Irak: Hilfe für Kriegsverletzte und Verbrennungsopfer
Die Krankenschwester Veronika K.(1) ist Projektkoordinatorin im Hilfsprogramm von Ärzte ohne Grenzen im Norden des Irak, wo MSF neben Kriegsverletzten auch viele Frauen mit bei Selbstmordversuchen erlittenen Verbrennungen behandelt.
Seit Anfang Oktober bin ich als Projektkoordinatorin in diesem Hilfsprogramm im Norden des Irak. Wir arbeiten in einem Krankenhaus für Kriegsverwundete in einer Stadt im kurdisch kontrollierten Gebiet. Es hat um die 80 Betten und ist unter einigen Krankenhäusern in dieser Stadt das einzige, das auf Kriegsverletzungen spezialisiert ist. Ungefähr die Hälfte der Betten ist mit Kriegsverwundeten belegt, die andere mit Verbrennungsopfern.
Hilfe für Kriegsverletzte
Für Ärzte ohne Grenzen/Médecins sans Frontières (MSF) ist es nicht möglich, in den direkt vom Krieg betroffenen Gebieten im Nordirak zu arbeiten, die nicht weit von unserer Basis entfernt sind. Wir versuchen aber, Verwundete zu uns zu bringen, um sie hier zu behandeln. Im Moment ist es in Kirkuk und Mossul, den beiden großen Städten im Norden des Irak, gefährlicher als in Bagdad. Täglich gibt es dort mehrere Anschläge, Straßenbomben, Schießereien mit Verletzten und Toten. Jeden Monat kommen mehr Verletzte von dort zu uns ins Krankenhaus.
Aber auch innerhalb Kurdistans kommt es zu Anschlägen, Explosionen und Schießereien. Unter den Betroffenen sind, wie in jedem Krieg, auch viele Frauen und Kinder unter den Betroffenen. Derzeit haben wir einen 9jährigen Buben mit einer Schussverletzung im Krankenhaus liegen. Die Kugel hat seine Wirbelsäule zertrümmert und er ist querschnittgelähmt. In den vergangenen zwei Monaten hatten wir vier junge Soldaten, denen eine Kugel die Halswirbelsäule zerfetzt hat. Alle vier erlitten eine Tetraplegie, waren also vom Hals abwärts gelähmt. Drei von ihnen sind mittlerweile gestorben, der Vierte hängt an einem Beatmungsgerät.
Hilfe für Verbrennungsopfer
Im Krankenhaus sind wir auch täglich mit den Folgen von Selbstmordversuchen konfrontiert. Jeden Tag werden Patienten nach Selbstmordversuchen eingeliefert, hauptsächlich junge Frauen. In der letzten Woche hatten wir sogar zwei schwangere Frauen mit selbst zugefügten Verbrennungen. Wie groß muss die Not sein, wenn man sich im achten Schwangerschaftsmonat umbringen will? Bei manchen Frauen kursiert auch das Gerücht, ihre Ehemänner hätten sie angezündet.
Die Erzählungen dieser Frauen geben einen kleinen Einblick in ihre verzweifelte Situation. "Ich bin eine Schande für meine Familie, deshalb lassen sie mich nicht aus dem Haus", sagt eine von ihnen, "mein Körper ist verunstaltet nach den Verbrennungen, ich kann nicht in die Schule. Ich kann meine Freunde und Verwandten nicht sehen."
Eine andere Frau erzählt, ihr Vater habe herausgefunden, dass sie in den Nachbarsjungen verliebt war, der zu einem anderen Clan gehörte: "Er hat mich innerhalb einer Woche mit einem meiner Cousins verheiratet, den ich nicht mag. Ich versuchte alles zu tun, was er verlangte, aber er schlug mich trotzdem. 20 Tage nach der Hochzeit flüchtete ich ins Haus meiner Eltern. Mein Bruder drohte mir, mich umzubringen, weil ich so schwierig bin und meinem Ehemann nur Schwierigkeiten mache. Deshalb entschloss ich, mich umzubringen."
Eine weitere Frau sagt bloß: "Danke für die Behandlung, aber für mich ist es zu spät. Ich bin nun eine schreckliche Kreatur."
(1) Der vollständige Name wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt
Ärzte ohne Grenzen ist entschlossen, im Rahmen seiner Möglichkeiten alles zu tun, um der irakischen Bevölkerung zu helfen und hat seit 2006 verschiedene Hilfsprogramme installiert: 12 Krankenhäuser im Zentrum und im Norden des Landes erhalten regelmäßig Lieferungen, einschließlich Medikamente und medizinisches Material. In acht Spitälern im Zentral- und Nordirak führt Ärzte ohne Grenzen Schulungen für medizinisches Personal und Psychologen durch. Der direkte Einsatz von medizinischen Teams erfolgt in zwei Krankenhäusern im Nordirak. In Jordanien führt Ärzte ohne Grenzen im Rahmen eines Chirurgie-Programms Gesichts- und plastische Operationen für Kriegsopfer aus dem Irak durch. Auch von Jordanien aus versorgt Ärzte ohne Grenzen zahlreiche Spitäler im Irak mit Medikamenten und medizinischem Material und hat außerdem ein Schulungsprogramm für irakisches Gesundheitspersonal eingeführt.

