Tuesday, 22. May 2012 | 22:13 CEST

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Wie hier in der Region Malogobek haben sich Vertriebene aus Tschetschenien auch an anderen Orten notdürftig in leerstehenden Gebäuden eingerichtet.Foto: © Simon C Roberts/NB Pictures
Veröffentlicht am 30.06.2006
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Inguschetien/Tschetschenien: Die Folgen der Angst

"Ich will wieder nach Hause" – so äußerst sich fast jeder der nach Inguschetien geflüchteten Tschetschenen in einem Ton verzweifelter Überzeugung. Für viele der rund 25.000 Vertriebenen wird dies jedoch auf absehbare Zeit ein Wunsch bleiben. Das jahrelange Leben auf der Flucht mit den damit verbundenen Verlusten, der Hoffnungslosigkeit und dem Überlebenskampf haben Spuren hinterlassen. Ärzte ohne Grenzen betreut die Vertriebenen im Nordkaukasus deshalb seit 2002 psychologisch. Dabei sind die Mitarbeiter in Inguschetien, aber auch in Tschetschenien selbst im Einsatz, wo nach Schätzungen mehr als 100.000 Vertriebene leben.

Viele der Vertriebenen in Inguschetien sind in einfachen Siedlungen, den so genannten kompaktniki, untergebracht. Dabei handelt es sich oft um unterteilte Lagerhäuser, ehemalige Fabriken oder einfache Container aus Sperrholz, die in miserablem Zustand sind. Die Menschen wohnen zusammengepfercht in winzigen Bereichen. Sechs- oder siebenköpfige Familien müssen oft mit einem Raum von kaum vier Quadratmetern auskommen. Manche Familien leben bereits seit mehr als fünf Jahren unter diesen Bedingungen.

Die Bewohner der kompaktniki sind Ziel regelmäßiger Militär- oder Polizeirazzien, den so genannten zachistki. ?Die zachistki verbreiten ein ständiges Gefühl der Ungewissheit. Oft sind junge Männer die Zielscheibe der Razzien, doch die Situation belastet die gesamte Gemeinschaft enorm. Die Menschen, die von den Sicherheitskräften verhaftet werden, verschwinden oft für immer?, sagt Marieta Gudieva, Leiterin der psychologischen Betreuungsprogramme im Kaukasus. Angstzustände, Depressionen, Wut und Selbstmordgedanken sind weit verbreitet.

Die Ungewissheit erstickt Gedanken an die Zukunft

Das ungewisse Leben erstickt bei den Vertriebenen jeden Gedanken an ihre Zukunft im Keim. "Die Menschen haben nicht nur ihren Aufenthaltsort gewechselt; ihre gesamte Wahrnehmung von sich selbst und ihrem Platz in der Welt wurde auf den Kopf gestellt," so Marieta Gudieva. "Ihre Wünsche für die Zukunft, ihre Fähigkeit, zu planen und zu hoffen – all das wurde über den Haufen geworfen. Die meisten wollen oder können über die fernere Zukunft nicht einmal mehr reden. Sie konzentrieren sich auf die dringenden praktischen Probleme des täglichen Lebens, auf das bloße Überleben. Sie stumpfen ab und reagieren nicht einmal mehr auf Erfahrungen wie Tod oder die Entführung ihrer Kinder. Ereignisse, die vor dem Krieg die ganze Gemeinschaft schockiert hätten, sind Teil des alltäglichen Lebens geworden."



Acht Psychotherapeuten von Ärzte ohne Grenzen betreuen in Inguschetien 27 Siedlungen. Sie führen dort sowohl Einzel- als auch Gruppenberatungen durch. Das Team informiert die Bevölkerung vor allem darüber, wie psychische Probleme erkannt und behandelt werden können und stellt Kontakte zu anderen Organisationen her, die den Betroffenen helfen können. Dabei greifen die Therapeuten auf ein Netzwerk von Freiwilligen aus den Reihen der Bewohner zurück. Diese helfen bei der Identifizierung von Hilfsbedürftigen und organisieren Gemeinschaftsaktivitäten wie Fußballspiele, Tanzveranstaltungen oder handwerkliche Workshops.

Die Inanspruchnahme psychologischer Hilfe gilt als Schwäche

In Tschetschenien sind die Therapeuten an mobile medizinische Teams angegliedert und arbeiten in Übergangsunterkünften und in Dörfern in der Region Grosny. Zusätzlich unterstützen sie unter anderem rund um die Uhr die Notfallklinik in der Hauptstadt.

Wie in vielen anderen Gegenden rund um die Welt gilt es auch in Tschetschenien als kulturelles und soziales Stigma, Hilflosigkeit zuzugeben und um Unterstützung zu bitten – insbesondere für Männer. Marieta Gudieva beschreibt es so: "Die Menschen schämen sich. Wir Tschetschenen empfinden es als Eingeständnis von Schwäche, wenn man zu einem Berater oder Therapeuten geht." Psychologische Beratung und Behandlung haben in der Russischen Föderation erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Fuß fassen können. Die Bevölkerung kennt vor allem die eher medizinische Ausrichtung der Psychiatrie, die versucht, schwere psychische Erkrankungen medikamentös unter Kontrolle zu bringen.

Auch das Fachpersonal benötigt Unterstützung

Oft profitiert das medizinische Personal vor Ort selbst von dem Einsatz von Ärzte ohne Grenzen. Auch viele der Therapeuten haben Verwandte verloren oder mussten in den elf Jahren des Konflikts aus ihrer Heimat fliehen. Regelmäßige Supervision und Training helfen ihnen dabei, ihre Kenntnisse auf dem neusten Stand zu halten und einen Burnout zu vermeiden.

Solange die Lebenssituation instabil bleibt, ist eine nachhaltige Verbesserung der seelischen Gesundheit der Menschen jedoch nur schwer zu erreichen. "Die vollen Auswirkungen des Krieges werden erst spürbar, wenn die Menschen wieder beginnen, ein normales Leben zu führen", erklärt Marieta Gudieva.

Zumindest eine Veränderung ist jedoch bereits spürbar: Die Einstellung der Menschen dazu, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wandelt sich. "Neulich kam eine Frau ohne Voranmeldung zu einem unserer Therapeuten", erzählt Gudieva. "Sie sagte, sie mache sich Sorgen um sich selbst. Sie hatte gemerkt, dass sie ständig ihre Kinder anschrie und gereizt auf ihren Ehemann reagierte. Und sie sagte: ?Ich weiß, dass ich Hilfe brauche?".

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