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Demokratische Republik Kongo: Von Krieg und Krankheiten gezeichnet
Die extremen Entbehrungen und die Gewalt, denen Millionen von Kongolesen ausgesetzt sind, werden vom Rest der Welt kaum wahrgenommen. Die erneut aufgeflammten Kämpfe zwischen der kongolesischen Armee (FARDC) und den Mai-Mai-Rebellen haben seit Mitte November zur Vertreibung von Zehntausenden von Menschen aus der Provinz Katanga im Südosten der Demokratischen Republik Kongo (DRK) geführt. Anfang Dezember waren nach einem Angriff Bewaffneter auf ein Vertriebenenlager in Katanga rund 3.000 Menschen gezwungen, erneut zu fliehen, um ihr Leben zu retten. Diese Welle der Gewalt ist nur eine in einer langen Reihe, welche die Menschen im Kongo über sich ergehen lassen mussten. Durch zehn Jahre Krieg und Zerstörung ist das bereits geschwächte Gesundheitssystem völlig kollabiert, und die Menschen im ganzen Land befinden sich in einer akuten Notlage. Im vergangenen Jahr waren erneut die Regionen Ituri, Nord-Kivu und Süd-Kivu im Nordosten das Epizentrum der Gewalt; hier kämpfen verschiedene Gruppen um die Kontrolle der Rohstoffe in der Region, berauben die Bevölkerung und verüben brutale Gewaltakte gegen Frauen. Die Nothilfeprogramme in der Demokratischen Republik Kongo sind gegenwärtig der größte Einsatz von Ärzte ohne Grenzen weltweit, und neueste Studien weisen in mehreren Regionen auf eine erschreckend hohe Kindersterblichkeit hin, die in der von der Gewalt geplagten Stadt Lobutu sechsmal höher ist als der Schwellenwert, ab dem man von einer Notsituation ausgeht; in der vergleichsweise ruhigen Stadt Inongo fünfmal höher. Die Studien belegen auch, dass nur ein kleiner Teil der Bevölkerung Zugang zu Gesundheitseinrichtungen hat, geschweige denn zu Behandlungen, auch in Regionen, die weitgehend gewaltfrei sind, unter anderem weil die Menschen die für Behandlungen verlangten Gebühren nicht bezahlen können. Dies führt zu einer noch größeren Zahl an Opfern von einfach zu behandelnden Krankheiten wie Malaria und Cholera sowie von HIV/Aids und Tuberkulose. Obwohl der Krieg im Jahr 2003 offiziell beendet wurde, hat sich die Lage in letzter Zeit verschärft, und die Friedensbemühungen und politischen Anstrengungen haben die Lebensbedingungen der Kongolesen kaum verbessert. In mehreren Landesteilen bleibt die Lage äußerst kritisch und verlangt nach einem Ausbau der Nothilfeprogramme.
Foto: © Sven Torfinn/HH
Tschetschenien: Enormer Bedarf, Unsicherheit und kaum Hilfe für leidgeprüftes Volk
Die traumatisierten Zivilisten befinden sich im Würgegriff der Streitkräfte der Russischen Föderation und der tschetschenischen bewaffneten Gruppen: Sie tragen weiterhin die Hauptlast dieses Dauerkrieges, und es gibt keinen sicheren Zufluchtsort für sie. Tausende Zivilisten wurden gegen ihren Willen aus den Zeltlagern in Inguschetien zurück in ihre zerstörten Dörfer und Städte getrieben, und sie sehen sich wieder derselben Angst, Gewalt und Isolation ausgesetzt, vor denen sie ursprünglich geflohen waren. Regierungsvertreter behaupten, die Lage in Tschetschenien habe sich "normalisiert", aber Säuberungsaktionen zur Aushebung mutmasslicher Rebellen, Landminenunfälle, das Verschwinden von Menschen und Gewalt durch lokale Milizen sind an der Tagesordnung. Die unsichere Lage erlaubt den Einsatz internationaler humanitärer Mitarbeiter kaum. Trotzdem hat Ärzte ohne Grenzen Mittel und Wege gefunden, durch tschetschenische Mitarbeiter Gesundheitsstrukturen und Chirurgieprogramme zu unterstützen und in mehreren Regionen Projekte zu starten. Im von Ärzte ohne Grenzen unterstützten Spital Nummer Neun in Grozny, dem grössten Zentrum für Chirurgie in Tschetschenien, hat das Personal letztes Jahr hunderte von Patienten operiert, die an auf Gewalt zurückzuführenden Verletzungen litten, darunter Opfer von Schusswunden und Landminen. Von den zurückgekehrten Tschetschenen sind viele nach wie vor intern Vertriebene, da ihre Häuser zerstört oder ihre Städte zu unsicher sind. Die Lebensbedingungen der Tausenden von Vertriebenen, die nach wie vor in Inguschetien sind, schwanken zwischen schwierig und unhaltbar, wobei viele in völlig überbelegten, nasskalten, halb verfallenen Gebäuden leben, in denen Krankheiten wie Tuberkulose und Lungenentzündung grassieren. "In letzter Zeit stoßen wir nur noch auf völlige Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung; die können wir nicht behandeln", erklärt eine Krankenschwester von Ärzte ohne Grenzen in Inguschetien, die selber aus Tschetschenien vertrieben wurde. Obwohl die Lage in der Region nach wie vor höchst unsicher ist, gibt es nur sehr beschränkte internationale Hilfsangebote, und der tschetschenische Konflikt kann noch lange nicht von der internationalen Agenda gestrichen werden.
Foto: © Eddy van Wessel
Haiti: Eine von Wellen der Gewalt erschütterte Hauptstadt
Seit Präsident Jean-Bertrand Aristide im Februar 2004 ins Exil gezwungen wurde, sind in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince viele Menschen Wellen der Gewalt ausgesetzt. In den Quartiers populaires genannten Slums am Meer wurden Menschen von allen möglichen bewaffneten Gruppen erschossen oder auf andere Art ermordet - absichtlich und unabsichtlich, und die politische und kriminelle Gewalt hat sich anschließend auf die ganze Stadt ausgeweitet. Ärzte ohne Grenzen behandelte 2005 in einem Trauma-Zentrum in der Hauptstadt mehr als 2.250 Menschen mit gewaltbedingten Verletzungen, davon rund 1.500 Opfer von Schussverletzungen. Die Hälfte der Behandelten sind Frauen, Kinder und ältere Menschen, was die Zahl der zivilen Opfer weiter erhöht. Entsetzt über die Verschlechterung der Sicherheitslage rief Ärzte ohne Grenzen im Juli alle bewaffneten Gruppen auf, die Sicherheit der Zivilisten zu gewährleisten und den Verwundeten Zugang zu medizinischer Nothilfe zu gestatten. Am nächsten Tag wurden jedoch 27 Opfer mit Schusswunden ins Trauma-Zentrum eingeliefert, davon drei Viertel Frauen und Kinder, die während einer eintägigen Militäroperation der Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Haiti (MINUSTAH) in der Cité Soleil verwundet wurden, dem gewalttätigsten Teil der Hauptstadt. Im August eröffnete Ärzte ohne Grenzen im Herzen der Cité Soleil, wo 250.000 Menschen in tiefster Armut leben und praktisch keinen Zugang zu Gesundheitsversorgung haben, das Choscal-Spital und das Chapi-Gesundheitszentrum. Innerhalb von nur drei Monaten gab Ärzte ohne Grenzen nahezu 12.000 Sprechstunden und behandelte mehr als 800 Patienten auf der Notfallstation. "Die Zivilisten in vielen Teilen von Port-au-Prince kämpfen um ihr Leben", erklärt Ali Besnaci, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in Haiti. "Jeden Tag sagen uns Leute in der ganzen Stadt, sie hätten noch nie ein solches Mass an Gewalt erlebt."
Foto: © Kevin Phelan/MSF
HIV/Aids: Keine Forschung und Entwicklung für in armen Regionen einsetzbare Mittel
Das Gesamtbild ist bekannt: Mehr als 40 Millionen Menschen weltweit haben HIV/Aids und jeden Tag sterben 8.000 Menschen an aidsbedingten Krankheiten, davon 1.400 Kinder. Über die HIV/Aids-Pandemie wird in den Medien zwar regelmässig berichtet, jedoch fast nie darüber, dass es praktisch keine Forschung und Entwicklung (F&E) für neue Medikamente gibt, die speziell für die am meisten von Aids betroffenen Menschen einsetzbar sind: die Armen in den Entwicklungsländern. Um eine HIV-Infektion bei einem Kind zu diagnostizieren, ist heute noch eine sehr ressourcenintensive Technologie nötig, so dass nur wenige HIV-positive Kinder eine lebensverlängernde Behandlung beginnen können und die Hälfte von ihnen vor dem zweiten Geburtstag stirbt. Auch wenn die Kinder rechtzeitig getestet werden, gibt es noch keine Dosierungen für Kinder der einfach einnehmbaren antiretroviralen Medikamente (ARV), wie sie für Erwachsene existieren. Wenn die Ausbreitung der Pandemie gebremst werden soll, dann sind auch substantielle Investitionen in folgenden Bereichen nötig: diagnostische Tests, mit denen auf Tuberkulose geprüft werden kann, der Haupttodesursache von Menschen mit HIV/Aids. Der heutige Speicheltest ist über 100 Jahre alt und funktioniert bei gleichzeitig mit HIV-infizierten Patienten nicht. Weiter braucht es Hilfsmittel, mit denen die Ärzte erkennen können, wann die eingesetzten ARV-Behandlungen nicht mehr greifen, damit sie die Patienten auf wirksamere Medikamente setzen können; sowie patientenfreundliche Kombinationen von Medikamenten der 2. Linie, so dass die Patienten beim Wechsel der Behandlung nicht noch grössere Pillenmengen zu schlucken haben. Ohne F&E für neue HIV/Aids-Tests und -Medikamente, die dem Umfeld von Menschen in armen Regionen angepasst sind, könnte sich die HIV/Aids-Katastrophe noch weiter ausweiten.
Foto: © Sebastien Le Clezio
Indien: Zusammenstösse im Nordosten fordern viele zivile Todesopfer
In den Bundesstaaten Assam und Manipur im Nordosten Indiens sind nach wie vor viele Zivilisten Opfer des wiederholten Aufflammens religiös und ethnisch bedingter Gewalt sowie des langdauernden Konflikts zwischen indischen Regierungsstreitkräften und militanten Gruppen. Beim letzten Gewaltausbruch und den darauf folgenden Vergeltungsmassnahmen im Distrikt Karbi Anglong in Assam wurden im Oktober 2005 mehr als 90 Personen getötet. Nach diesen Zusammenstössen, die im Nordosten Indiens nicht selten sind, flohen schätzungsweise 40.000 Menschen aus ihren Häusern in Karbi Anglong und im benachbarten Distrikt Nord-Cachar, um sich in den umliegenden Hügeln in Sicherheit zu bringen. Ohne Nahrungsmittel, Unterkunft und andere Ressourcen haben die Vertriebenen oft keine andere Wahl als sich in überfüllte staatliche Lager zu drängen, wo der allgemeine Mangel zum Ausbruch von tödlichen Masern- und Durchfallepidemien sowie von anderen Krankheiten führt. Aufgrund von politischen Erwägungen wurden Tausende Menschen unter erbärmlichen Bedingungen über acht Jahre in solchen Lagern festgehalten. In Goiramari waren die Vertriebenen so verzweifelt, dass sie drohten, in Hungerstreik zu treten. Vernachlässigung durch die Regierung, Terror durch bewaffnete Gruppen und die zermürbende Armut haben das vorhandene Gesundheitssystem der Region zugrunde gerichtet. Malaria ist eine schreckliche Plage für die Menschen, und nur wenige haben Zugang zu einer wirksamen Behandlung; Ärzte ohne Grenzen geht davon aus, in Assam allein 2006 rund 50.000 Menschen gegen Malaria zu behandeln. Der erbärmliche Zustand der Gesundheitsversorgung in Manipur zeigt sich auch in der steigenden Zahl der HIV/Aids-Todesopfer und der Tuberkulosekranken. Trotz der Existenz von Behandlungsmethoden für beide Krankheiten kann die nötige medizinische Hilfe die Mehrzahl der im Kampfgebiet gefangenen Zivilisten nicht erreichen.
Foto: © Henk Braam
Südsudan: Der Krieg ist offiziell zu Ende, aber die Grundbedürfnisse sind nicht gedeckt
Als die sudanesische Regierung und die den Südsudan kontrollierende Befreiungsarmee des Sudanesischen Volks (SPLA) im Januar 2005 einen Friedensvertrag unterzeichneten, war der längste Bürgerkrieg Afrikas offiziell Vergangenheit. Aber Hoffnung und Medieninteresse waren von kurzer Dauer. Ein Jahr später warten die besonders vom zwanzigjährigen Konflikt Betroffenen noch immer auf eine wirkliche Verbesserung ihrer erbärmlichen Lebensbedingungen. Die immer wieder auftretenden medizinischen Notfälle, die sporadischen Gefechte (am beunruhigendsten in Upper Nile und Western Equatoria) und die massive Rückkehr von Flüchtlingen in Gebiete mit minimalem oder gar keinem Zugang zu Gesundheitsversorgung bedeuten, dass die Menschen für die nächste Zeit von humanitärer Hilfe abhängig sein werden. Der völlige Mangel an Infrastruktur bedeutet, dass für die meisten nicht einmal eine medizinische Grundversorgung erreichbar ist, was zu einem hohen Auftreten von Krankheiten wie Masern führt, denen mit Impfungen vorgebeugt werden könnte, sowie von behandelbaren Krankheiten wie Malaria und Tuberkulose. Viele Patienten nehmen tagelange Fussmärsche auf sich, um nach Akuem, Bahr-El-Ghazal, zu gelangen, wo das Spital von Ärzte ohne Grenzen liegt, das einzige funktionierende Spital in der gesamten Provinz. Ärzte ohne Grenzen behandelt in der Provinz Upper Nile auch Kala Azar sowie in Western Equatoria die Afrikanische Schlafkrankheit. Bei 6 Millionen Menschen, von denen die meisten auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sind, geht es sehr schnell, dass eine Familie in eine schwere Nahrungsmittelkrise gerät. Im Jahr 2005 fiel kaum Regen und zugleich kehrten Zehntausende Vertriebene und Flüchtlinge aus den benachbarten Ländern zurück, was die chronische Nahrungsmittelunsicherheit der Region noch weiter verstärkte. Während des ganzen Jahres behandelte Ärzte ohne Grenzen Tausende Kinder wegen schwerer Mangelernährung in den Provinzen Upper Nile, Jonglei und Bahr-El-Ghazal, und für die Wiederansiedlung der Hunderttausenden, deren Rückkehr in den Südsudan dieses Jahr erwartet wird, wurden kaum Vorbereitungen getroffen. Dies kann zu einer weiteren Verschlimmerung der Lage für Menschen führen, die aus einer Region kommen, deren Ressourcen spärlich sind und deren Infrastruktur in Trümmern liegt.
Foto: © Marie-Pierre Barre / MSF
Somalia: Weiterhin Krieg, extreme Armut und Dürre
Seit 1991 ist Somalia ein Staat ohne funktionierende Zentralregierung. Der vierzehn Jahre dauernde Konflikt hat das Gesundheitssystem zum Kollabieren gebracht, so dass überhaupt keine medizinische Versorgung mehr vorhanden ist. In den meisten Landesteilen wurden die Kliniken und Spitäler geplündert oder von bewaffneten Gruppen schwer zerstört, und die UNO schätzt, dass auf 100.000 Menschen nur noch 4 Ärzte und 28 Krankenschwestern oder Hebammen kommen. Manchmal reisen die Leute bis zu 800 km, um eines der wenigen Gesundheitszentren zu erreichen. Das Ergebnis ist katastrophal: Mangelernährung, extreme Armut und Dürre sind nur einige der vielen Bürden, mit denen die Somalier zu kämpfen haben. Der mangelnde Regen im vergangenen Jahr - eine der schlimmsten Trockenzeiten seit zwölf Jahren - könnte in den kommenden sechs Monaten fast zwei Millionen Menschen im Süden einer akuten Nahrungsmittelknappheit ausliefern. Und doch arbeiten nur wenige Hilfsorganisationen in Somalia, da Gewalt derart verbreitet und die Clanstruktur des Landes sehr komplex ist. Ohne staatliche Gesundheitseinrichtungen ist der Bedarf jedoch schreiend hoch. Ärzte ohne Grenzen ist seit 1986 vor Ort und leistet in den am meisten betroffenen Gebieten im Süden und im Zentrum Somalias Nothilfe. Zusätzlich zur medizinischen Grundversorgung führen die Teams Operationen durch, behandeln Tuberkulose und Kala Azar und bieten Kinderheilkunde und therapeutische Ernährungsprogramme für schwer mangelernährte Kinder an. Aber die Hilfe kann den Bedarf bei weitem nicht decken, und weiterhin sterben Tausende von Somaliern im Schatten dieser vergessenen Katastrophe.
Foto: © Petterik Wiggers
Kolumbien: Gefangen zwischen Gewalt und Angst
Für die Kolumbianer, die seit 40 Jahren im Bürgerkrieg leben, hat sich im Jahr 2005 nicht viel geändert. Seit Jahrzehnten kämpfen Regierungstruppen, paramilitärische Gruppen und bewaffnete Guerillas gegeneinander um die Kontrolle über Drogenhandel und Bodenschätze und terrorisieren die Zivilbevölkerung auf dem Land und in den Städten. Gewalt ist weiterhin die häufigste Todesursache im Land, und mehr als drei Millionen Menschen sind aus ihren Heimatorten geflohen. Kolumbien hat nach dem Sudan und der Demokratischen Republik Kongo weltweit die dritthöchste Zahl an intern Vertriebenen; viele von ihnen suchen Sicherheit und Anonymität in den Barackensiedlungen ausserhalb der grossen Städte, wo Armut, Krankheiten und ebenfalls Gewalt vorherrschen. Allein in der ersten Jahreshälfte 2005 wurden bis zu 62.000 Menschen vertrieben - zehn Prozent mehr als im Vorjahr. Kürzlich leisteten Teams von Ärzte ohne Grenzen in Cordoba und Norte de Santander Nothilfe für Personen, die nach Angriffen vertrieben wurden. Bewaffnete Gruppen aller politischen Richtungen nutzen die Vertreibungen von Zivilisten als Kriegsstrategie. Zugleich führt die andauernde Gewalt gegen Zivilisten ? mit Hinrichtungen und Entführungen - zu immer mehr Vetreibungen und schwächt die psychische Widerstandskraft der Bevölkerung. Und obwohl die Vertriebenen ein Recht auf medizinische und soziale Dienste der kolumbianischen Regierung haben, sind viele aus Angst und Informationsmangel im System nicht registriert und haben deshalb keinen Zugang. Ärzte ohne Grenzen versucht, das Leid etwas zu mildern, und erbringt Basis-Gesundheitsdienstleistungen in Caqueta, Chocó, Cordoba, Sucre, Bolivar, Nariño, Norte de Santander, Tolima, Cundinamarca, und Bogota und betreut entlegene Regionen mit mobilen Teams.
Foto: © Pieter ten Hoopen/MOMENT
Nord-Uganda: Die Unsicherheit verschlimmert die verzweifelte Lage
Seit nahezu zwanzig Jahren leiden die Menschen in Nord-Uganda unter dem brutalen Konflikt, den Angriffen der Widerstandsfaktion Lord?s Resistance Army (LRA) und den Zwangsvertreibungen durch die Regierung. Heute leben mehr als 1,6 Millionen Menschen (fast 80 Prozent der Bevölkerung im Norden) entwurzelt in Lagern, die nur vermeintlich Sicherheit und kaum Hilfe bieten. Die Zahl der Todesopfer direkter Gewalt steigt immer weiter an. Zugleich sterben viele Menschen an behandelbaren Krankheiten wie Malaria, Atemwegs- und Durchfallerkrankungen. Die meisten Vertriebenen in Lagerstädten wie Gulu, Lira, Pader, Kitgum, Apac und Katakwi kämpfen unter erbärmlichen Bedingungen ums tägliche Überleben, und der chronische Nahrungsmittel- und Wassermangel sowie die Armut fordern einen hohen Tribut. Die Familien versuchen, mit dem Stress aus Krieg und Vertreibung zurechtzukommen, und zugleich droht durch hohe Erkrankungsraten an HIV/Aids das gesamte soziale Gefüge auseinanderzubrechen. Angriffe aus dem Hinterhalt auf Zivilisten und humanitäre Helfer in den Distrikten Kitgum und Pader gegen Ende 2005 haben die Furcht der Menschen massiv verstärkt und die verzweifelte Lage von Hunderttausenden weiter verschlechtert. Nach dem Morden rief Ärzte ohne Grenzen im November alle Parteien auf, die Sicherheit und Bewegungsfreiheit von Zivilisten sowie die Unabhängigkeit und Sicherheit der humanitären Helfer zu garantieren. Die medizinischen Teams von Ärzte ohne Grenzen leisteten im gesamten Norden weiterhin Nothilfe, warnten jedoch, dass die seit Jahren völlig ungenügende Hilfe für die Vertriebenen bei anhaltender Unsicherheit noch weiter reduziert werden könnte.
Foto: © Charla Jones
Elfenbeinküste: Verschärfte Krise
Der Krieg, der 2002 in der Elfenbeinküste begann, forderte das Leben von Tausenden Zivilisten und zwang Hunderttausende, von Zuhause zu fliehen. Der Krieg verwüstete die Lebensgrundlage vieler Bauern, beschädigte die Gesundheitsversorgung des Landes schwer und liess viele der Schwächsten ohne medizinische Grundversorgung und genügend Nahrungsmittel zurück. Im November 2004 und Februar 2005 brachen erneut Kämpfe aus, die zu noch mehr Toten und Vertreibungen führten. Zivilsten sind entlang der 1900 km langen Trennungslinie zwischen dem Norden und dem Süden, entlang der UNO und französische Soldaten patrouillieren, ständig von Gewalt bedroht. Die vor kurzem erfolgte Bildung einer Übergangsregierung bringt zwar etwas Hoffnung, aber noch keine Verbesserung der Lage für die Zehntausenden, die unter einfach zu behandelnden Krankheiten wie Malaria und Masern leiden. Das Gesundheitssystem funktioniert im grössten Teil des Landes nicht. Ärzte ohne Grenzen führt medizinische Programme auf beiden Seiten der Grenzlinie durch und ist häufig der einzige Anbieter einer kostenlosen Krankenversorgung und anderer Behandlungen. In den Spitälern von Bouaké, Man und Danané und in den Gesundheitszentren und mobilen Kliniken in Bangolo, Kouibly, Guiglo und Bin Houin bietet Ärzte ohne Grenzen eine medizinische Grundversorgung einschliesslich Kinderheilkunde, Notfallmedizin, Geburtshilfe und Gynäkologie sowie Chirurgie an. Mobile Kliniken im Westen versorgen die Menschen in abgelegeneren Gebieten. Potentiell lebensbedrohliche Malaria ist im ganzen Land eine großes Problem: Ärzte ohne Grenzen behandelte 2005 mehr als 70.000 Fälle. Auseinandergerissene Familien und das Einsickern von Soldaten über die Grenze setzen viele Frauen und junge Mädchen sexueller Gewalt, Prostitution, ungewollter Schwangerschaft sowie sexuell übertragbaren Krankheiten (STD) aus. Teams von Ärzte ohne Grenzen in der westlichen Elfenbeinküste registrierten alarmierend hohe Infektionsraten von sexuell übertragbaren Krankheiten und starteten deshalb zusammen mit den Behörden Programme zur Bekämpfung von HIV/Aids und Tuberkulose.
Foto: © Carl De Keyzer/Magnum Photos