Eindrücke von der Arbeit einer Gynäkologin in Liberia
Die Niederösterreicherin Petra Pfeiffer arbeitet für gewöhnlich als Gynäkologin in einem Spital in Niederösterreich, das sie für ihren Einsatz von Februar bis Juni 2005 karenziert hat. In Liberia ist sie in einem 115-Betten-Spital in der Hauptstadt Monrovia tätig. Als Gynäkologin deckt sie einen dringend benötigten Fachbereich in den Einsatzgebieten von Ärzte ohne Grenzen ab.
Liebes Büro von Ärzte ohne Grenzen!
Ich bin jetzt seit ca. 1½ Monaten auf Einsatz hier in Monrovia, der Hauptstadt von Liberia. In Liberia hat über 14 Jahre Bürgerkrieg geherrscht. Der Krieg endete im August 2003 mit ca. 200.000 Toten und 700.000 Flüchtlingen. Viele Menschen sind in die Nachbarstaaten Elfenbeinküste, Guinea oder Sierra Leone geflohen, der Rest in die Hauptstadt Monrovia. Das hat zur Folge, dass in der Stadt viele Flüchtlinkslager sind, die stark überfüllt sind und große Armut herrscht.
In Liberia ist also erst seit wenigen Monaten Frieden, das System ist noch sehr instabil. Es gibt zur Zeit eine sehr korrupte Übehrgangsregierung. Die ersten Wahlen sind für Oktober 2005 angesetzt. Dieser Zeit wird schon mit viel Spannung entgegen gesehen. In Liberia sind ca. 15.000 UN-Soldaten stationiert, diese patrolieren durch die Straßen und sind mit vielen Checkpoints überall präsent.
Während das Krieges wurden in Liberia fast alle Gesundheitsstrukturen zerstört. Viele Menschen leben so am Existenzminimum, dass sie gerade überleben können. Zusätzliche Ausgaben sind nicht möglich.
Ich arbeite als Gynäkologin im Redemption-Krankenhaus. Das Krankenhaus wird vom Gesundheitsministerium geleitet und von Ärzte ohne Grenzen unterstützt. Es wird kostenlose Behandlung für die ärmsten Bevölkerungsschichten angeboten.
Ärzte ohne Grenzen veranlasste in den letzten Jahren einige Umbauten und Zubauten, sodass viele Räumlichkeiten jetzt sehr freundlich und hell sind. Das Krankenhaus hat ca. 115 Betten, was für den Ansturm an Patienten noch immer viel zu klein ist. Wir haben oft 2 Patienten in einem Bett liegen und Matratzen am Boden, meist sind wir restlos überfüllt.
Durch den schwierigen Zugang zum Gesundheitssystem kommen viele Patienten erst so spät ins Spital, dass of keine Hilfe mehr möglich ist. Das hat zur Folge, dass oft auch sehr junge Menschen und sehr viele Kinder sterben.
Speziell in der Geburtshilfe gibt es nur wenige, die Vorsorgeuntersuchungen in den Kliniken machen und so haben wir ganz viele Schwangere, die mit stark erhöhtem Blutdruck, bewusstlos und krampfend ins Krankenhaus eingeliefert werden. Viele der Kinder kommen dann tot zur Welt. Als aus Europa kommende Gynäkologin war es für mich ein großer Schock, diese vielen Totgeburten und auch nicht zu reanimierenden Kinder zu sehen. Viele Frauen haben an die 10 Kinder geboren und nicht einmal die Hälfte davon lebt!
Auch bei vielen anderen Krankheiten ist es so, dass Patienten so spät zu uns kommen, dass mit den Mitteln, die uns hier zur Verfügung stehen, keine Hilfe möglich ist. Auch wenn wir in unserem Krankenhaus die Möglichkeit haben, selektive Operationen durchzuführen, ist die Operationskapazität doch viel zu gering um allen, die es bräuchten zu helfen. Das vermittelt mir manchmal das Gefühl, nicht genug tun zu können, und führt einen mit all seinen Bemühungen manchmal an die Grenzen des Machbaren. Es war ein harter Lernprozess für mich zu erkennen, dass hier die Uhren einfach langsamer gehen. Somit werden Notfälle oft nicht als solche erkannt.
Es gibt auch ein Programm zur Unterstützung von Vergewaltigungsopfern – meist sind es Kinder. Es wird medizinische und psychologische Unterstützung angeboten, und ein Protokoll für eine eventuelle Anklage verfasst. Die Dunkelziffer ist unglaublich hoch, die meisten kommen wohl nicht ins Spital.
Ich habe das große Glück, mit einer Hebamme aus Schweden zusammen zu arbeiten. Sie ist bereits sehr afrikaerprobt und auch eine große psychologische Unterstützung für mich. Wir kämpfen täglich mit dem großen Arbeitsaufkommen und Widrigkeiten wie Stromausfall, kein Wasser, Hitze und jetzt zunehmen starke Regengüsse, die alles überschwemmen. Aber es ist auch eine ganz großartige Erfahrung! Viele Patienten und deren Angehörige sind unglaublich dankbar und so kommt auch sehr viel zurück. Man kann doch immer wieder, angesichts der großen Not nur im kleinen Rahmen, etwas bewegen oder jemandem helfen, sodass am Ende des Tages meist ein sehr gutes Gefühl zurück bleibt. Auch wenn es vielleicht nur ein Tropfen auf den heißen Stein ist.
Hier gibt es viele engagierte, erfahrene und fleißige Schwestern und es ist eine große Bereichehrung, mit ihnen zusammen zu arbeiten.
Trotz der Notlage in der viele von ihnen leben und der traumatisierenden Erlebnisse, die die meisten während des Krieges erlebten, herrscht meist gute Stimmung mit Gesang und Tanz.
Ganz liebe Grüße aus Monrovia,
Petra

