Leben auf den Straßen Moskaus
Jede Nacht schlafen Tausende Kinder auf den Straßen von Moskau. Die einen halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, andere sind gezwungen, ihr Überleben durch Diebstähle zu sichern. Unterschlupf finden sie auf Bahnhöfen und in verlassenen Abbruchhäusern. Vor sozialen oder familiären Problemen geflüchtet, sind sie kaum auf das harte Leben in der Hauptstadt vorbereitet. Im Tageszentrum von Ärzte ohne Grenzen wird ihnen jeden Tag eine kleine Ruhepause vom Leben auf der Straße geboten. Das Ziel von Ärzte ohne Grenzen ist zu demonstrieren, dass vor allem sanfte und nicht zwanghafte Maßnahmen zu einer Reintegration dieser Kinder in die Gesellschaft führen können.
Vor zwei Tagen hat die 16-jährige, obdachlose Oksana erfahren, dass sie schwanger ist. Gestern hat sie noch Drogen gespritzt, heute verbringt sie ihre Zeit im Tageszentrum von Ärzte ohne Grenzen, wo sie den Weg aus ihrer hoffnungslosen Situation sucht.
Oksana ist nur eines von Tausenden Kindern, die versuchen, in der feindlichen Umgebung der Straßen Moskaus zu überleben. Sie stammen aus allen Landesteilen und flüchten vor häuslicher Gewalt, vor nicht funktionierenden Familie und oft alkoholabhängigen Verwandten. Die Großstadt hat auf diese Kinder eine magische Anziehungskraft. Sie verkörpert in ihren Vorstellungen einen Ort der Freiheit und der Hoffnung.
Die Realität entspricht jedoch nur selten ihren Erwartungen.
Unzureichende staatliche Unterstützung
Hunger, Gewalt, Prostitution, Drogen, extreme klimatische Verhältnisse und ein schlechter Gesundheitszustand sind die Gefahren, welchen die Straßenkinder täglich ausgesetzt sind. Die Unterstützung von Seiten des Staates ist gering. Die Polizei handelt strikt nach dem Gesetz, welches vorschreibt, dass alle Minderjährigen (unter 14-jährige) eingesperrt und zwangsweise ins Krankenhaus gebracht werden, wo sie eine zehntägige Inkubationsfrist verbringen müssen. Den Teams von Ärzte ohne Grenzen ist es nicht gelungen, Zugang zu diesen Krankenhäusern zu bekommen, doch Kinder berichten von schlechten Bedingungen, Überfüllung und zwangsweise durchgeführten medizinischen Tests.
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus werden die Kinder vorübergehend – maximal 6 Monate – in der staatlichen Institution "Priut" untergebracht. Viele ergreifen die Flucht – aus dem Rettungswagen, vor der Polizei und aus dem "Priut" selbst.
Nach sechs Monaten kommen die Kinder entweder zu ihren Familien zurück oder werden in einem Waisenhaus untergebracht. Mangels psycho-sozialer Unterstützung während des Aufenthaltes im "Priut" schlagen die Versuche der Behörden, die Kinder in ihren Familien zu reintegrieren bzw. in den Waisenhäusern permanent unterzubringen, meist fehl. Die Kinder kehren auf die Straße zurück und sind wieder den gleichen Gefahren ausgesetzt.
Viele der Kinder, mit denen Ärzte ohne Grenzen zusammenarbeitet, sind älter als 14 Jahre. Es handelt sich um vernachlässigte Jugendliche, welche mehrmals an dem staatlichen "Priut"-System gescheitert sind. Sie sind die Verstoßenen, die heute sich selbst überlassen sind.
Die Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen
Das Hauptziel von Ärzte ohne Grenzen ist es, den Kindern in dieser tristen Umgebung Hoffnung zu vermitteln. Die Vorgehensweise des Teams von Ärzte ohne Grenzen entspricht dem Gegenteil der Zwangsmaßnahmen der staatlichen Institutionen. Das Team glaubt, dass die Kinder selber die richtigen Entscheidungen treffen können, wenn sie ausreichend Unterstützung und Auswahlmöglichkeiten erhalten.
Die Aktivitäten basieren auf zwei Säulen: Die erste Säule verkörpert vor allem die Tätigkeit auf den Straßen Moskaus. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind täglich überall dort, wo sich die Straßenkinder versammeln. Normalerweise sind dies Orte wie Bahnhöfe, verlassene Abbruchhäuser und verwahrloste Gegenden. Die zweite Säule stellt den Arbeitsablauf in dem Tageszentrum von Ärzte ohne Grenzen dar. Die Kinder können dort jeden Nachmittag verbringen und werden im Rahmen einer Vielzahl von Aktivitäten psychologisch betreut.
Die alltägliche Aufgabe der "Streetworker" und des Tageszentrums besteht darin, die Kinder wieder in die Gesellschaft zu integrieren. Das kann bedeuten, sie beispielsweise bei der Beschaffung von Dokumenten zu unterstützen, die sie für die Wahrung ihrer Rechte brauchen, ihnen bei der Unterbringung in medizinischen oder sozialen Einrichtungen behilflich zu sein oder sie bei Fragen der Zukunftsgestaltung zu unterstützen.
Auf der Straße...
Die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen glauben daran, dass ein Zugehen auf die Kinder die Grundvoraussetzung ist, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihnen zu vermitteln, dass die Erwachsenenwelt nicht ausschließlich aus Unterdrückung und Gewalt besteht.
Seit Anfang 2004 haben Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen mit viel Geduld persönliche Kontakte zu vielen Kindern aufgebaut und sind in deren Verstecken akzeptiert. Nachdem sich ein gewisses Vertrauensverhältnis zwischen den "Streetworkern" und den Kindern aufgebaut hat, versuchen die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen, tiefgründigere Themen anzusprechen. Das Ziel ist es, den Kindern zu vermitteln, dass sie ein Teil der Gesellschaft sind, und dass sie sich positiv entwickeln können.
Olga Nedosekina, eine der Projektpsychologinnen sagt:
"Wir versuchen ihnen beizubringen, dass sie keine Verstoßenen der Gesellschaft sind, dass wir an ihrem Leben teilnehmen und dass sie uns interessieren. Wir verurteilen sie nicht".
Ein anderes, wichtiges – oft sehr dringendes – Anliegen ist es, den Kindern ihren Gesundheitszustand zu erläutern. Die schlechten Gesundheitsergebnisse resultieren aus ihrem gefährlichen Lebensstil. Häufig auftretende Krankheiten sind HIV, Hepatitis C, TBC und infizierte Wunden. Der Konsum von Drogen (Spritzen und Schnupfen von giftigen Substanzen) bedeutet große Gefahr für ihre Gesundheit, und ist oft der Ursprung von Infektionen und Krankheiten.
Die Teams von Ärzte ohne Grenzen bieten Beratungen zum Thema Infektionsvorbeugung und der richtigen Anwendung von Nadeln und Kondomen an.
Das Tageszentrum
Im März 2005 hat Ärzte ohne Grenzen beschlossen, zusätzlich zur Arbeit der "Streetworker" ein Tageszentrum zu eröffnen.
Hier können die Kinder spielen, ihre Wäsche waschen, duschen und bekommen zusätzlich medizinische Grundvorsorge. Das allerwichtigste ist, dass sie einige Zeit in einer sicheren und positiven Umgebung verbringen können. Die Psychologen von Ärzte ohne Grenzen bemühen sich, den Vorteil der positiven Atmosphäre zu nützen, um mit den Kindern zu sprechen. Die größte Herausforderung besteht darin, die Kinder zu motivieren, über ihre Zukunft nachzudenken. Das ist etwas, das dem Leben auf der Straße, dem Leben "von der Hand in den Mund" eine Perspektive verleiht und somit von großer Bedeutung.
Der Tagesablauf teilt sich in Freizeit, kreative Tätigkeit und Beratungsgespräche. Die kreative Tätigkeit, wie Malen, Handwerken und Sport bietet den Kindern die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung. Mit Hilfe der Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen lernen sie, zwischenmenschlichen Beziehungen aufzubauen.
Als Ergänzung zu diesen Aktivitäten werden Einzel- und Gruppengespräche geführt. Beide Therapiearten bieten den Psychologen eine Grundlage für eine Tiefenanalyse des früheren Umfelds und erlebter Traumata. Wenn man verstanden hat, was diese Kinder mitgemacht haben, ist das der wesentliche Schritt in Richtung einer hoffnungsvolleren Zukunft.
Das Tageszentrum führt auch die medizinische Grundversorgung durch. Dies ist derzeit allerdings nur begrenzt möglich, da das Team auf die Erteilung einer Genehmigung durch die Behörde warten muss.
Die Ärzte im Zentrum erfüllen jedoch eine wichtige Aufgabe im Bereich der Gesundheitsvorsorge und Aufklärung. Tatsache ist, dass Krankheiten und Infektionen wie TBC und HIV bei den Straßenkindern stark verbreitet sind und deshalb ist es notwendig, die Untersuchungen und Behandlungen zu fördern. Die Ärzte vermitteln die Kinder an geeignete Stellen weiter, wo dringend benötigten Behandlungen durchgeführt werden.
Ein Blick in die Zukunft
Das Tageszentrum wird täglich von ca. 50 Kindern aufgesucht. Die "Streetworker" von Ärzte ohne Grenzen sind mit ca. 50 Kindern regelmäßig in Kontakt und haben bereits mit ca. 600 verschiedenen Kindern gearbeitet.
Das Tageszentrum ist nicht das universelle Heilmittel, welches alle Probleme der Straßenkinder Moskaus lösen wird. Ärzte ohne Grenzen ist sich bewusst, dass die "Streetworker" nur eine begrenzte Anzahl von gefährdeten Kindern erreichen können, aber – wie Projektkoordinator Justine Simons sagt:
"Unsere Aufgabe ist es nicht, uns allen Nöten der Straßenkinder von Moskau zu widmen. Unser Pilotprojekt hat das Ziel, den lokalen und nationalen Behörden zu demonstrieren, dass eine gewaltfreie Lösung erfolgreich sein kann."
Die Hoffnung besteht darin, die Behörden davon zu überzeugen, dass die "Säuberung der Straße", wie sie derzeit stattfindet, nur eine begrenzte und kurzfristig funktionierende Lösung ist.
Eine umfassende Herangehensweise ist notwendig, um es jedem Kind zu ermöglichen, eine verantwortungsvolle und vernünftige Entscheidung im Hinblick auf seine eigene Zukunft zu treffen. Diese Entscheidungen müssen freiwillig und bewusst getroffen werden. Wenn ein Kind von der Straße "aussteigt", soll es ein Schritt für immer sein. Jedes Kind soll diesen Schritt aus eigener und freiwillig getroffener Entscheidung beschließen. Das wird nur dann eintreten, wenn die Straßenkinder an positive Zukunftsaussichten glauben können.

