Tuesday, 7. February 2012 | 20:39 CET

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"Dr. Esther" und Mr. Babu, ein lokaler Mitarbeiter des Einsatz-Teams, auf der Ebola-StationFoto: © Claude Mahoudeau
Veröffentlicht am 14.12.2007
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Eindrücke aus dem Ebola-Gebiet

Claude Mahoudeau arbeitet in der Kommunikationsabteilung der Genfer Einsatzzentrale von Ärzte ohne Grenzen. Seit vergangener Woche berichtet er aus dem Westen Ugandas, wo medizinische Teams der Organisation einen Ebola-Ausbruch bekämpfen.

Der Pastor ist nicht mehr da

Teil 3, 14. Dezember 2007. Hier in Bundibugyo erhalten wir die lokale Presse erst spät, aber immerhin  - sie kommt an. Zwei oder drei Tageszeitungen, darunter der "Budekke", ein Boulevard-Blatt auf Luganda, der hier im Zentrum Ugandas gesprochenen Sprache. Auf Englisch gibt es den "Monitor" oder die "New Vision". Und die Wochenzeitschrift "Observer", von der man mit ein wenig organisatorischem Aufwand und Glück ein Exemplar ergattern kann. In den Zeitungen ist Ebola täglich ein Thema. Seit der Gesundheitsminister vorgestern die Isolationsstation besucht hat, wird noch mehr darüber berichtet.

Schon am Tag meiner Ankunft war Ebola in den Schlagzeilen. Auf der Titelseite das Foto eines Arztes, der im Mulango-Spital in Kampala an Ebola gestorben war. Er kam aus Bundibugyo.

Nimmt man sich die Zeit, über die Titelseiten mit oft blutrünstigen Bildern hinaus zu blättern, findet man durchaus Artikel, die ausführlich über die Epidemie berichten. Über die Hilfe von außen wird nur wenig geschrieben. Ein paar Worte über die US-amerikanischen Forscher, die, so scheint es, hier einen neuen Virusstamm aufgespürt haben. Kein Wort über Ärzte ohne Grenzen. Ebola bleibt eine ugandische Angelegenheit...

Es finden sich auch Beiträge, die einen völlig verdutzt zurücklassen. So läuft es mir kalt über den Rücken, wenn ich Artikel lese, in denen die späte offizielle Bekanntmachung der Epidemie dem "Chogm" zugeschrieben wird, dem Gipfel der Staatschefs des Commonwealth.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Menschen ihre Gewohnheiten geändert hätten, wenn die Zeitungen früher über das Killervirus berichtet hätten. Trotzdem muss ich daran denken, ob der Pastor, den wir heute Morgen begraben haben, nicht vorsichtiger gewesen wäre, als er sich ans Grab eines plötzlich verstorbenen, guten Freundes begab, hätte er früher von der Epidemie gewusst.

Hilde, die junge belgische MSF-Ärztin, die bereits über Ebola-Erfahrung aus Kasaï in der benachbarten Demokratischen Republik Kongo verfügt, teilte ihre Zweifel mit mir, als wir uns nach einem Hinweis des Roten Kreuzes zu ihm begaben. Das war am Sonntag, vor wenigen Tagen nur. Bevor sie das Thermometer unter die fiebrige Achsel des Pastors schob, bat sich mich - offenbar von meinem grauen Bart beeindruckt - um Rat. "Soll ich die Handschuhe schon vor der Konsultation anziehen, oder eher warten, bis ich das Fieber messe und es vor dem Patienten tun?"

Ich schätzte ihre Sorge, den alten Mann nicht noch zusätzlich zu schockieren. "Ich fürchte, dieses seit Tagen anhaltende Fieber ist kein gutes Zeichen", sorgte sie sich. "Wir müssen morgen wieder kommen."

Am nächsten Tag kehrte Hilde nach Belgien zurück. Der Pastor musste in den Rettungswagen steigen und sich im Spital einweisen lassen. Babu, der Sanitäter, der uns begleitete, erzählte uns, dass die Kirchgänger dem Pastor zum Abschied winkten, als die Rettung ihn mitnahm.

In der Hochrisikozone

Teil 2, 13. Dezember. Heute hat mich "Doktor Esther", die MSF-Ärztin, auf die Ebola-Station mitgenommen.
Geduldig half sie mir, die verschiedenen Schichten der Schutzkleidung überzuziehen. Diese besteht aus einem leichten Synthetikmaterial, das dicht und widerstandsfähig, aber auch zum Ersticken ist. Sie überprüfte sorgfältig, dass neben der Schutzbrille nicht das kleinste Stückchen Haut hervorschaute. Dann stellte sie sicher, dass das zweite Paar Handschuhe aus Latex die Ärmel der Kombination dicht abschloss, bevor sie mich in die Risikozone ließ.
Für den Besucher ist es seltsam, in diese Arena zu treten. Ein widersprüchliches Gefühl, eine Mischung aus Furcht vor dem unsichtbaren Virus und Vertrauen in den schützenden Kokon. Als ich der Ärztin folge, muss ich daran denken, welche Herausforderung es für das Pflegepersonal bedeutet, unter diesen Bedingungen Stunde um Stunde und Tag um Tag Kranke zu pflegen! 
 "Doktor Esther" ist sehr jung und sehr ruhig. Die Ruhe mag daher kommen, dass sie vor kurzem bei einer anderen Ebola-Epidemie in Kasai im benachbarten Kongo im Einsatz stand. Sie beeindruckt mich. Ich fühle mich in meiner synthetischen Rüstung vollkommen sicher, mich unter die Patienten zu begeben. Zu meiner Überraschung spazieren einige von ihnen in der abgeschlossenen Isolationsstation umher und schöpfen die frische Luft, die vom nahen Berg her weht. Unter unseren Nylonpanzern beginnen wir unterdessen zu schwitzen.
Die 15 Patienten, die sich heute auf der Isolationsstation befinden, sind auf zwei Pavillons verteilt. Im ersten befinden sich Verdachtsfälle. Sie sind erst gerade im Spital angekommen. Einer davon hängt am Tropf. "Es geht ihm schlecht", flüstert Esther mir zu. "Wir hoffen, möglichst rasch die Resultate der Laboruntersuchungen zu bekommen. Positiv? Negativ? Wir wollen es alle wissen". Sie beugt sich zu ihm und macht ihm Mut.
Im anderen Pavillon, befinden sich etwa 10 Meter weiter die bestätigen Fälle. Es handelt sich um Überlebende. Acht Patienten, die um ihr Leben kämpfen. Darunter eine Pflegerin, der es nicht gut geht. Ich lasse Esther ein kleines Fest vorbereiten, die Entlassung von vier Patienten. Sie haben die kritische Phase überstanden und sind heute geheilt", erklärt sie mir. Ihre Augen leuchten hinter ihrer Schutzbrille.
Auch die Hoffnung gehört zu den Waffen im Krieg gegen Ebola.

Wegen Ebola geben die Menschen einander nicht mehr die Hand...

Teil 1, 12. Dezember 2007. Vor ein paar Tagen bin ich von Genf über die ugandische Hauptstadt Kampala kommend in Bundibugyo eingetroffen. Wir sind nur einen Steinwurf von der Demokratischen Republik Kongo entfernt, am Fuß des Mondberges, in einer großartigen Landschaft. Der Urwald ist nicht weit. Bundibugyo ist eher ein großes Dorf als eine Stadt: Es gibt keine asphaltierte Straße und nur wenige gemauerte Gebäude. Alles ist grün, alles wächst. Man hat den Eindruck, dass das Leben hier normalerweise leicht ist.
Doch zur Zeit ist das Leben in Bundibugyo nicht normal. Vor mehreren Wochen ist hier erstmals das Killer-Virus Ebola aufgetreten. Seither herrscht Angst und sie steigt mit der Zahl der Todesopfer- die heute bei 29 liegt.
Die Menschen geben einander nicht mehr die Hand. Sie versuchen jedenfalls es zu vermeiden, auch wenn es schwer fällt, es ist so unnatürlich. Die Chlordämpfe, welche die Ankunft von MSF-Mitarbeitern ankünden, irritieren die Augen. Rund 20 internationale Helfer - Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, Logistiker - kommen und gehen zwischen "Basis" und Spital, wo derzeit 16 Patienten streng isoliert untergebracht sind.
Das Wochenende war für das Team besonders schwierig: Sechs Todesfälle zwischen Freitagabend und Sonntagmorgen, darunter ein ugandischer Pfleger. Er hatte sich angesteckt, als er Kranke pflegte. Der Tribut fürs ugandische Gesundheitspersonal ist hoch: Schon 5 Tote. Die Angst geht um. Wir fühlen sie alle, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen…
Gestern Früh kam Anna, die deutsche Krankenpflegerin, die wie eine Kosmonautin angezogen im Spital auf der Ebola-Station arbeitet, mit einem strahlenden Lächeln an. Sie begann sogar im Hof unserer Unterkunft zu tanzen: "Letzte Nacht ist niemand gestorben". Alle applaudierten erleichtert. Doch dann ergänzte Anna: "Auf der Station befinden sich drei Patienten in sehr kritischem Zustand".

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