Interview: Hilfseinsatz im Kriegsgebiet
Reveka Papadopoulou traf am 21. Juli, wenige Tage nach dem Ausbruch des Konfliktes, im Libanon ein und leitete Projekte von Ärzte ohne Grenzen in Baalbeck und Beirut. Vor kurzem kehrte sie von diesem Einsatz zurück und berichtet, wie sie diese Zeit mit den Vertriebenen, der ständigen Bedrohung durch Bomben und der damit einhergehenden Furcht erlebte.
Wie war es, zu einem Moment im Libanon einzutreffen, wo viele Menschen versuchten, der Gewalt des Krieges zu entkommen?
Es war sehr seltsam. Als wir von Damaskus aus an der Grenze eintrafen, glaubte uns ein libanesischer Soldat nicht, dass wir einreisen wollten. Er hielt uns für verrückt, da wir in Richtung der Gefahrenzone unterwegs waren. Doch gleichzeitig freute er sich darüber, dass Ausländer den Kriegsopfern helfen wollten. Wir trafen in Beirut mit einem sehr kleinen Vorrat an medizinischem Material ein, da es unmöglich war, in größeren Konvois zu reisen. Das erschwerte unsere Arbeit beträchtlich, da wir in Krisensituationen normalerweise mit großen Mengen an Medikamenten und medizinischem Material ans Werk gehen. Doch dieses Mal gab es eine totale Blockade und wir mussten mir sehr wenig beginnen.
Was waren die größten Probleme, mit denen die Teams konfrontiert waren?
Mehrere Dinge bereiteten uns große Sorgen. Zuerst einmal die Lage im Südlibanon und die Sicherheit der Bevölkerung dort sowie in Südbeirut und dem Bekaatal. Wir konnten uns lange Zeit kaum in diese Gebiete bewegen. Diese Gebiete ähnelten übrigens nie einer menschenleeren Wüste, obwohl gewisse Medien diesen Eindruck verbreiteten. Es gab dort immer Menschen, die geblieben waren und dringend Hilfe benötigten, aber völlig isoliert blieben. Diese Menschen lebten in ständiger Furcht und versuchten Schutz zu finden, um ihr Leben zu retten.
Große Sorgen bereitete uns auch der Zustrom von Vertriebenen aus Südlibanon und Südbeirut - Gebiete, die ganz klar gezielt bombardiert wurde. Wir realisierten bald, was die Leute erlitten. Sie mussten sehr schnell alles aufgeben, ihre Habe zurücklassen und in öffentlichen Gebäuden Zuflucht suchen, größtenteils in Schulen und Parkhäusern. Niemand war auf einen so großen Zustrom vorbereitet. Die Gesundheitssituation drohte sich rasch zu verschlechtern. Da viele Familien auf mehrere Orte aufgeteilt worden waren und sich danach wiederzufinden versuchten, schliefen sie manchmal jede Nacht an einem anderen Ort und benötigten dringend Matratzen oder eine Decke. Der Strom der Vertriebenen brach nicht ab, immer mehr Menschen kamen nach Beirut und in die Berge der Umgebung. Und wir wussten nicht, wann das aufhören würde.
Schließlich war es sehr schwierig, Material ins Land zu bringen sowie innerhalb des Landes zu transportieren. Wir hatten Teams in Saida, Sur, Jezzine und Beirut, aber große Schwierigkeiten, sie mit dem notwendigen Material zu versorgen. Da war extrem frustrierend.
Was waren aus deiner Sicht die schlimmsten Momente der Krise?
Zunächst einmal der Zustrom der Bevölkerung aus dem Süden. Am Anfang war die Situation nicht so schlecht, die ersten Ankömmlinge hatten genug Platz. Aber dann kamen immer mehr und der Platz wurde knapp. Die Menschen mussten in Schichten schlafen und vor den Waschräumen lange warten; die Bedingungen verschlechterten sich rasch. Die Wasserversorgung wurde zum Problem und somit zu einer unserer Prioritäten. Die Vertriebenen besetzten ein paar leerstehende Wohnungen, doch die Behörden versuchten das zu verhindern, aus Furcht, die Menschen würden dann dort bleiben. Ich erinnere mich an eine Dreizimmerwohnung, die von zwei Großfamilien mit 36 Menschen besetzt war. Es war ein Albtraum für sie, ständig stolperten sie übereinander. Im unterirdischen Parkhaus eines Shoppingzentrums von Beirut warteten 1.700 Menschen darauf, einen besseren Platz zu finden. Wir fürchteten, dass die Ventilation unterbrochen würde, was das Leben dieser Menschen bedroht hätte. Wenn jemand versuchte, einen besseren Platz zu finden, wurde sein Platz sofort von Neuankömmlingen besetzt. Die Menschen fühlten sich völlig gelähmt, denn der Alltag entwickelte sich zum Albtraum.
Der zweite Moment war, als südlich des Flusses Litani und in Beirut Flugblätter abgeworfen wurden, die vor erneuten Bombardierungen gewisser Gebiete warnten. Die Furcht der Vertriebenen wuchs. In einem gewissen Sinn motivierte uns das noch mehr, den Menschen Unterstützung zukommen zu lassen. Wir drückten unseren festen Willen aus, Hilfsgüter zu den Menschen zu bringen. Wir hatten uns auch dazu entschlossen, ziemlich viele Vorräte in lokalen Apotheken zu kaufen. Wegen der Blockade war das eine der wenigen Optionen, denn der humanitäre Korridor, über den die Medien soviel berichteten, war eine reine Illusion.
Worauf konzentrierte sich eure Arbeit?
Wir sahen schnell, dass der Nachschub an Medikamenten für chronische Krankheiten wie Diabetes gut organisiert werden muss, da viele Patienten ihre Behandlung unterbrechen mussten. Die normale Versorgungskette funktionierte nicht; es war sehr schwierig, zu den Medikamentenlagern zu gelangen. Die Hygienekits erwiesen sich als nützlich für die Vertriebenen, die wegen ihres plötzlichen Aufbruchs alles zurücklassen mussten. Alle anderen Nicht-Essenswaren waren ebenfalls sehr willkommen, da sie die unbequeme Lage der Menschen etwas verbesserten.
Vor allem aber wurde es sehr geschätzt, dass wir vor Ort waren. Es war für die Menschen sehr wichtig, Fremden ihre Geschichte erzählen zu können. Wir betrachteten es als unsere Aufgabe, sie durch diesen Albtraum zu begleiten. Es half ihnen, mit der ständigen Angst umzugehen. Als wir begannen, Patienten mit psychologischen Problemen zu behandeln, sahen wir, dass der Bedarf dafür enorm war und wir in diesem Bereich wirklich etwas beitragen konnten.
Was kann man zu den libanesischen Hilfsorganisationen und ihrem Einsatz sagen?
Es war überwältigend. Es waren die libanesischen Organisationen, die bei der Hilfeleistung die zentrale Rolle spielten. Meistens versuchten wir, sie so gut wie möglich zu unterstützen, aber es waren libanesische Organisationen, die den Transport von Schwerkranken und Schwerverletzten und das Funktionieren der Operationssäle sicherstellten. Auch in den am stärksten betroffenen Gebieten stellten sie das Funktionieren der Spitäler sicher, auch wenn das hieß, dass das Personal das Spital nicht mehr verlassen konnte. Es war beeindruckend, all die libanesischen NGOs solidarisch arbeiten zu sehen. Es funktionierte fast nichts mehr, doch ihr Einsatz verhinderte den völligen Zusammenbruch. Ohne den Einsatz libanesischer Freiwilliger wären wir nicht einmal halb so effizient gewesen. Sie ermöglichten Einkäufe vor Ort und gaben uns immer einen klaren Überblick über die lokale Situation, sowohl zu den Machtverhältnissen als auch zur bereits laufenden Hilfe.
Welche Pläne hat Ärzte ohne Grenzen heute, nach dem Waffenstillstand?
Wir sind daran, die Lage abzuklären, die sich in dieser Phase des fragilen Waffenstillstandes schnell verändert. Wir werden die Verteilung von Nicht-Essenswaren an Menschen, die in ihre zerstörten Heimatorte zurückkehren, bald abschließen. Dasselbe gilt für die Lieferung von Medikamenten zur Behandlung chronischer Krankheiten. Wir konzentrieren uns heute in Zusammenarbeit mit lokalen Organisationen auf die Problematik der psychischen Krankheiten. Wir beabsichtigen nicht, den Einsatz des letzten Monats in ein längerfristiges Projekt überzuführen. Aber wir wollen auf eine Rückkehr vorbereitet sein, falls sich die Situation wieder verschlechtern sollte. Es darf nicht sein, dass isolierte oder vergessene Menschen allein bleiben. Wir wissen, wie viel es ausmachen kann, ihnen in kritischen Zeiten beizustehen.
Interview: Aymeric Peguillan

