Malta: Bericht von Ärzte ohne Grenzen dokumentiert erschütternde Zustände in Internierungslagern für Migranten und Asylwerber
Auf Malta ankommende Asylwerber und Migranten werden in Lagern interniert, wo erschütternde Zustände ihre mentale und körperliche Gesundheit gefährden. Ärzte ohne Grenzen veröffentlicht den Bericht "Not Criminals", um auf die inakzeptablen und unmenschlichen Lebensbedingungen in den Lagern hinzuweisen und erneut für eine sofortige Verbesserungen der Lebensbedingungen und eine Änderung der maltesischen Internierungspolitik zu appellieren.
"Ich durchquerte die Wüste um der Gewalt in Somalia zu entkommen und erreichte Tripoli gegen Ende meiner Schwangerschaft. Am Tag meiner Abreise kaufte ich eine nagelneu Schere und bewahrte sie sorgfältig auf. Ich wollte sie sauber halten. Meine Tochter wurde am ersten Tag auf dem Boot geboren. Ein Mann und eine Frau halfen mir bei der Geburt: er hielt meine Arme, sie durchschnitt die Nabelschnur mit der Schere. Wir waren 77 Menschen an Bord, wir konnten uns kaum bewegen, so gedrängt waren wir. An den kommenden Tagen herrschte raue See. Der Mann und die Frau waren eng an mich gedrängt, und ich hielt meine Tochter fest, vor Angst, dass sie ins Meer fallen könnte. Die nächsten vier Tage litten wir unter Wasser- und Nahrungsmangel. Auch meine Tochter, denn meine Brüste waren vor Angst und Hunger trocken." - Frau aus Somalia
Während der vergangenen Jahre haben Migranten und Asylwerber die libysche Küste auf der Suche nach Zuflucht und/oder besseren Lebensbedingungen in Richtung Malta verlassen. Die Überfahrt auf überfüllten Booten ist hart: Tagelang können sich die Männer, Frauen und Kinder an Bord kaum bewegen. Lebensmittel und Wasser sind knapp, die Passagiere sind Sonne und Regen ausgesetzt. Jene, die die Überfahrt überleben, werden in Malta eingesperrt und unmenschlicher Behandlung ausgesetzt.
Die maltesische Politik der systematischen Wegsperrung zielt darauf ab, Menschen davor abzuschrecken, die Insel auf irregulärem Weg zu betreten. Bei Ankunft in Malta werden irreguläre Migranten und Asylwerber 18 Monate lang in überfüllten Auffanglagern festgehalten. Doch trotz neuer Maßnahmen zur Reduktion der Ankünfte und strikterer Grenzkontrollen an der Südgrenze der EU stieg die Zahl der auf Malta ankommenden Menschen im Jahr 2008 an, mit insgesamt 2.704 gemeldeten Ankünften. 2009 setzt sich dieser Trend fort. Die meisten Menschen kommen nach Malta um Bürgerkrieg, Verfolgung oder wirtschaftlichen- und Umweltproblemen zu entkommen – Gründe die weit stärker wiegen als der Abschreckungseffekt durch die Wegsperrung bei Ankunft.
Der Zustrom von Neuankömmlingen führt zu einer weiteren Verschlechterung der bereits ohnehin unmenschlichen Lebensbedingungen der Internierten. Überfüllung, furchtbare Hygiene und inadäquate Unterkünfte setzen die Internierten dem Risiko von Haut- und Atemwegsinfektionen aus. Der Zugang zu Gesundheitsversorgung ist schlecht, worunter die Gesundheit der Internierten leidet. Menschen mit ansteckenden Krankheiten werden gemeinsam mit gesunden Menschen eingesperrt, was zur Ausbreitung von Epidemien beiträgt. Patienten müssen Tage, manchmal Wochen lang warten, bis sie die Medikamente erhalten, die ihnen bei den Konsultationen verschrieben wurden. Auch besonders verwundbare Menschen – schwangere Frauen, Kinder und Kranke – werden in den Internierungslagern festgehalten und nur dann freigelassen, wenn eine Entscheidung basierend auf ihrem individuellen Fall getroffen wurde.
Lebensbedingungen in den Lagern schaden der Gesundheit der Internierten
"Im Oktober begann es, kalt zu werden. Meine Mutter, meine Tante und ich schliefen auf zwei Matratzen, aber in unserem Raum war es zu kalt, da die Fenster zerbrochen waren. Ich entschied, bei anderen Äthiopiern zu schlafen. Ihr Raum war sehr klein und hatte keine Fenster, deshalb war es dort nicht so kalt. Aber der Raum war im Toilettenbereich, und um hinzukommen musste man immer über den nassen Boden gehen. Und es stank immer. Ende Oktober wurde ich schwer krank, ich hatte eine Lungeninfektion. Man brachte mich ins Krankenhaus, wo ich zehn Tage bleiben musste. Als es mir besser ging weinte ich, weil ich nicht zurück ins Gefängnis wollte." - Bub aus Äthiopien, der 10 Wochen interniert war
Zwischen August 2008 und Februar 2009 leisteten MSF-Teams Gesundheitsversorgung in drei Lagern auf Malta: Safi, Lyster Barracks und Ta’kandja. Doch bald wurde klar, dass der Nutzen dieser Hilfe aufgrund der Lebensbedingungen in den Lagern limitiert war. 17 Prozent der Krankheiten, die die medizinischen Mitarbeiter von MSF bei den Konsultationen diagnostizierten waren Atemwegsproblem, die im Zusammenhang mit Kälte und mangelnder Behandlung von Infektionen standen, Hautinfektionen spiegelten die Überbelegung und schlechte Hygiene in den Lagern wider.
Lager weit von Mindeststandards entfernt
"Die Arbeit als Arzt in einer Umgebung wie dieser ist frustrierend und manchmal auch absurd: Wie können wir einen Patienten mit einem Lungeninfekt behandeln und ihn dann im Winter an einen Ort zurückschicken, wo er auf feuchten Matratzen am Boden in der Nähe eines kaputten Fensters schlafen muss? Wie können wir einem Patienten mit hohem Blutdruck raten, auf seine Ernährung und viel Bewegung zu achten, wenn er oder sie in einer überfüllten Zelle mit eingeschränkten Ausgangsmöglichkeiten leben muss? Unsere Patienten suchten uns oft immer wieder mit denselben Beschwerden auf, da ihre Symptome aufgrund der Lebensbedingungen bestehen blieben," erklärt Philippa Farrugia, Ärztin von Ärzte ohne Grenzen auf Malta.
Ärzte ohne Grenzen hat die maltesischen Behörden bei verschiedenen Gelegenheiten auf die furchtbaren Lebensbedingungen in den Internierungslagern hingewiesen und Druck auf sie ausgeübt, Veränderungen durchzuführen. Aber trotz einiger Initiativen zur Verbesserung der Aufnahmebedingungen sind die Lager noch weit von den Mindeststandards entfernt, wie sie in der Richtlinie der Europäischen Kommission über Mindeststandards für die Aufnahme von Asylwerbern festgelegt sind. Im März hat MSF seine Aktivitäten in den Internierungslagern beendet und öffentlich die dortigen Lebensbedingungen und damit zusammenhängenden Gesundheitsrisiken angeprangert, denen die Asylwerber ausgesetzt sind. In seinem Bericht "Not Criminals" deckt Ärzte ohne Grenzen die unannehmbaren Bedingungen in den Lagern und deren Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit der Migranten und Asylwerber auf Malta auf.
Den gesamten Bericht "Not Criminals" (in Englisch) können Sie rechts unter "Downloads" herunterladen.
Ärzte ohne Grenzen hat seine Arbeit auf Malta im August 2008 aufgenommen. Zwischen August 2008 und Februar 2009 hat MSF in drei Internierungslagern bei fast 2.000 Patienten 3.192 medizinische Behandlungen durchgeführt. Zwischen Dezember 2008 und Februar 2009 hat MSF außerdem 266 psychologische Einzelberatungen und 30 Gruppensitzungen zum Thema Gesundheitsförderung durchgeführt. Trotz der Unterbrechung seiner Hilfsaktivitäten in den Internierungslagern versorgt MSF jene Migranten und Asylwerber weiterhin medizinisch, die in den offenen Lagern leben, wohin sie überwiesen werden, wenn ihr Asylverfahren aufgenommen wurde oder nachdem sie 18 Monate im Internierungslager verbracht haben.

