Judith Eberleins Einsatz als Hebamme in Angola
Ihr erster Einsatz führt die Hebamme Judith Eberlein nach Angola, ein Land, das schwer am Erbe des fast drei Jahrezehnte andauernden Bürgerkriegs trägt. Nach dem Waffenstillstand waren Tausende Menschen vertrieben oder entführt worden, massive Unterernährung forderte vor allem unter den Kindern unzählbare Opfer. Judith Eberlein trägt mit dem Team von Ärzte ohne Grenzen dazu bei, die medizinische Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Als Hebamme kümmert sie sich in erster Linie um werdende Mütter, schult das lokale Personal, betreut die Apotheke und unterstützt die Spitalsleitung.
Für die junge Frau ist es die erste Geburt. Mit ihren 16 Jahren ist sie fast selbst noch ein Kind und nicht auf die Schmerzen vorbereitet, die sie seit Stunden durchlebt. Ihr Baby liegt in Steißlage, und der Geburtsvorgang ist ins Stocken geraten. Die Kinderärztin und der Chirurg von Ärzte ohne Grenzen, die in diesem besonderen Fall hinzugekommen sind, schauen sich an - Kaiserschnitt? Doch Judith Eberlein (25), Hebamme aus Mistelbach, schüttelt nur den Kopf: "Dafür ist es nun zu spät, aber wir schaffen das auch so."
Ein Füßchen ist bereits zu sehen. Trotz der angespannten Atmosphäre im Kreissaal scheint Judith mit jeder Minute ruhiger zu werden. Nachdem der Rumpf des Kindes geboren ist, gelingt es ihr, den Kopf des Babys in die richtige Position zu drehen. Dann ist es geschafft: Erleichtert hält Judith das Baby - ein gesundes Mädchen - in den Armen. Es war eine schwere Geburt, und in Judiths Heimat wäre man kein Risiko eingegangen und hätte das Kind innerhalb weniger Minuten per Kaiserschnitt entbunden. Doch im Krankenhaus von Kamacupa - einem verschlafenen und abgeschiedenen Städtchens mitten in Angola - ist das anders.
"Hier bleibt dieser eine Ausnahme", erklärt die Hebamme. "Die Narbe im Uterus kann bei jeder weiteren Schwangerschaft zu Komplikationen führen - eine ernstzunehmende Gefahr für eine Erstgebärende in Angola. Denn hier liegt die durchschnittliche Geburtenrate bei 7,4 pro Frau - ohne dass eine medizinische Betreuung überall gewährleistet ist."
Tatsächlich sind besonders in ländlichen Regionen acht Schwangerschaften und mehr keine Seltenheit. Die meisten Frauen entbinden noch immer zu Hause. Ins Spital kommen sie oft erst, wenn es Probleme gibt - meistens ist es aber dann für das Baby schon zu spät. Deshalb besteht ein wichtiger Teil von Judiths Arbeit darin, Frauen die Möglichkeit zur Schwangerschaftsvorsorge zu geben. "Wir versuchen, die schwangeren Frauen einmal im Monat zu sehen", erklärt sie. "Bei dieser Gelegenheit kontrollieren wir die Herztöne des Kindes und seine Lage. Die Frau wird gegen Tetanus geimpft und erhält ein Eisenpräparate gegen Anämie, an der fast alle Schwangeren hier leiden. Außerdem bekommt sie ein Mittel zur Malariaprophylaxe, da Malaria in der Region endemisch ist und die Schwangerschaft gefährden kann."
Wenn es nach Judith ginge, sollten viel mehr Frau aus der Umgebung im Krankenhaus von Kamacupa entbinden. Bisher sind es vor allem die Risikogeburten, die dort durchgeführt werden - und davon gibt es eine Reihe: Beispielsweise wenn das Kind sich nicht dreht und in Steißlage gerät oder wenn es sich um eine Mehrlingsgeburt handelt. Oder auch wenn die Frau bei der vorangegangen Geburt einen Kaiserschnitt hatte. Außerdem gilt grundsätzlich jede Frau mit mehr als sieben Schwangerschaften als Risikopatientin. "Der Uterus ist ein Muskel, der nicht für die extreme Belastung so vieler Geburten gemacht ist", so Judith. "Es kann zu einer starken Nachblutung kommen." Im Krankenhaus wird Judith nur dann zu einer Entbindung gerufen, wenn es Komplikationen gibt. Ansonsten kann sie sich auf ihr Team, bestehend aus neun angolanischen Krankenschwestern und Geburtshelferinnen, verlassen, für deren Schulung sie zuständig ist. Häufig führt sie für ihre Kolleginnen sogenannten "formaçãos" in Grundlagen der Geburtshilfe durch.
"Als ich meine Arbeit im Hospital begonnen habe, waren zum Beispiel die Hygiene-Standards nicht besonders gut, und auf die Betreuung der Frauen während der Geburt wurde fast kein Wert gelegt. Nach Trainingseinheiten, in denen wir gewissenhaft über diese Themen gesprochen haben, hat sich das inzwischen sehr gebessert." Seit Jänner ist Judith für die Entbindungsstation des Krankenhauses in Kamacupa und für die Schwangerenbetreuung in sieben Gesundheitszentren der Region zuständig. "Ich spüre, wie ich jeden Tag sicherer werde, und mir und den Müttern mehr zutraue. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung für mich. Im Vergleich zu Europa sind die medizinischen Mittel, die uns hier zu Verfügung stehen, sehr beschränkt. Und doch gibt es fast für jedes Problem eine natürliche Lösung. Das ist eine wirklich schöne Erfahrung. Außerdem gefällt mir gut, wie lange die Kinder hier gestillt werden. Ich weiß, dass den Müttern häufig gar nichts anderes übrig bleibt, da die Menschen sehr arm sind und ihnen nichts anderes zur Verfügung steht. Doch für die Gesundheit der Kinder ist es einfach das beste." Judith ist rundum zufrieden mit ihrer Arbeit in Angola. Trotzdem freut sie sich schon jetzt auf ihre Rückkehr. "Meine Schwester erwartet ihr drittes Kind, und zur Entbindung im August will ich auf jeden Fall wieder daheim in Mistelbach sein - das habe ich ihr fest versprochen. Doch falls mich mein Spital danach für einen weiteren Einsatz freistellt, werde ich die Gelegenheit sicherlich wahrnehmen."
Länderinformation
Einwohner:
18.497.632
Lebenserwartung:
48 Jahre
Kindersterblichkeit:
161 von 1.000 Kindern sterben vor ihrem fünften Geburtstag
Quelle: data.worldbank.org
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