besonders prekären Bedingungen in Slums an der Peripherie. Dort fehlt es nicht nur an Infrastruktur, sondern sind diese Stadtteile auch am tiefsten gelegen. Die Menschen leiden daher ganz besonders an den Folgen der enormen Flutkatastrophe, die Bangladesch und angrenzende Teile Indiens im August heimsuchte. Manche Viertel stehen schon seit Wochen unter Wasser.
In Folge ergeben der Mangel an sauberem Trinkwasser, die unzulänglichen hygienischen Lebensbedingungen zusammen mit der hohen Bevölkerungsdichte einen perfekten Nährboden für Cholera.
Als Ende August die Zahl der Cholerafälle in Dhaka 1.000 pro Tag überschritt, beschloss Ärzte ohne Grenzen zu intervenieren. Die Strategie besteht darin, möglichst nahe (soweit es die Überflutungen eben zulassen) an die medizinisch schlecht versorgten Slums heranzurücken, um damit für die Kranken leicht erreichbar zu sein. Wir haben daher im Südwesten der Stadt, im Stadtteil Dhalpur, ein Cholerabehandlungszentrum (CTC) errichtet und in drei weiteren Stadtteilen Außenposten, wo Patienten erstversorgt und dann ins CTC verlegt werden können. Damit decken wir den gesamten Süden der Hauptstadt ab.
Seit 29. August behandeln wir nun ca. 50 - 70 neue Fälle pro Tag stationär bzw. geben Rehydrierungsgetränke an die leichteren Fälle ab. Daneben betreiben wir die Propagierung von Hygienemaßnahmen. Was uns positiv stimmt: Der Trend der Neuerkrankungen ist seit ein paar Tagen sinkend, der Höhepunkt der Infektionen scheint überschritten zu sein.
Wie findet man in Dhaka bloß einen Platz, um ein Cholerabehandlungszentrum einzurichten? Nun, das war ein Abenteuer für sich und hat auch seinen Preis. Ich werde wohl lebenslänglich von der Internationalen Criquet Union Platzverweis haben. Uns blieb nichts anderes übrig, als nach langen, zähen Verhandlungen einen Criquet-Platz für das CTC in Beschlag zu nehmen. Nun ist Criquet in Bangladesch in etwa das, was Fußball und Skifahren zusammen für Österreich sind. Ihr müsst Euch das so vorstellen, wie wenn im Happelstadium auf dem Spielfeld lauter Cholerazelte stehen würden!
Noch ein paar Worte zu meiner Arbeit. Unser siebenköpfiges Team besteht aus einer Ärztin (Birgit Kistenich aus Österreich), zwei Krankenpflegern (USA und Neuseeland), einer Projektkoordinatorin (NL) und ich bin einer von drei Logistikern (plus USA und NL). Wir haben innerhalb einer Woche, zum Teil schon während des laufenden Betriebs, Zelte mit 100 Betten errichtet. Die Kapazität ließe sich innerhalb kürzester Zeit auf 200 aufstocken. Dazu eine Wasserversorgungsanlage, Latrinen, Duschen und Infrastrukturen wie Lager, Apotheke, Registrierung. Im Moment bin ich für die Hygiene, Versorgung, Lager und Bewachung verantwortlich, nachdem unsere Bauprojekte abgeschlossen sind. Größte Herausforderung für mich ist der Transport, da wir Tonnen an Materialien ins CTC schaffen müssen. Der Verkehr in Dhaka allerdings ist höllisch, das Wort Stossverkehr nimmt man hier wörtlich, es geht zu wie im Autodrom. Gefahren wird immer auf Tuchfühlung, jeder Zentimeter muss erkämpft werden.
Wir arbeiten in drei Schichten, zur Zeit haben wir einen freien Tag nach sieben Arbeitstagen. Mit uns arbeiten 160 Bangladeschi, deren Training und Supervision unsere Hauptaufgabe ist. Die Subteams spielen sich immer besser ein und die Ablaufe werden immer routinierter und effizienter. Es besteht also Aussicht, dass wir in Zukunft etwas mehr Ruhezeit bekommen werden.
All zuviel habe ich von Dhaka noch nicht gesehen, die Stadt ist unglaublich lebendig, laut und hektisch. Im Gegensatz zu meinem letzten Einsatz muss ich hier nicht hungern, man kann sehr, sehr gut (auch gut gewürzt) und vor allem abwechslungsreich essen.
Ich bin schon gespannt, wie sich unser CTC weiterentwickeln wird. Ich freue mich, Euch darüber auf dem Laufenden zu halten.
Liebe Grüsse
Marcus

