Tuesday, 22. May 2012 | 22:20 CEST

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Krankenhaus von Razeh in der Konfliktregion SaadaFoto: © MSF
Veröffentlicht am 27.06.2008
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Jemen: Krieg in Saada - Zugang zu Verletzten unmöglich

Am Dienstag, den 17. Juni mussten die in der Region Saada arbeitenden MSF-Teams in die jemenitische Hauptstadt Sanaa evakuiert werden. Der Beschluss, unsere Tätigkeit in dieser Region des Nordjemens einzustellen, wurde angesichts der dort (anhaltenden) heftigen Gefechte gefasst. Seit dem 10. Mai war es uns nicht mehr möglich, unsere Arbeit unbeeinträchtigt auszuüben. Weder die Behandlung der Verwundeten, noch die Betreuung von Vertriebenen konnten unter annehmbaren Bedingungen vorgenommen werden.

Zuverlässige Informationen über das Geschehen in den Kampfgebieten und den von den Rebellen kontrollierten Gegenden sickern nur sehr spärlich durch.  Der Zutritt zu diesen Gefahrenzonen ist aus Sicherheitsgründen untersagt. Es gibt dort keine unabhängigen Beobachter, die meisten Kommunikationsverbindungen sind beschädigt. Es fehlen bisher genaue Angaben über die Zahl der Getöteten und Verletzten. Das Wissen um den  Einsatz von schweren Waffen, Bombardierungen von Dörfern und Information über Gefechte aus verschiedenen Quellen lassen uns jedoch befürchten, dass sich unter den Opfern auch Zivilpersonen befinden.

Der Großteil der Zivilbevölkerung hat keinen Zugang zu medizinischen Einrichtungen. Oft können die Leute kein Krankenhaus erreichen, sei es wegen dem gefährlichen Weg dahin, sei es weil sie befürchten, beschuldigt zu werden, die Rebellen zu unterstützen und deshalb verhaftet zu werden. Sogar für das medizinische Personal ist der Zugang zu Krankenhäusern und Gesundheitszentren sehr kompliziert, wenn nicht ein Ding der Unmöglichkeit.

Hilfe unter schwierigsten Bedingungen

In der Zeit vom 10. Mai bis zum 8. Juni konnten nur 56 Verletzte, davon 36 Zivilpersonen, in den von MSF unterstützten Krankenhäusern betreut werden, oft unter schwierigsten Bedingungen. In Haydan Krankenhaus, wo der Großteil der von MSF behandelten Verwundeten eingeliefert wurde, mussten die ausländischen und die nicht aus der Region stammenden Mitglieder unseres Teams aus Sicherheitsgründen evakuiert werden. Unsere lokalen Mitarbeiter haben ihre  Arbeit fortgesetzt, jedoch mit verminderten Mitteln und unter großer Gefahr. Am 27. Mai waren auch die meisten von ihnen gezwungen, das Krankenhaus zu verlassen. Es ist ihnen gelungen, einen Teil der Ausrüstung mitzunehmen. Damit konnten sie einen Behandlungsraum in einem Dorfgeschäft improvisieren. Seit dem 9. Juni arbeiten in Haydan nur noch ein medizinischer Assistent und zwei Krankenschwestern, von denen wir leider ohne Nachricht sind. Die übrigen Teammitglieder sind alle nach Saada gebracht worden.

Es gibt auch Fälle, wo wir genaue Angaben über die Lage der Verletzten haben, die dringend behandelt werden müssten, es uns aber nicht möglich ist, sie in unsere Einrichtungen zu bringen. Dies war namentlich der Fall in Dahyan, einem von den Rebellen kontrollierten Dorf, zehn Fahrminuten vom in der Regierungszone gelegenen Al Tahl Krankenhaus entfernt. Vor dem Wiederaufflammen der Feindseligkeiten haben wir jeweils an sechs Tagen pro Woche Leute im Dorf Dahyan behandelt. Am 11. Mai hat unser jemenitisches Team dort 25 von Geschoßen verwundete Frauen und Kinder behandelt. Da ihre Verletzungen eine Evakuierung erforderten, sind zwei Ambulanzen, ausgestattet mit einer behördlichen Bewilligung, von Al Tahl gestartet, um sie zu holen. Die Gefechte in der Umgebung des Dorfes waren jedoch so heftig, dass es dem Team unmöglich war, die Verletzten herauszuholen. Diese mussten erfahren, dass die Ambulanzen ohne sie zurück gefahren sind. Später wurde uns mitgeteilt, dass sieben der Verwundeten in den darauffolgenden 24 Stunden ihren Verletzungen erlagen. Seither sind wir ohne Informationen über die Lage in  Dahyan.

Viele Menschen auf der Flucht

Eine weitere Folge des Kriegs - die bis jetzt augenfälligste - ist der in Richtung Saada und Al Malaheed, einer anderen Stadt im Westen der Region, drängende Flüchtlingsstrom. In Saada und Umgebung beläuft sich die Zahl der Vertriebenen laut Schätzungen des Roten Kreuz und des Jemenitischen Halbmonds auf  35.000. Einige haben Häuser gemietet, andere wohnen bei Verwandten. Viele sind in den sechs um die Stadt verteilten Camps untergebracht. Zudem haben wir in der Nähe von Al Malaheed über 1.000 Familien gezählt, die sich in kleinen Gruppen fortbewegten. Es ist uns auch von Bewegungen Richtung Norden der Region berichtet worden.

Angesichts der aktuellen Lage – Krieg und Unmöglichkeit, eine geeignete Hilfe für die Verletzten und Vertriebenen bereitzustellen – haben wir beschlossen, internationale und nichtregionale Mitglieder unseres Teams vorläufig zurück zu ziehen und in den Norden Jemens zu verlegen. In Haydan ist das lokale Team stark reduziert worden. In Razeh und Al Tahl fahren die lokalen Mitarbeiter fort, die Patienten, die es bis zu diesen Krankenhäusern schaffen, zu behandeln. Wir verhandeln weiter mit allen Parteien, um zu Gebieten, in denen wir Verletzte vermuten, Zutritt zu erhalten.  Unsere Unterredungen mit Militärchefs und anderen behördlichen Vertretern in Saada haben bisher noch keine positiven Resultate gezeitigt. Weitere Gespräche sind auch auf höchster Ebene in  Saana im Gang. 

Nordjemen: Rahmenbedingungen und Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen vor dem vorläufigen weitgehenden Rückzug
Seit 2004 ist Nordjemen Austragungsort des Konflikts zwischen Regierungstruppen und Anhängern der Al Houthi Rebellenbewegung, die sowohl politische als auch gesellschaftliche und religiöse Forderungen stellt. Seither haben Kampf- mit Waffenstillstandsperioden abgewechselt. Es wurden Friedensverhandlungen geführt, aber ein eigentliches  Friedensabkommen ist nie zustande gekommen. Gegenwärtig wütet der seit 2004 bereits "fünfte Krieg" in dieser Gegend.
Unter diesen Bedingungen hatte MSF im September die Arbeit im Haydan Krankenhaus in der Provinz Saada aufgenommen. Zwei weitere Projekte wurden später eröffnet: Eines im Dezember 2007 im ländlichen Krankenhaus Razeh und ein zweites im ländlichen Krankenhaus Al Tahl im April 2008. In all diesen Einrichtungen arbeitet MSF Hand in Hand mit dem Personal des Gesundheitsministeriums.

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