Tuesday, 22. May 2012 | 22:14 CEST

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© Simon C Roberts/NB Pictures | Medizinische Untersuchung in mobiler Klinik von Ärzte ohne Grenzen in Inguschetien
Veröffentlicht am 18.01.2006
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Inguschetien/Tschetschenien: Medizinische Hilfe für die Bevölkerung

In den Projekten von Ärzte ohne Grenzen in den russischen Teilrepubliken Inguschetien und Tschetschenien werden die alltäglichen Aufgaben ausschließlich von nationalen Mitarbeitern übernommen. Internationale Kollegen können aus Sicherheitsgründen nur tageweise dorthin reisen. Rund 170 einheimische Kollegen versorgen in Inguschetien Vertriebene, arbeiten in Grozny in Behelfsunterkünften und unterstützen die Menschen in ländlichen Regionen. Zwei Gynäkologinnen berichten hier über ihren Arbeitsalltag.

Ärzte ohne Grenzen unterstützt momentan mehr als 20 Kompaktniki in Inguschetien. Kompaktniki sind aufgegebene Bauernhöfe, Fabriken und andere Unterkünfte, in denen manchmal bis zu mehrere tausend Vertriebene leben.

Janeta Vagapova arbeitet seit 2000 als Gynäkologin für Ärzte ohne Grenzen in Inguschetien – derzeit stehen ihr ein Kinderarzt und zwei Pflegekräfte zur Seite. Die Ärztin besucht zwei Mal wöchentlich zwei der Kompaktniki, von denen eines nur wenige Kilometer von der tschetschenischen Grenze entfernt liegt. Die Zeltstädte, in denen früher Tausende von Vertriebenen lebten, waren nicht weit weg von dort. Sie wurden 2004 geschlossen. Das winzige Sprechzimmer in einem der Kompaktniki ist in einem nicht mehr gebrauchten Eisenbahnwagen untergebracht. Ein eiserner Ofen strahlt die Wärme so intensiv aus, dass Janeta und die Krankenschwester nur kurzärmelige grüne Chirurgenkittel tragen, obwohl es draußen eiskalt ist. Im Raum sind einfache gynäkologische Geräte untergebracht, auch ein makelloser Untersuchungsstuhl, dessen Beinstützen in einer Ecke verstaut sind. Janeta Vagapova erzählt:

?Ich komme aus einer Arztfamilie und habe mich vor allem auf Notfallgynäkologie spezialisiert. Zunächst arbeitete ich als Aushilfe für das Chirurgenteam von Ärzte ohne Grenzen im Shatoi Gebiet, wo 1995/96 Kriegsverwundete operiert wurden. Danach habe ich begonnen, als Gynäkologin für Ärzte ohne Grenzen zu arbeiten. Anfangs mussten wir in den verschiedenen Wohnsiedlungen in Inguschetien ohne Strom oder Gas arbeiten, und die Patienten waren oft sehr schwierig und aggressiv. Sie misstrauten jedem, der ihnen Hilfe anbot. Inzwischen hat sich das verändert.

"Die Dankbarkeit der Menschen ist mein größter Lohn?

Am Anfang gab es viele schwer kranke Frauen. Oftmals litten sie unter Blutarmut und es gab Schwangerschaftskomplikationen. Viele hatten Angst vor der Geburt und keine regelmäßige vorgeburtliche Betreuung. Inzwischen können wir den Frauen helfen, ihre Geburten und ihre Familie zu planen, und auch der Gesundheitszustand unserer Patienten hat sich gebessert. Ich betreue täglich etwa 20 bis 25 Patientinnen - der Kinderarzt hat noch mehr zu tun. Wir haben die Möglichkeit, Frauen, die eine weiterführende Behandlung brauchen, an das örtliche Krankenhaus zu überweisen, doch die meisten behandele ich selbst. Das Krankenhaus ist teuer und die Medikamente oft minderwertig - viele Frauen weigern sich, dorthin zu gehen.

Da ich die einzige Ärztin in der Gegend bin, werde ich manchmal zu Notfällen gerufen. Ich finde es sehr befriedigend, dass ich mit meinen Fähigkeiten dazu beitragen kann, Leben zu retten. Die Dankbarkeit der Menschen ist mein größter Lohn.?

Schwer geschädigte medizinische Infrastruktur

In der früheren Sowjetunion gab es eine gute Gesundheitsversorgung mit Einrichtungen auf dem Land, die Patienten an die Krankenhäuser überwiesen. Heute werden dafür kaum Mittel und Personal zur Verfügung gestellt und die medizinische Infrastruktur wurde durch den jahrelangen Konflikt schwer geschädigt. Medizinisches Fachpersonal hat die Region oftmals verlassen. In den ländlichen Gebieten, in denen Ärzte ohne Grenzen arbeitet, muss sich die Bevölkerung oft einzig und allein auf einen überarbeiteten Krankenpfleger verlassen, der mit seinen knappen Mitteln tut, was er kann. Die Gynäkologin Aiza Masaeva* arbeitet für Ärzte ohne Grenzen in Tschetschenien und fährt gemeinsam mit einem Kinderarzt, einem Allgemeinarzt, einer Pflegekraft und einem Berater für psychosoziale Probleme regelmäßig in fünf Orte in ländlichen Gebieten, um dort die medizinische Versorgung der Bevölkerung zu unterstützen. Aiza Masaeva erzählt:

?Ich habe in einer der staatlichen Polikliniken in Grozny gearbeitet - die Arbeitsbedingungen und die -qualität haben mich aber nicht befriedigt. Jetzt bin ich bei Ärzte ohne Grenzen, und die Zusammenarbeit und die Beziehungen im Team sind wirklich ausgezeichnet. Je länger wir zusammenarbeiten, umso mehr werden wir wie eine Familie und umso mehr genieße ich meine Arbeit.

Täglich 75 bis 85 Patienten

Wir müssen jeden Tag von Grozny aus etwa eine Stunde aufs Land fahren. Diese Fahrten sind belastend. Viele der Orte, die wir besuchen, liegen in einer schönen Gegend, umgeben von Bergen und natürlichen Wäldern, aber die meisten Häuser sind durch den jahrelangen Krieg beschädigt oder zerstört.

Dort, wo wir arbeiten, hat Ärzte ohne Grenzen in jedem Gesundheitsposten oder Lazarett einige kleine Räume wiederhergestellt, die ganz einfach ausgestattet sind. Wenn wir ankommen, wartet gewöhnlich eine Schlange von Leuten und ein Krankenpfleger auf uns. Wir arbeiten eng mit den Krankenpflegern zusammen, denn obwohl diese keine gute Ausbildung haben, wissen sie durch ihre jahrelange praktische Arbeit sehr viel. Sie kennen alle Details über die Krankengeschichte ihrer Patienten. Sie helfen uns, die dringenden Fälle zuerst zu behandeln und bitten uns um Rat bei der Gabe von Medikamenten. Wir behandeln täglich etwa 75 bis 85 Patienten.

Diese leiden beispielsweise sehr häufig an Blutarmut, die durch die schlechten Lebensbedingungen bedingt ist. Die Arbeitslosigkeit ist hoch, und die Menschen können sich nur unzureichend ernähren. Zudem leben wir hier in Tschetschenien schon so lange in ständiger Alarmbereitschaft. Das lässt uns altern, wir sind erschöpft und unsere Gesundheit leidet darunter.

Oft hat meine Tätigkeit nicht nur mit ärztlicher Arbeit zu tun. Mit der Zeit habe ich gelernt, dass es auch sehr wichtig ist, meine Patienten dazu ?zu erziehen? selbst die Verantwortung für ihre und die Gesundheit ihrer Kinder zu übernehmen. Ich arbeite beispielsweise daran, die schwangeren Mütter davon zu überzeugen, dass die Gesundheit ihres Kindes davon abhängt, wie stark sie während der Schwangerschaft auf sich selber aufpassen; sie müssen sich ausruhen und sich so gut wie möglich ernähren.

Kaum medizinische Hilfe in den letzten Jahren

Leider berührt unsere Arbeit aber immer nur die Oberfläche. Wir wissen, dass viele unserer Kranken, die zu uns kommen, umfangreiche Untersuchungen und eine stationäre Behandlung brauchen, aber oftmals haben sie kein Geld und ich weiß, dass sie - auch wenn ich es ihnen sage - nicht ins Krankenhaus gehen würden.

Neben dem fehlenden Geld spielen auch viele andere Dinge eine Rolle. Zum Beispiel die schlechten Medikamente, die Schwierigkeit ins Krankenhaus zu gelangen und dann das Problem, die Familie allein zu lassen.

Unsere Patienten sind uns wirklich von Herzen dankbar dafür, dass wir da sind. Ich glaube, sie wissen nicht genau, was Ärzte ohne Grenzen ist, aber sie sagen oft: ?Wir danken euch und denen, die euch geschickt haben.? Für die meisten Menschen bedeutet es sehr viel, dass wir zu ihnen gekommen sind, um uns um sie zu kümmern. In den vergangenen Jahren gab es kaum jemanden, der sich um die Menschen hier gekümmert hat. Einer meiner Patienten, ein Mann, der ein sehr schweres Leben hinter sich hat und auch im Gefängnis war, hat sogar ein Gedicht über unsere Arbeit geschrieben.

Obwohl ich abends wirklich immer sehr müde bin, fühle ich doch, wie zufriedenstellend diese Müdigkeit ist: Ich sehe, wie sich meine Arbeit auswirkt und ziehe sehr viel Befriedigung daraus.

Manchmal werde ich gefragt, warum ich in Tschetschenien geblieben und nicht fortgegangen bin. Dann denke ich an die Zeit während des Krieges, als ich monatelang durch die Blockade eingeschlossen gearbeitet habe, ohne Strom und Wasser, umgeben von Leid. Ich sage mir, dass all diese Schwierigkeiten meine Liebe zu Tschetschenien womöglich noch verstärkt haben. Ich bin hier zu Hause.?

*Der Name der Ärztin wurde geändert.

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