Karagalinskaya medizinische Hilfe für einen vergessenen Ort
Seit mehreren Jahren gehört die russische Republik Tschetschenien zu den Ländern, über deren humanitäre Situation nach Einschätzung von Ärzte ohne Grenzen kaum berichtet wird. Die Auswirkungen der beinahe zwölfjährigen Isolation und Vernachlässigung sind für die Menschen dort jedoch mehr als sichtbar – so fehlt zum Beispiel eine angemessene medizinische Versorgung.
Am 30. Mai dieses Jahres hat Ärzte ohne Grenzen in der entlegenen Kleinstadt Karagalinskaya im Nordosten Tschetschenien ein Gesundheitszentrum eröffnet. 17.000 Menschen leben in dem Städtchen und seiner Umgebung. In der Atmosphäre des Ortes spürt man seine Abgelegenheit und die Vernachlässigung, die er erfahren hat.
Der tschetschenische Arzt Abubakar Voskaev, der im Gesundheitszentrum als medizinischer Supervisor tätig ist, erklärt: "Diese Region wurde ziemlich sich selbst überlassen. Hier sind nie irgendwelche Gelder angekommen. Die Hauptstadt Grosny wird zumindest teilweise wiederaufgebaut. Hier aber werden noch nicht einmal die Straßen repariert und in einigen Einrichtungen ist seit Sowjet-Zeiten nichts mehr gemacht worden."
Die Bewohner Karagalinskayas verdienen sich einen kümmerlichen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Obst und Gemüse oder von Fisch aus dem nahen Fluss Terek. Nur etwa 20 Prozent der Bevölkerung gehen einer bezahlten Arbeit nach.
Karagalinskaya ist der massiven Zerstörung entgangen, wie sie andere tschetschenische Städte erlitten haben, die heftig bombardiert worden sind. Allerdings wurden zehn Gebäude des einzigen Krankenhauses völlig zerstört. Obwohl viel von Wiederaufbau die Rede war und es ein Versprechen gab, dieses Krankenhaus 2006 zu reparieren, ist davon bislang noch nichts zu sehen. Es gibt nur eine lokale Poliklinik, die mit zwei halbtags arbeitenden Ärzten personell hoffnungslos unterbesetzt ist.
Viele Patienten aus anderen Regionen
Das Gesundheitszentrum von Ärzte ohne Grenzen erreicht Menschen, die im Einzugsbereich von 30 Kilometern leben. Es befindet sich in einem roten Backsteinhaus und hat vier Zimmer und einen offenen Hof. Als die Klinik am ersten Tag öffnete, war die Schlange unerwartet lang: Viele Patienten hatten Angst, dass Ärzte ohne Grenzen bald wieder weg sein würde. Wasser wird von einem Brunnen im Innenhof gepumpt. Gas kommt vom öffentlichen Versorgungsnetz, doch der Strom fällt schon mal aus.
Eine Gynäkologin, eine Kinderärztin, ein Allgemeinmediziner und zwei Krankenschwestern arbeiten in diesem Gesundheitszentrum. Im ersten Monat haben sie etwa 70 Patienten täglich untersucht. Alle Mitarbeiter kommen aus anderen Regionen Tschetscheniens. Montags fahren sie nach Karagalinskaya, bleiben dort bis Freitag und kehren dann übers Wochenende zu ihren Familien zurück.
Zu arm, um zum Arzt zu gehen
Im Hof des Hauses hat Ärzte ohne Grenzen eine kleine Apotheke eingerichtet, in der die Medikamente kostenlos ausgegeben werden. Damit haben die Patienten eine sichere Alternative zu den häufig gefälschten und meist teuren Medikamenten, die es in den lokalen Apotheken und auf den Märkten gibt.
Es ist eine der Folgen des Tschetschenienkrieges, dass die meisten Ärzte das Land verlassen haben und nach Russland oder ins Ausland gegangen sind. Hinzu kommt, dass das Personal der kleinen Poliklinik monatlich nur etwa 100 Euro verdient. Es ist also nicht verwunderlich, dass die Ärzte die Patienten um eine kleine Behandlungsgebühr bitten, um ihr Einkommen etwas zu erhöhen. "Es ist so normal für die Menschen in dieser Region, dass sie den Arzt bezahlen müssen, dass diejenigen, die kein Geld haben, nicht zum Arzt gehen. Sie schämen sich zu sehr", erklärt Abubakar Voskaev.
Ums tägliche Überleben kämpfen
Die Analyse der medizinischen Daten nach einem Monat zeigte ganz deutlich, dass die Bevölkerung an Krankheiten leidet, die auf eine mangelnde medizinische Versorgung zurückzuführen sind. "Wenn ich unsere Daten aus Karagalinskaya mit denen aus Grosny und Inguschetien vergleiche, würde ich sagen, dass die Situation hier schlimmer ist. Viele der Leute hier sind jahrelang nicht mehr bei einem Arzt gewesen", meint Dr. Voskaev.
Auch wenn Karagalinskaya nicht unter den häufigen Kämpfen und Aktionen der Sicherheitskräfte leidet, wie sie anderswo in Tschetschenien an der Tagesordnung sind - die Lage hier ist nicht wirklich stabil. Vor kurzem hat es Schießereien gegeben, und auch das Team von Ärzte ohne Grenzen musste sich gelegentlich aus Sicherheitsgründen zurückziehen. Nach Ansicht von Matthew Reid, medizinischer Koordinator für Ärzte ohne Grenzen in Russland, wirkt sich diese Unsicherheit auch auf die Gesundheit der Bevölkerung aus. "Die Zahl der Patienten mit Magengeschwüren nimmt zu. Ich glaube, das dies direkt mit dem erhöhten Stresspegel der Menschen zu tun hat, die ja sowieso schon um ihr tägliches Überleben kämpfen müssen."

