Hilfe für Opfer sexueller Gewalt in Guatemala
Ärzte ohne Grenzen reagiert auf erschreckendes Gewaltniveau in der Hauptstadt des zentralamerikanischen Staates
Zehntausende haben am 10. Januar in der guatemaltekischen Hauptstadt an einem Marsch gegen Gewalt teilgenommen. Zu der Demonstration hatte die katholische Kirche aufgerufen, die über das im Jahr 2008 erreichte Gewaltniveau enorm besorgt ist. Die Aussage des Kardinals von Guatemala Stadt, nach der das Land durch Gewalt in Angst und Schrecken versetzt sei, werden nun von der angesehensten Tageszeitung des Landes La Prensa gestützt, die eine beunruhigende Umfrage veröffentlichte: 94% der Befragen haben heute mehr Angst vor Gewalt als während des bewaffneten Konflikts, der das Land während mehr als 36 Jahren entzweite. Fakt ist, dass im vergangenen Jahr in Guatemala mehr als 6.200 Personen ermordet wurden - das sind im Durchschnitt fast 17 Morde pro Tag.
Diese Zunahme der Gewalt gilt auch für sexuelle Gewalt, die ein Ausmaß angenommen hat, wie man es aus Bürgerkriegsländern kennt. 2008 wurden beim Ministerio Publico mehr als 10.000 Fälle sexueller Gewalt gemeldet, 4.600 davon allein im Hauptstadtdistrikt, in dem auch Ärzte ohne Grenzen arbeitet.
"Wir sind in den gewaltreichsten Zonen des Landes präsent, vor allem in den Vororten von Guatemala Stadt", erklärt Fabio Forgione, MSF-Einsatzleiter in Guatemala. "Unsere Teams arbeiten in zwei Kliniken der Außenbezirke 7 und 18 und bieten den Überlebenden sexueller Gewalt medizinische und psychologische Betreuung. Diese Zonen sind Hochburgen der Gangs, Maras genannt, die von jungen, aus den USA ausgewiesenen Illegalen gegründet wurden."
Die Straßen sind zwar für jeden Guatemalteken gefährlich, Frauen, häufigste Opfer sexueller Gewalt, sind aber auch und in erster Linie zuhause bedroht. In der Tat werden Frauen vor allem bei sich zuhause zu Opfern von Vergewaltigungen, zumeist durch Familienmitglieder oder Bekannte. "Die Frauen, die diese Gewalttaten erleiden, sind sich in vielen Fällen gar nicht bewusst, ein Opfer zu sein. Die Macho-Kultur und die Unterdrückung der Frauen führen dazu, dass sie sich noch schuldig fühlen. Oft ziehen sie ihre Klage zurück, die sowieso praktisch keine Aussicht auf Anhörung hat."
Die Straffreiheit, die die Urheber dieser Verbrechen deckt, erreicht Rekordzahlen und beträgt fast 100%. Dies ist einer der frustrierenden Punkte, der die Bevölkerung dazu brachte, ihrem Unmut Anfang Januar Ausdruck zu verleihen. "Die Hauptaufgabe von MSF ist es jedoch nicht, das Augenmerk auf die Justiz zu legen. Eines unserer Anliegen ist, der Bevölkerung und insbesondere den potentiellen Opfern klarzumachen, dass eine Vergewaltigung auch ein medizinischer Notfall ist. Dass sie von sexuell übertragbaren Krankheiten geschützt werden müssen, dass sie sich von einem Psychologen betreuen lassen können, und vor allem, dass sie damit nicht zuwarten dürfen", fährt der MSF-Einsatzleiter fort.
Die aus Betreuern und Psychologen bestehenden MSF-Teams haben ihre Präsenz verstärkt und organisieren Informationsveranstaltungen und Diskussionen, damit die Frauen in den Bezirken 7 und 18 wissen, an wen sie sich im Fall einer Gewalttat wenden können.
Das 2007 lancierte MSF-Projekt für die Versorgung von Opfern sexueller Gewalt hat Ende letzten Jahres pro Monat im Schnitt mehr als 80 Opfer aufgenommen. Die Zahlen wachsen ständig weiter, unter anderem ein Zeichen, dass das MSF-Projekt in der Bevölkerung allmählich bekannt und gut aufgenommen wird.

