Durch Klicken auf die Pfeile gelangen Sie zu Bildern und Informationen zu den zehn vergessenen Krisen 2007Foto: © Jehad Nga
Somalia: Hunderttausende Vertriebene durch Konflikt in dramatischer Lage
Die Gewalt in Somalia hat im vergangenen Jahr das wohl schlimmste Ausmaß dervergangenen 15 Jahre erreicht; die durch den Konflikt Vertriebenen befinden sich in einerdramatischen Situation. Dennoch hat es den Anschein, als würden sowohl dieAufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit als auch die humanitäre Hilfe für die Menschen vor Ortallmählich abflauen. Äthiopische Truppen und Truppen der Übergangsregierung, unterstütztvon internationalen Partnern wie den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union,bekämpften sich mit verschiedenen bewaffneten Gruppierungen, darunter Anhänger derUnion Islamischer Gerichte. Die Auseinandersetzungen forderten bereits ungezählte Opferunter der Zivilbevölkerung und führten zur Vertreibung Hunderttausender aus der HauptstadtMogadischu.Ärzte ohne Grenzen ist in Mogadischu und anderen Orten des Landes seit Beginn diesesJahres verstärkt präsent. So hat die Organisation im April in Afgooye vor den Toren derHauptstadt ein Projekt gestartet. Rund 200.000 Menschen aus Mogadischu haben in derRegion Zuflucht gesucht. Die Menschen leben dort unter härtesten Bedingungen, ohneausreichend Wasser und Nahrung, praktisch auf der Straße. Viele der Menschen, die inMogadischu geblieben sind, hausen nur noch in Notunterkünften, nur noch mitKunststoffplanen und zerrissenen Stoffen als Schutz. Sie sind einem hohen Maß an Gewaltausgesetzt. Das Land ist vom 16 Jahre währenden Konflikt schwer gezeichnet, es herrschenerbärmliche Hygienebedingungen und die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt nur 47Jahre. Nur wenigen internationalen Hilfsorganisationen ist es dort gelungen, unabhängigeHilfsprogramme wirksam in die Tat umzusetzen. Ärzte ohne Grenzen, bereits seit 1991 vorOrt, hat seine Bemühungen im laufenden Jahr weiter verstärkt und leitet derzeit Projekte inzehn der elf Regionen in Süd- und Zentralsomalia.Sicherheitslage erschwert HilfeSpeziell im Gebiet um Mogadischu sieht sich Ärzte ohne Grenzen aufgrund der schlechtenSicherheitslage immer wieder daran gehindert, noch mehr Bedürftige zu erreichen. ImAugust hatte die Organisation bereits alle am Konflikt beteiligten Parteien aufgerufen, dieSicherheit des medizinischen Personals bei humanitären Hilfeleistungen in und umMogadischu zu gewährleisten. In den Krankenhäusern der Organisation von Kismayo bisGalcayo leisten die internationalen Teams medizinische Hilfe auf allen Bereichen bis hin zumchirurgischen Eingriff. Zu den alltäglichen Aufgaben gehört die Behandlung vonMangelernährung, Kala Azar (Leishmaniose) und Tuberkulose sowie die medizinischeVersorgung für Mütter und Kinder.Foto: © Jehad Nga
Simbabwe: Politische und wirtschaftliche Schwierigkeiten lösen Gesundheitskrise aus
Zunehmende Arbeitslosigkeit, galoppierende Inflation, Nahrungsmittelengpässe undpolitische Instabilität haben 2007 dazu beigetragen, Simbabwe weiter in den Ruin zu treiben.Es wird geschätzt, dass bei einer Gesamtbevölkerung von zwölf Millionen Menschen etwadrei Millionen Simbabwer in den vergangenen Jahren in Nachbarländer geflohen sind. Dasnationale Gesundheitssystem, das einst als eines der stärksten im südlichen Afrika galt,droht unter dem Gewicht dieser politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeitenzusammenzubrechen. Besonders dramatisch ist dies für die etwa 1,8 Millionen Simbabwer,die mit HIV/Aids leben. Zurzeit erhalten weniger als ein Viertel derjenigen, die dringendantiretrovirale Medikamente benötigen, diese lebensverlängernden Arzneimittel. So sterbendurchschnittlich 3.000 Menschen wöchentlich an der Immunschwächekrankheit.Die Aussichten für eine Ausweitung des nationalen Aidsprogramms sind dabei gering.Ausgebildetes medizinisches Personal verlässt das Land, das von der Regierungunterstützte HIV/Aids-Behandlungsprogramm ist überlaufen und der Mangel anantiretroviralen Medikamenten verhindert jegliche Ausweitung. Die Patienten müssen einigesauf sich nehmen, um die Krankenhäuser oder Kliniken zu erreichen, denn Benzin- undTransportkosten sind hoch.Ausweitung der Aidsprogramme kaum möglichDie Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Bulawayo, Tshlothso, Gweru, Epworth sowie anverschiedenen Orten der Provinz Manicaland bieten 33.000 HIV/Aidspatienten kostenloseBehandlung. Rund 12.000 von ihnen erhalten antiretrovirale Medikamente. Das entsprichtungefähr einem Zehntel all der Menschen in Simbabwe, die in Behandlung sind. Allerdingskann Ärzte ohne Grenzen die Projekte nicht ausweiten. Es fehlen ausgebildete medizinischeFachkräfte. Darüber gibt es hohe Auflagen für die Verschreibung von antiretroviralenMedikamenten. Letztlich verhindern auch zunehmend strengere bürokratische Erfordernisse,dass mehr internationale Mitarbeiter im Land arbeiten können.Parallel dazu spüren viele Simbabwer die gesundheitlichen Auswirkungen eines sichverschlechterten oder nichtexistenten Wasser- und Sanitärsystems. Im Verlauf des Jahres2007 kam es zu mehreren Ausbrüchen von Durchfallerkrankungen in der Hauptstadt Hararesowie in Bulawayo, der zweitgrößten Stadt des Landes. Wer aus dem Land flieht, ist ebensoin Gefahr. Dies bezeugen Berichte von Flüchtlingen, die entlang der Grenze zu Südafrikageschlagen und vergewaltigt wurden. Diejenigen, die es bis ins Nachbarland schaffen, lebenoft in den Slums, in denen es nur eine schlechte oder gar keine Gesundheitsversorgung gibt.Foto: © Michael G. Nielsen
Tuberkulose: Medikamentenresistente Tuberkulose schreitet voran, während neueArzneimittel ungetestet bleiben
Jährlich sterben etwa zwei Millionen Menschen an Tuberkulose (TB), weitere neun Millionenerkranken an der Infektionskrankheit. Trotz der steigenden Zahlen gibt es seit 1960 keineFortschritte bei der Behandlung. Der am häufigsten verwendete Diagnosetest – diemikroskopische Untersuchung des Sputums – wurde 1882 entwickelt und spürt Tuberkulosenur in der Hälfte aller Fälle auf. Obwohl rund 900 Millionen US-Dollar jährlich für Forschungund Entwicklung erforderlich sind, werden weltweit nur 206 Millionen US-Dollar investiert. FürMenschen mit HIV/Aids sind die Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten noch schlechter,obwohl sie eine leichte Beute für die Tuberkulose-Bakterien darstellen. Noch düsterer sinddie Überlebenschancen für diejenigen, die sich mit multiresistenter Tuberkulose (MDR-TB)anstecken – mehr als 450.000 Menschen pro Jahr – oder multiresistente Tuberkuloseaufgrund einer unvollständigen Behandlung entwickeln.Die Wenigen, die gegen multiresistente TB behandelt werden können, müssen bis zu 24Monate lang täglich einen Cocktail hochgiftiger und teurer Medikamente schlucken, die oftsehr starke Nebenwirkungen haben. In den Programmen von Ärzte ohne Grenzen inArmenien, Abchasien, Georgien, Kambodscha, Kenia, Thailand, Uganda und Usbekistanhielten, selbst unter besten Bedingungen, nur 55 Prozent der Patienten mit multiresistenterTB die Behandlung erfolgreich durch. Die übrigen Patienten starben, ihre Behandlung schlugnicht an oder die Patienten brachen die Therapie aufgrund der Nebenwirkungen ab.Mediziner, die sich dem Kampf gegen Tuberkulose verschrieben haben, sind zunehmendfrustriert – auch weil nicht alle neuen Medikamente an Patienten mit multiresistenterTuberkulose getestet werden, obwohl diese sie am Dringendsten benötigen. Ein Artikelinternationaler Experten, der kürzlich in der medizinischen Zeitschrift „PLoS Medicine“erschien, rief dazu auf, neue Medikamente an Patienten zu testen, deren Tuberkulose gegendie Standardbehandlung resistent ist. Dieser Ansatz könnte es erleichtern, die Wirksamkeitneuer Medikamente gegen TB-Bakterien zu ergründen und letztlich dieArzneimittelentwicklung voranzutreiben.Foto: © Brendan Bannon
Mangelernährung: Verstärkter Einsatz von nährstoffreicher Fertignahrungerforderlich, um Mangelernährung bei Kindern zu verringern
Akute Mangelernährung in früher Kindheit ist in weiten Gebieten am Horn von Afrika, in derSahelzone und in Südasien üblich. Diese Regionen gehören zu den Krisenherden in SachenMangelernährung. Mangelernährung ist mitverantwortlich für den Tod von jährlich fünfMillionen Kindern unter fünf Jahren. Als wirksame Gegenmaßnahme gibt es seit einigenJahren nährstoffreiche Fertignahrung, die das Leben von akut mangelernährten Kindernretten kann. Dabei handelt es sich um eine Paste aus Milch und Erdnussbutter. Sie istangereichert mit allen Vitaminen und Nährstoffen, die für eine schnelle Genesung nötig sind.Das Produkt muss weder gekühlt noch angerührt werden, so dass die meistenmangelernährten Kinder zu Hause behandelt werden können. Allerdings steht dieseSpezialnahrung bislang nur einem kleinen Teil schwer mangelernährter Kinder zurVerfügung.Ärzte ohne Grenzen ruft internationale Geldgeber dazu auf, den systematischen Kauf undGebrauch von Fertignahrung in den Ländern zu unterstützen, in denen es nötig ist. DieFertignahrung verhindert zudem bei frühzeitiger Einnahme, dass Kinder überhaupt an akuterMangelernährung leiden müssen. Internationale Nahrungsmittelprogramme für junge Kindersollten daher in besonders betroffenen Gebieten auf diese Behandlung setzen.In Niger startete Ärzte ohne Grenzen 2007 ein Pilotprojekt mit therapeutischerFertignahrung, um Mangelernährung bei rund 62.000 Kindern während der jährlichauftretenden Phase des Nahrungsmittelengpasses zwischen Aussaat und Ernte zuverhindern. Dieses Programm trug dazu bei, den Anstieg akuter Mangelernährung in einemder am meisten betroffenen Distrikte des Landes zu stoppen. Ärzte ohne Grenzen fordertdaher nicht nur, Fertignahrung insbesondere für Kinder einzusetzen, die erkrankt sind undsie dringend benötigen. Die Organisation mahnt auch verstärkte Bemühungen für denEinsatz von Fertignahrung als Nahrungsmittelzusatz an, um zu verhindern, dass Kinderüberhaupt an akuter Mangelernährung leiden müssen.Foto: © Anne Yzebe
Sri Lanka: Zivilbevölkerung gerät ins Kreuzfeuer des Konfliktes
Angst und Schrecken beherrschen in den östlichen und nördlichen Regionen Sri Lankas dieZivilbevölkerung, die sich zunehmend im Kreuzfeuer des bewaffneten Konflikts zwischenRegierungstruppen und Kämpfern der Rebellenbewegung LTTE (Liberation Tigers of TamilEeelam) wiederfindet. Die seit fast 25 Jahren immer wieder neu aufflackerndenKampfhandlungen wurden von der Weltöffentlichkeit bisher nur ungenügendwahrgenommen, insbesondere was das Schicksal der in der Konfliktzone lebendenMenschen angeht. Gezielte Bombenangriffe, Morde und Selbstmordanschläge,Entführungen, Zwangsrekrutierungen, Erpressungen, Beschränkungen derBewegungsfreiheit und willkürliche Verhaftungen machen das Alltagsleben in Sri Lankazunehmend unsicher. Hunderttausende Menschen wurden vertrieben, seit die Kämpfe imAugust 2006 wieder voll im Gang sind.Misstrauen gegenüber internationaler HilfeDie verzweifelte Lage vieler Menschen wird durch das allgemeine Klima von Feindseligkeitund Misstrauen gegenüber internationalen Hilfsorganisationen zusätzlich verkompliziert. Dieresultierenden Einschränkungen bedeuten, dass vielerorts selbst schwerst Bedürftigenlebensrettende Hilfe verwehrt wird. Dieser Mangel an Respekt für humanitäre Hilfe ist vordem Hintergrund unverständlich, dass in unmittelbarer Nähe der Frontlinien nahezu keineÄrzte mehr zur Verfügung stehen und es in den Krankenhäusern an Personal fehlt, um dieVerwundeten behandeln zu können. Nachdem Ärzte ohne Grenzen gegen Ende 2006gezwungen war, sich zurückzuziehen, leistet die Organisation derzeit wieder grundlegendemedizinische und chirurgische Hilfe sowie Geburtshilfe in Point Pedro, Vavuniya, Kilinochchiund Mannar.Foto: © Henk Braam
Demokratische Republik Kongo: Verschlechterung der Lebensbedingungen
Obwohl der Konflikt im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo Schlagzeilenmachte, spielte die humanitäre Lage der Menschen in der umkämpften Region Nordkivukaum eine Rolle in den Medien. Auch mehr als ein Jahr nach den ersten demokratischenWahlen in Jahrzehnten, die dem Land endlich Stabilität bescheren sollten, halten die Kämpfezwischen bewaffneten Gruppen in Nordkivu an. Mit Unterstützung der UN-MissionstruppeMONUC befindet sich die Regierungsarmee derzeit im offenen Gefecht mit den Kräften desRebellenführers Laurent Nkunda. Ebenso beteiligt an den Kämpfen sind Gruppierungen wiedie Mai Mai und die Ruandischen Hutu-Rebellen der FDLR (Democratic Forces for theLiberation of Rwanda).Hunderttausende Zivilisten mussten im vergangenen Jahr aus ihren Dörfern flüchten, vieledarunter nicht zum ersten Mal. Angesichts der ständigen Bedrohung durch dieverschiedenen bewaffneten Einheiten müssen sich die Vertriebenen häufig in Wäldernverstecken, wo es an Nahrung und grundlegender medizinischer Betreuung fehlt. Da dieVersorgungswege weitgehend abgeschnitten sind, sterben viele Kongolesen an eigentlicheinfach zu behandelnden Krankheiten. Die Mehrheit leidet an Unterernährung, Malaria undErkrankungen der Atemwege. Auch Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt stellenein ernstes Problem dar. Zudem ist in Rutshuru und in Goma, der ProvinzhauptstadtNordkivus, eine Cholera-Epidemie ausgebrochen.Menschen durch Kämpfe und Unsicherheit nicht erreichbarÄrzte ohne Grenzen hat angesichts dieser Probleme seine Tätigkeiten in der Regionverstärkt, obwohl sich die Arbeit der Helfer wegen der anhaltenden Kämpfe und Unsicherheitäußerst schwierig gestaltet. Weite Regionen sind überhaupt nicht erreichbar, Straßen endeneinfach im Kampfgebiet. Zu den besonders alarmierenden Aspekten des Konflikts in derDemokratischen Republik Kongo zählt die hohe Zahl an sexuellen Übergriffen. Allein imZeitraum Januar bis Oktober 2007 begaben sich in Nordkivu mehr als 2.375 Opfer sexuellerGewalt in die Behandlung von Ärzte ohne Grenzen.In der Region Ituri, wo sich wiederum andere bewaffnete Gruppen als in Nordkivu bekriegen,können noch immer 150.000 Vertriebene nicht in ihre Dörfer zurückkehren. In einem Zustandäußersten Elends sind sie Ausbeutung und Übergriffen praktisch wehrlos ausgeliefert. ImBon Marché Hospital von Bunia, der Hauptstadt der Region Ituri, behandelte Ärzte ohneGrenzen in den vergangenen vier Jahren insgesamt 7.400 Opfer von Vergewaltigungen.Auch in anderen Regionen des Landes forderten im vergangenen Jahr zahlreiche Epidemienden besonderen Einsatz von Ärzte ohne Grenzen, darunter ein Ausbruch des Ebola-Virus inder Provinz West-Kasai.Foto: © Marcus Bleasdale
Kolumbien: Prekäre Lage für die Menschen in den Konfliktzonen
Der Jahrzehnte anhaltende Bürgerkrieg in Kolumbien, hauptsächlich angeheizt durch denKampf um die Kontrolle über den Drogenhandel, schafft es zwar öfters in die Schlagzeilender Weltpresse. Dennoch spielen die Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung des Landesdabei eher eine untergeordnete Rolle. Die alarmierende Zahl von 3,8 Millionen Menschen,die aufgrund der Gewalt ihre Häuser verlassen mussten, setzt Kolumbien hinsichtlich derZahl der intern Vertriebenen an die dritte Stelle weltweit, übertroffen nur noch durch denSudan und die Demokratische Republik Kongo.Die Gewalt geht von den um die territoriale Hoheit kämpfenden Regierungstruppen,paramilitärischen Einheiten und Rebellen aus. Bewaffnete Gruppen haben rund die Hälftealler ländlichen Gebiete Kolumbiens im Würgegriff. Durch Straßensperren schneiden sie dieZivilbevölkerung von der medizinischen Versorgung ab, Kinder werden für die Milizenzwangsrekrutiert, und jeder, der sich der Zusammenarbeit mit dem Gegner verdächtigmacht, wird kaltblütig ermordet. Doch auch seitens der staatlichen Truppen werden vieleZivilisten als potenzielle Kollaborateure angesehen und sind demzufolge zahlreichenRepressionen ausgesetzt. In ihrer Verzweiflung bleibt vielen Familien deshalb nur die Fluchtin städtische Slums, wo sie mittellos ankommen und auf der Suche nach Arbeit undUnterkunft in ähnliche bedrohliche Situationen geraten wie die, denen sie entfliehen wollten.Rückkehr in die Heimatorte nicht möglichDas neue “Heim” sind übervölkerte Hütten mit ungenügender hygienischer Ausstattung. Dieschlechten Lebensbedingungen führen häufig zu Atemwegs- und Durchfallerkrankungen,doch ist medizinische Betreuung meist nicht gegeben. Andererseits hatten bisher nur wenigeder intern Vertriebenen die Möglichkeit, sicher in ihre alte Heimat zurückzukehren. Ärzteohne Grenzen ist in 13 der 32 Departments in Kolumbien präsent, darunter mit mobilen undstationären Kliniken in isolierten ländlichen Gebieten, jedoch auch in städtischen Bezirken,die Fluchtpunkte der Landbevölkerung sind. Die Teams von Ärzten und Gesundheitshelfernleisten eine vielseitige medizinische Betreuung von Schutzimpfungen bis zu Notdiensten undbieten Gewaltopfern psychologische Hilfe an. Der Bürgerkrieg in Kolumbien, der bewaffneteGruppierungen im Kampf um die Vorherrschaft im Land immer wieder Zivilisten ins Visiernehmen läßt, tritt bereits in sein sechstes Jahrzehnt, und nur noch wenige Kolumbianerkönnen sich an eine Zeit erinnern, in der Gewehre und Terror nicht das tägliche Lebenbestimmt hätten.Foto: © Jesus Abad
Myanmar: Humanitäre Hilfe nur sehr eingeschränkt möglich
Seit die Militärjunta 1962 an die Macht gelangte, sind die Menschen in Myanmar (demfrüheren Birma) von der Außenwelt praktisch isoliert und leiden noch immer unter denFolgen von Unterdrückung und Vernachlässigung. Auch wenn das harte Vorgehen derRegierung gegen die Mönche, die im September 2007 für mehr Demokratie auf die Straßegingen, für Aufmerksamkeit in der Weltöffentlichkeit sorgte: Das alltägliche Leid derBevölkerung blieb und bleibt weitgehend unbeleuchtet. Trotz eines erschreckend hohenAnteils an Malaria-Kranken und HIV-Infizierten erhält die in bitterer Armut lebendeBevölkerung so gut wie keine staatliche Unterstützung: Das Regime sieht gerade einmal 1,4Prozent des Haushalts für Gesundheitsleistungen vor.Trotz eines riesigen Bedarfs an Hilfe engagieren sich nur wenige humanitäre Organisationenim Land. Diejenigen, die vor Ort sind, haben es äußerst schwer, unabhängig undunparteiisch zu handeln. Auch zögern Geberländer und -organisationen häufig, Programmezu finanzieren, die letztlich das Regime unterstützen könnten. Bürokratische undzeitraubende Visa-Bestimmungen erschweren das Reisen im Land erheblich, was Notfallhilfeunmöglich machen kann und das Einschätzen des tatsächlichen Hilfebedarfs erschwert. Ineinigen Regionen, etwa entlang der östlichen Grenze mit Thailand, wo es einen bewaffnetenKonflikt mit Karen- und Mon-Rebellen gibt, hat die Regierung Beschränkungen erlassen, diehumanitäre Hilfsanstrengungen auch von Ärzte ohne Grenze im Keim ersticken.Zögerliche Reaktion auf HIV-Epidemie fördert Verbreitung der InfektionDie womöglich größte Lücke im Gesundheitssystem gibt es im westlichen Teilstaat Rakhine,wo Ärzte ohne Grenzen 2006 insgesamt 210.000 Malaria-Patienten behandelte.Insbesondere die muslimische Bevölkerung von Rakhine, die so genannten Rohingyas,leben unter prekären Bedingungen. Die Gruppe, der die Bürgerrechte verwehrt werden, istzahlreichen Benachteiligungen ausgesetzt. Ärzte ohne Grenzen kümmert sich um diemedizinische Grundversorgung und die HIV/Aids-Behandlung der Rohingyas. Die sehrzögerliche Reaktion der Regierung auf die HIV-Epidemie hat die Verbreitung der Krankheitim Lande gefördert. Die umfassenden HIV/Aids-Programme, die Ärzte ohne Grenzen in denTeilstaaten Yangon, Rakhine, Kachin und Shan anbietet, können nur einen Bruchteil desBedarfs decken. Es gibt kaum unabhängige Informationen zur tatsächlichen Zahl vonMenschen im Land, die lebensverlängernde antiretrovirale Medikamente (ARV) erhalten.Doch die Vereinten Nationen (UN) gehen davon aus, dass von geschätzten 360.000HIV/Aids-Kranken nur rund 10.000 eine ARV-Behandlung erhalten, davon etwa 8.000 in denProgrammen von Ärzte ohne Grenzen. Noch weit weniger Menschen haben Zugang zurBehandlung von opportunistischen Erkrankungen wie Tuberkulose. Nach UN-Schätzungensterben in Myanmar jährlich rund 20.000 Menschen an HIV/Aids.Foto: © Claude Mahoudeau
Zentralafrikanische Republik: Zivilisten zwischen Kämpfen bewaffneter Gruppen
Die Ende 2005 begonnenen Kämpfe zwischen Regierungstruppen und verschiedenenRebellengruppen im Norden der Zentralafrikanischen Republik haben zur Vertreibung vielerMenschen geführt. Im Nordwesten des Landes wurden Dörfer angegriffen, geplündert undniedergebrannt. Die Bewohner flüchteten in die umliegenden Wälder, wo sie kaum Zugangzu medizinischer Versorgung haben. Zusätzlich leiden die Zivilisten unter der Gewalt vonBanditen, die die Straßen unsicher machen.Im Jahr 2007 unterstützte Ärzte ohne Grenzen Krankenhäuser und Gesundheitszentren inund um die nordwestlichen Ortschaften Kabo, Batangafo, Paoua, Kaga Bandoro, Markoundaund Boguila sowie in Birao und Gordil im Nordosten des Landes. In den ersten acht Monatendes Jahres führten die Mitarbeiter mehr als 100.000 Konsultationen durch. Sie behandeltenZehntausende Menschen, darunter viele Kinder unter fünf Jahren, gegen Malaria und andereInfektionskrankheiten, die sich aufgrund der prekären Lebensbedingungen oft schnellverbreiten.Schikanen und ein allgemeines Klima der Unsicherheit zwangen die Teams von Ärzte ohne Grenzen mehrfach dazu, die mobilen Kliniken kurzfristig zu stoppen. Die betroffenenMenschen blieben dadurch teilweise bis zu acht Wochen ohne jeglicheGesundheitsversorgung. Im Juni 2007 wurde die Projektmitarbeiterin Elsa Serfass auf einerErkundungsfahrt erschossen. Dieser Vorfall führte dazu, dass die Projekte von Ärzte ohne Grenzen im Nordwesten des Landes längerfristig reduziert wurden.Flucht der Menschen in die Nachbarländer Kamerun und TschadDie Gewalt in dieser Region trieb zudem etwa 30.000 Menschen in die Flucht insNachbarland Kamerun. Ärzte ohne Grenzen verteilte Nahrungsmittel an die Flüchtlinge,nachdem alarmierende Unterernährungsraten bei den Kindern festgestellt worden waren.Die betroffenen Kinder wurden behandelt.Mehr als 45.000 Flüchtlinge aus der Zentralafrikanischen Republik flohen zudem in denSüden des Tschad. Ärzte ohne Grenzen arbeitet dort in einem Distriktkrankenhaus undversorgt sowohl die in Camps lebenden Flüchtlinge als auch die lokale Bevölkerung.In Teilen der Provinz Vakaga im Nordosten des Landes, in der rund 45.000 Menschen leben,mussten Tausende wegen der Gewalt zwischen Rebellen und Regierungstruppen ihrezerstörten Häuser und Dörfer verlassen. Viele suchten Zuflucht im nahegelegenen Wald. Inder gesamten Region gibt es fast keine Gesundheitsversorgung. Ärzte ohne Grenzenunterstützt die Bevölkerung mit mobilen und permanenten Kliniken in Birao und Gordil.Foto: © Ton Koene
Tschetschenien: Obwohl Konflikt abebbt, bleibt hoher Bedarf an humanitärer Hilfe
Mittlerweile sind nahezu vier Jahre vergangen, seit die am intensivsten geführten Kämpfe zwischen der russischen Zentralregierung und den Rebellentruppen in der nordkaukasischen Republik Tschetschenien abgeebbt sind. Zehntausende Vertriebene, die in die Nachbarrepubliken Inguschetien und Dagestan geflohen waren, sind nach Tschetschenien zurückgekehrt. Große Anstrengungen werden unternommen, um den Wiederaufbau der vorweniger als einem Jahrzehnt von schweren Bombardements zerstörten Hauptstadt Grozny voranzubringen. Auch der Flughafen des Landes konnte wiedereröffnet werden. Dennoch muss die Kaukasusregion weiterhin als ein Pulverfass bezeichnet werden.
Außerhalb Tschetscheniens sind die Kämpfe wieder aufgeflackert, und die gesamte Regionist nach wie vor von hoher Militärpräsenz geprägt. Entführungen, Morde, das Verschwinden von Personen und Bombenanschläge sind vor allem in Inguschetien, Nordossetien undDagestan auf der Tagesordnung. Auch im Inneren Tschetscheniens ist die Lage für dieZivilbevölkerung noch immer angespannt. Ebenso leicht kann man in einen sporadischen Schusswechsel geraten wie in einen Autounfall mit schweren Militärfahrzeugen verwickeltwerden, wobei letzteres in jüngerer Zeit zu einer häufigen Ursache traumatischerVerletzungen geworden ist.Viele Menschen leiden an Angstzuständen, Schlaflosigkeit und DepressionenEine grundlegende Gesundheitsversorgung, speziell die gynäkologische Betreuung undGeburtshilfe, fehlt entweder ganz oder ist den meist total verarmten Rückkehrern nichtzugänglich. In vielen Kliniken in und um Grozny behandelt Ärzte ohne Grenzen in großerZahl Menschen mit chronischen Erkrankungen, darunter Lungen-, Nieren- und Herz-Kreislaufleiden. Ebenso hat die Organisation einen hohen Bedarf an psychologischerBetreuung ausgemacht – häufig die Folge des jahrelangen Ertragens von Gewalt undVertreibung. Eine Erhebung unter intern Vertriebenen, die zurzeit in Durchgangslagern inInguschetien und Tschetschenien leben, ergab, dass nahezu alle Befragten unterAngstzuständen, Schlaflosigkeit oder Depression litten.Der Krieg in Tschetschenien hat auch dem Tuberkulose(TB)-Kontrollsystem des Landesschwer zugesetzt. Ärzte ohne Grenzen unterstützt deshalb unter anderem Tuberkulose-Krankenhäuser, die für die Betreuung von 400.000 Menschen zuständig sind. Auchbenötigen viele Überlebende der Kriegshandlungen dringend eine weitere Behandlung ihrerschweren Verletzungen. Ärzte ohne Grenzen unterhält daher seit 2006 ein Programm fürrekonstruktive Chirurgie im Krankenhaus Nr. 9 von Grozny.Foto: © Misha Galustov