Jänner: Hilfe nach dem Tsunami
Bereits zwei Tage nachdem eine gewaltige Flutwelle am 26. Dezember 2004 Teile Südost-Asiens verwüstet hatte, startete Ärzte ohne Grenzen erste Hilfsprojekte in den betroffenen Gebieten. Zusammen mit nationalen Rettungskräften half Ärzte ohne Grenzen bei der Versorgung der Betroffenen mit medizinischer Hilfe, Nahrung, Wasser, Notunterkünften und Hilfsgütern. Ärzte ohne Grenzen konzentrierte seine Hilfseinsätze besonders auf die am stärksten betroffenen Gebiete in Indonesien und Sri Lanka, kleinere Projekte und Erkundungsfahrten wurden in Thailand, Indien, Malaysia, Somalia, Myanmar (Burma) und Bangladesch durchgeführt. Auch heute, knapp ein Jahr nach der Katastrophe, sind in der Region Aceh in Sumatra (Indonesien) noch 55 internationale und 350 lokale Mitarbeiter im Einsatz, um die betroffene Bevölkerung zu unterstützen.
Februar: Unsicherheit im Norden der D.R. Kongo
Ärzte ohne Grenzen startet ein medizinisches Nothilfeprogramm für Vertriebene in der Provinz Ituri in der Demokratischen Republik Kongo. Seit Ende Januar 2005 sind tausende Menschen vor Kämpfen zwischen verschiedenen Rebellengruppen in der Region im Nordosten des Landes geflohen. Doch die anhaltende Unsicherheit in dem Gebiet stellt für humanitäre Helfer ein großes Hindernis dar: Ärzte ohne Grenzen muss am 24. Februar 2005 vorübergehend die Aktivitäten in zwei Vertriebenenlagern einstellen. Im Juni 2005 endet die Entführung zweier Mitarbeiter mit deren Freilassung. Einen Monat später muss Ärzte ohne Grenzen aus Sicherheitsgründen die Programme im Umland von Bunia schließen. Im August veröffentlicht die Organisation einen Bericht über die anhaltende Gewalt in der Provinz Ituri.
Foto: © MSF/Livio Senigalliesi
März: Sexuelle Gewalt in Darfur
Anlässlich des Internationalen Frauentags veröffentlicht Ärzte ohne Grenzen einen erschütternden Bericht über die anhaltende Gewalt und Vergewaltigungen in der sudanesischen Bürgerkriegsregion Darfur. Die entsetzlichen Geschichten der Opfer spiegeln die alltägliche Gewalt in der Region wider. Ärzte ohne Grenzen fordert die lokalen Behörden und medizinischen Institutionen in Darfur auf, eine Behandlung für die Opfer zu gewährleisten und der Stigmatisierung der vergewaltigten Frauen und Mädchen entgegenzuwirken. In Darfur, wie auch in anderen Konflikten, ist sexuelle Gewalt Teil der Kriegsstrategie. Die Zivilbevölkerung soll damit verunsichert und bedroht werden.
April: Ernährungskrise in Niger
Ärzte ohne Grenzen verstärkt die Hilfsprogramme in Niger, um auf die Ernährungskrise zu reagieren, von der insbesonders Kinder stark betroffen sind. Bereits im Jänner 2005 ist die Situation in dem westafrikanischen Staat alarmierend und verschlechtert sich zusehends. Die Anzahl unterernährter Kinder in den Ernährungsprogrammen von Ärzte ohne Grenzen steigt im Vergleich zum Vorjahr drastisch an. Ärzte ohne Grenzen appelliert an andere Organisationen, dringend Hilfe zu leisten. Die internationalen Maßnahmen reichen aber auch im Laufe des Jahres nicht aus, um der Lage angemessen zu begegnen. Im Jahr 2005 haben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in mehreren Provinzen Nigers insgesamt mehr als 60.000 schwer unterernährte Kinder in Ernährungszentren aufgenommen und dort rund um die Uhr betreut. Nun nehmen die Fälle von schwerer Unterernährung langsam ab, die Situation bleibt jedoch besorgniserregend.
Foto: © MSF/Henk Braam
Mai: Zu wenig Engagement für Zugang zu unentbehrlichen Medikamenten
Ärzte ohne Grenzen wirft der Führung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vor, sich nicht genug für eine Verbesserung des Zugangs zu erschwinglichen Medikamenten in ärmeren Ländern einzusetzen. "Als Gesundheitsexperten mit Programmen gegen HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria in Entwicklungsländern sind wir bestürzt darüber, dass die Leitung der WHO ihre speziell eingerichteten Kapazitäten innerhalb des Hauses nicht ausgebaut hat, um den Zugang zu bezahlbaren Medikamenten zu erweitern", sagte Rowan Gillies, Internationaler Präsident von Ärzte ohne Grenzen, in Genf.
Juni: Kampf gegen Marburg-Fieber in Angola
Im Nordosten Angolas unterstützt Ärzte ohne Grenzen in einem mehrere Monate dauernden Einsatz die lokalen Gesundheitsbehörden nach einem Ausbruch des hoch ansteckenden Marburg-Fiebers. Das Marburg-Fieber ist eine lebensgefährliche Erkrankung und dem bekannteren, hoch infektiösen hämorrhagischen Fieber Ebola ähnlich. Die Krankheit äußert sich durch Fieber und innere Blutungen, die innerhalb weniger Tage zum Tod führen können.
Juli: Hilfe für Gewaltopfer in Haiti
Nachdem sich heftige Kämpfe in Haitis Hauptstadt Port au Prince immer weiter ausbreiten, verlangt Ärzte ohne Grenzen von allen bewaffneten Gruppen, dass sie die Sicherheit von Zivilpersonen gewährleisten und dass Verwundete sofort Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten. In dem Operations- und Behandlungszentrum, das Ärzte ohne Grenzen seit Dezember 2004 in Port au Prince betreibt, haben die Mediziner, darunter auch Chirurgen, über 3.100 Patienten versorgt. Mehr als 1.100 Patienten hatten Verletzungen aufgrund von Gewalt, darunter 861 Patienten mit Schusswunden, 126 mit Macheten- oder Messerstichen, 67 Opfer von Schlägen, und 40 Vergewaltigungsopfer. Die Hälfte der wegen derartiger Verletzungen Behandelten sind Frauen, Kinder oder ältere Menschen.
Foto: © MSF/Kevin Phelan
August: Cholera-Bekämpfung in Afrika
In Bujumbura, der Hauptstadt Burundis, kommt es zu einem erneuten Ausbruch von Cholera. Dieser Ausbruch, hervorgerufen durch Mängel in der Wasserversorgung im Stadtteil Musaga, ist bereits der zweite in diesem Jahr und breitet sich auch in andere Teile der Stadt aus. Um die lokalen Gesundheitsbehörde im Kampf gegen die Krankheit zu unterstützen, hat Ärzte ohne Grenzen ein Cholera-Behandlungszentrum wiedereröffnet. Auch in mehreren westafrikanischen Staaten, zum Beispiel in Mauretanien und Guinea-Bissau, sind Teams von Ärzte ohne Grenzen nach Cholera-Ausbrüchen im Einsatz.
September: Gewalt gegen Immigranten in Marokko
In einem Untersuchungsbericht weist Ärzte ohne Grenzen Ende September darauf hin, dass immer mehr Einwanderer aus dem subsaharischen Afrika vor den Toren Europas einem hohen Maß an Gewalt durch marokkanische Polizeikräfte, Verbrecherbanden und durch spanische Ordnungskräfte ausgesetzt sind. Im Oktober 2005 stößt ein Team von Ärzte ohne Grenzen in der Wüste im Süden Marokkos auf eine Gruppe von über 500 Einwanderern aus dem subsaharischen Afrika und leistet medizinische Hilfe. Die Menschen berichten, die marokkanische Polizei habe sie in Bussen und auf Lastwagen in die Wüstengegend 600 Kilometer südlich von Oujda gebracht, nachdem sie von der spanischen Polizei unter anderem aus Ceuta und Melilla abgeschoben worden waren.
Oktober: Hilfe nach dem Erdbeben in Pakistan und Indien
Ärzte ohne Grenzen leistet nach dem schweren Erdbeben am 8. Oktober 2005 in Kaschmir sowohl im pakistanischen als auch im indischen Teil Hilfe, zudem in der pakistanischen Nord-West-Provinz. Die Teams konzentrieren sich vor allem auf die Hilfe für die Überlebenden in abgelegenen Bergdörfern. Ärzte ohne Grenzen arbeitet an der Verbesserung der hygienischen Bedingungen in den Auffanglagern für die obdachlos gewordenen Menschen sowie in der Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Als Hilfe für den Winter verteilen die Teams Zelte, Decken und Kits mit Baumaterialien - darunter Bleche, Plastikplanen und Werkzeuge. Zudem leisten sie medizinische und psychosoziale Hilfe.
November: Pharmafirmen überlassen Kinder mit HIV/Aids ihrem Schicksal
Anlässlich des Weltaidstages am 1. Dezember 2005 fordert Ärzte ohne Grenzen Pharmafirmen in einer Kampagne dazu auf, kindgerechte Versionen aller Medikamente für HIV/Aids zu entwickeln. Millionen von Kindern mit der Immunschwächekrankheit sterben vor ihrem zweiten Geburtstag, weil lebensverlängernde Medikamente fehlen oder die Darreichungsformen für Kinder nicht geeignet sind. Zudem werden dringend einfache und erschwingliche Tests benötigt, um die Krankheit bei Babys in ärmeren Ländern sicher nachweisen zu können.
Derzeit behandelt Ärzte ohne Grenzen mehr als 57.000 Patienten in 29 Ländern mit lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten. Unter diesen 57.000 Patienten sind rund 3.500 Kinder.
Dezember: Kein Ende der Gewalt in Nord-Uganda
Im Norden Ugandas verschärft sich die Sicherheitslage zunehmend. Immer wieder werden auch Fahrzeuge von Zivilisten und humanitären Helfern angegriffen. Dadurch wird die Arbeit der Hilfsorganisationen erschwert und die ohnehin schon prekäre Situation tausender durch den anhaltenden Bürgerkrieg vertriebener Menschen noch angespannter. In den Projekten von Ärzte ohne Grenzen geht die Arbeit zwar weiter, die Anzahl der internationalen Helfer in den Vertriebenenlagern in Gulu, Kitgum, Lira und Pader wird nach den Vorfällen jedoch aus Sicherheitsgründen eingeschränkt.
Neben der medizinischen Hilfe in den Vertriebenenlagern hat Ärzte ohne Grenzen gemeinsam mit Interplast ein chirurgisches Hilfsprojekt ins Leben gerufen, um den zahlreichen Menschen zu helfen, die im Zuge des seit Jahren andauernden Konfliktes schreckliche Verstümmelungen erlitten haben.Foto: © Harald Henden
Veröffentlicht am 23.12.2005
Jahresrückblick 2005 in Bildern
Der Beginn des Jahres 2005 war von dem großen Hilfseinsatz nach der Tsunami-Katastrophe in Südostasien geprägt. Viele andere humanitäre Krisen spielten sich 2005 fernab der Weltöffentlichkeit ab: die Hungergebiete von Niger und das Krisengebiet Darfur im Westsudan sind nur zwei dieser "vergessenen Katastrophen", die weltweit zahllose Menschenleben forderten. Die Hilfe von Ärzte ohne Grenzen beschränkte sich jedoch auch im Jahr 2005 nicht auf Schauplätze von Naturkatastrophen und gewaltsamen Konflikten. Jeden Tag ist Ärzte ohne Grenzen weltweit mit einer anderen Form von Gewalt konfrontiert, die Millionen Menschen betrifft: Menschen die an Krankheiten wie Malaria, Tuberkulose, HIV/Aids, Schlafkrankheit oder Chagas, um nur einige zu nennen, leiden, und sterben müssen, weil die notwendigen Medikamente nicht verfügbar sind, zu teuer, oder nicht existieren.
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