Zentralafrikanische Republik
Die Zivilbevölkerung der Zentralafrikanischen Republik war 2006 erneut grausamer Gewalt ausgesetzt. Dieser jüngste Konflikt reiht sich ein in eine Serie von Putschversuchen und Aufständen, die das Land seit seiner Unabhängigkeit von Frankreich im Jahr 1960 erlebte. Und erneut erregte das Schicksal der 3,6 Millionen Einwohner des Landes keine internationale Aufmerksamkeit. Ärzte ohne Grenzen begann im November 2005 im Nordwesten der Zentralafrikanischen Republik erste Projekte und weitete sie im Verlauf des Jahres 2006 zunehmend aus. Foto: MSF/Ton Koene
Tuberkulose
In Industrieländern gilt viele Tuberkulose (TB) als Krankheit vergangener Zeiten. Dabei fordert sie weltweit immer mehr Menschenleben, besonders in Entwicklungsländern und oft im Zusammenhang mit HIV/Aids. Jedes Jahr sterben rund zwei Millionen Menschen an TB, rund neun Millionen erkranken an ihr. „Tuberkulose zerstört weltweit jährlich Millionen von Menschenleben. Das zeigt, dass der gegenwärtige Ansatz nicht funktioniert“, so der Arzt Tido von Schön-Angerer, der die Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen leitet. „Die Mittel, die wir zur Diagnose und Behandlung haben, sind völlig unangemessen und veraltet.“Foto: MSF/Petrana Ford
Tschetschenien
Der Konflikt in Tschetschenien und seine Auswirkungen für die Zivilbevölkerung wurden beinahe vollständig vor der restlichen Welt verheimlicht. Die Mehrheit der Tschetschenen, die während der schlimmsten Phasen des Krieges ins benachbarte Inguschetien flohen, sind mittlerweile zurückgekehrt. Obwohl der Wiederaufbau in der Hauptstadt Grosny und einigen anderen Städten im vergangenen Jahr an Fahrt gewonnen hat, sind Tausende Rückkehrer noch immer ohne Bleibe. Sie müssen stattdessen unter erbärmlichen Lebensbedingungen in Übergangswohnheimen ausharren.Ärzte ohne Grenzen leistet dringend notwendige medizinische und psychosoziale Hilfe in den Übergangswohnheimen und in verarmten ländlichen Gegenden, in denen die Gesundheitsversorgung kaum noch funktioniert. Foto: MSF/Misha Galustov
Sri Lanka
Die Zivilbevölkerung in Sri Lanka trägt die Hauptlast der Kämpfe, die im August 2006 vor allem im Osten und Nordosten des Landes zwischen den Regierungstruppen und den „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) wiederaufgeflammt sind. In den vom Krieg betroffenen Regionen kam es zu heftigen Bombardierungen, in deren Folge Zehntausende Menschen flohen. Dabei hat die Gewalt gegen Zivilisten zugenommen, wie auch der Mord an 17 humanitären Helfern der Organisation Action Contre la Faim (ACF) Anfang August verdeutlicht. Die Morde fanden in einem allgemeinen Klima von Verdächtigungen, Anschuldigungen, Restriktionen und Überwachung von Nichtregierungsorganisationen statt.Im Oktober musste Ärzte ohne Grenzen die Mitarbeiter aus der nordöstlichen Stadt Point Pedro abziehen, konnte jedoch Ende Dezember die Arbeit im dortigen chirurgischen Projekt wieder aufnehmen.Foto: MSF/Q.Sakamaki
Unterernährung
Jedes Jahr ist akute Unterernährung mitverantwortlich für den vermeidbaren Tod von Millionen Kindern. Weltweit weisen mehr als 60 Millionen Kleinkinder Zeichen akuter Unterernährung auf: Sie leiden unter plötzlichem Gewichtsverlust und können sterben, wenn sie keine spezielle Behandlung erhalten. Doch es gibt Anlass zur Hoffnung: Therapeutische Fertigprodukten wie Plumpy´Nut - eine Paste aus gemahlenen Erdnüssen und Milch, die mit Mineralien und Vitaminen angereichert ist – können bei der Behandlung von unterernährten Kindern, die keine weiteren medizinischen Komplikationen haben, helfen. In den vergangenen zwei Jahren hat Ärzte ohne Grenzen diese ambulante Behandlungsstrategie im verarmten zentralafrikanischen Niger angewandt und so mehr als 150.000 unterernährte Kinder behandelt. Foto: MSF/Anne Yzebe
Demokratische Republik Kongo
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten nahmen die Menschen in der Demokratischen Republik Kongo 2006 an demokratischen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen teil. Für einen kurzen Moment mag die Aufmerksamkeit auf das Land gerichtet gewesen sein. Doch die extremen Entbehrungen und die Gewalt, die Millionen Kongolesen erleiden, hielten unvermindert – und unbeachtet – an. Gewalt beherrschte viele Teile des Landes – etwa den an Bodenschätzen reichen Osten, die südöstliche Provinz Katanga und Nordkivu. Verschiedene bewaffnete Banden und die nationale Armee wandten diese auch gegen die Zivilbevölkerung an und schafften so entsetzliche Lebensbedingungen für die Menschen.Foto: MSF/Barry Gutwein
Somalia
Auch wenn der gegenwärtige Konflikt in Somalia vorübergehend weltweite Aufmerksamkeit erhält, bleiben die erbärmlichen Lebensbedingungen der Somalier weitgehend unbeachtet. Somalia hat einige der schlechtesten Gesundheitsindikatoren weltweit: Die Lebenserwartung wird auf 47 Jahre geschätzt und mehr als ein Viertel der Kinder stirbt vor dem fünften Geburtstag. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen versuchen, einige der riesigen Löcher in der medizinischen Versorgung Somalias zu stopfen.Die Mitarbeiter leisten medizinische Basisversorgung und unterstützen chirurgische Krankenhäuser und Kliniken.Foto: MSF/Jehad Nga
Kolumbien
Seit fünf Jahrzehnten herrscht in Kolumbien ein gewalttätiger Konflikt, und es gibt weltweit nur einen Staat, in dem mehr Menschen im eigenen Land auf der Flucht sind: Sudan. Massaker, Exekutionen, Einschüchterungen und Angst gehören in Kolumbien zum Alltag der Zivilbevölkerung in den betroffenen Gebieten. Zur Zeit sind etwa drei Millionen Menschen wegen der Gewalt aus ihren Dörfern geflohen. Der Konflikt wird durch den Drogenhandel verstärkt, in den Regierungstruppen, Paramilitärs und verschiedene bewaffnete Rebellengruppen verwickelt sind.Besonders schlimm ist die psychische Situation vieler Betroffener. Selbst akute Traumata, die dadurch entstehen, dass Menschen Opfer oder Zeugen von Gewalt werden, werden meist nicht behandelt.Durch permanente und mobile Kliniken kann Ärzte ohne Grenzen nur einen Bruchteil des riesigen Bedarfs decken.Foto: MSF/Stephan Vanfletere
Haiti
Gewalt und Unsicherheit waren 2006 in der haitianischen Hauptstadt Port au Prince weit verbreitet – unterbrochen nur durch eine kurze Atempause nach den Präsidentschaftswahlen im Februar. Obwohl die neu gewählte Regierung im Amt war, kam es immer wieder zu Konfrontationen zwischen verschiedenen bewaffneten Gruppen auf der einen und der nationalen haitianischen Polizei sowie den UN-Blauhelmsoldaten auf der anderen Seite. Hinzu kamen zahlreiche Entführungen und sexuelle Gewalt.Die Zahl der Patienten, die in den vier medizinischen Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen in Port au Prince behandelt wurden, gibt einen Eindruck davon, wie sehr die Menschen unter der endlosen Gewalt leiden: Seit Dezember 2004 wurden mehr als 7.000 Menschen behandelt, deren Verletzungen auf Gewalt zurückgingen.Foto: MSF/Guillaume Le Duc
Zentralindien
Die anhaltenden Konflikte in verschiedenen Landesteilen Indiens gehörten bereits im vergangenen Jahr zu den zehn humanitären Krisen, über die nicht berichtet wird. Im zentralindischen Chhattisgarh State kämpfen seit mehr als 25 Jahren maoistische Aufständische, indische Sicherheitskräfte und anti-maoistische Milizen gegeneinander. Mehr als 50.000 Menschen wurden durch diese Auseinandersetzungen vertrieben, einige von ihnen zur Flucht gezwungen. Ärzte ohne Grenzen leistet medizinische Hilfe in den Vertriebenenlagern im Dantewada Distrikt. Darüber hinaus organisieren die Teams mobile Kliniken in abgelegenen ländlichen Gebieten und verteilen Nahrungsmittel an Bedürftige.Foto: MSF/Henk Braam
Veröffentlicht am 09.01.2007
Die zehn vergessenen Krisen 2006
Obwohl Millionen von Menschen weltweit unter den Folgen von Konflikten leiden, bleiben diese für die Weltöffentlichkeit häufig unsichtbar. Über humanitäre Themen wie die verheerende Situation in der Zentralafrikanischen Republik, in Sri Lanka oder Kolumbien haben die Medien auch 2006 kaum berichtet. Die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen veröffentlichte am Dienstag eine Liste der zehn Krisen, die im vergangenen Jahr am wenigsten erwähnt wurden.
Nur gut sieben von insgesamt mehr als 14.500 Nachrichtenminuten haben die drei großen US-amerikanischen Fernsehsender im vergangenen Jahr über die aufgeführten Krisen berichtet. Dies zeigt eine Untersuchung von Andrew Tyndall, dem Herausgeber des Online-Magazins "The Tyndall Report".
"Das Leben in Haitis Hauptstadt Port au Prince beispielsweise ist seit langem von Gewalt geprägt. Doch obwohl das Land nur 50 Meilen von den USA entfernt liegt, hatten die Fernsehanstalten im vergangenen Jahr gerade mal 30 Sekunden Sendezeit dafür übrig", sagte Nicolas de Torrente, Geschäftsführer der US-amerikanischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen. Insgesamt wurden drei der Krisen aus der Liste in den Medien kurz als Randthemen erwähnt, über fünf gab es gar keine Berichterstattung. "Weltweit leiden Millionen Menschen unter den Folgen von Konflikten und Krankheiten, doch wir bekommen kaum etwas davon mit", so de Torrente.
Im Fall von Tuberkulose hat sich die ohnehin schon beängstigende Situation durch die Entdeckung der extrem resistenten Form (XDR-TB) 2006 beispielsweise noch verschärft. Keines der Medikamente, die sich momentan in der Entwicklung befinden, wird die Behandlungsmöglichkeit in naher Zukunft deutlich verbessern. "Obwohl Tuberkulose jedes Jahr mehrere Millionen Leben fordert, werden keine ausreichenden Anstrengungen unternommen, um die Krankheit zu bekämpfen", kritisiert Tido von Schön-Angerer, Direktor der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen.
"Wir wissen, dass Medienaufmerksamkeit allein noch keine Verbesserung bedeutet", so de Torrente. 2006 wurde über die sudanesische Krisenregion Darfur und den Osten des Tschad deutlich mehr berichtet als im Vorjahr. Die Lebensbedingungen der dortigen Bevölkerung haben sich jedoch nicht verbessert und die Sicherheitssituation in Darfur sich so weit verschlechtert, dass Ärzte ohne Grenzen die Programme vor Ort einschränken musste. Berichterstattung ist aber oft eine Voraussetzung für Hilfe und politische Aufmerksamkeit. Das Schlimmste ist, wenn Menschen in Not vollkommen vergessen werden."
Die zehn vergessenen Krisen 2006:
1. Zentralafrikanische Republik: Auf der Flucht vor Gewalt
2. Tuberkulose: Die Krankheit fordert immer mehr Menschenleben
3. Tschetschenien: Die Folgen des Krieges
4. Sri Lanka: Zivilisten unter Beschuss – Hilfe nur begrenzt möglich
5. Unterernährung: Wirksame Behandlungsstrategien werden nicht umgesetzt
6. Demokratische Republik Kongo: Extreme Entbehrungen und Gewalt
7. Somalia: Im Griff von Krieg und Katastrophen
8. Kolumbien: Leben in Angst
9. Haiti: Gewalt beherrscht die Hauptstadt
10. Zentralindien: Gewalt und Vertreibung