Medizinische Hilfe für Kriegsopfer
Der Irak ist Schauplatz einer der größten humanitären Krisen der Gegenwart, Krieg und Gewalt fordern täglich viele Tote und Verletzte unter der Zivilbevölkerung. Das irakische Gesundheitssystem ist nicht mehr in der Lage, diesen Menschen entsprechende Hilfe zu leisten. Tausende Ärzte haben das Land verlassen und jene, die bleiben, werden oft schikaniert, inhaftiert oder mit Entführung und Mord bedroht. Humanitäre Organisationen sind selbst zur Zielscheibe geworden, die meisten internationalen Hilfsorganisationen haben das Land verlassen. Ärzte ohne Grenze/Médecins sans Frontières (MSF) leistet medizinische Hilfe für die Zivilbevölkerung in verschiedenen Regionen des Irak und betreibt Hilfsprogramme auch ausgehend von Nachbarländern wie Jordanien. In Krankenhäusern, die sich im relativ sicheren Norden des Landes befinden, leisten Teams von Ärzte ohne Grenzen chirurgische und psychologische Hilfe für Patienten aus den Kriegsgebieten.
Welche Hilfe kann MSF innerhalb des Gesundheitssystems des Irak leisten?
MSF unterstützt Kliniken und Gesundheitseinrichtungen im gesamten Land mit medizinischem Material und mit der Ausbildung von Personal. Durch den Zusammenbruch des Gesundheitssystems und den permanenten Mangel an Medizinern, Medikamenten und Material sind die Krankenhäuser oft nicht in der Lage, notwendige Behandlungen durchzuführen. MSF unterstützt Krankenhäuser in den Konfliktzonen mit Materiallieferungen und hilft so, das Leben von Kriegsopfern zu retten. Ein starkes Netzwerk engagierter Menschen garantiert, dass diese Lieferungen die Kliniken erreichen. Das gute Netzwerk ermöglicht uns auch, die humanitäre Situation in den vom Krieg betroffenen Gebieten einzuschätzen. MSF-Teams sind aber auch mit Spezialisten in Referenzkrankenhäuser der von Kurden kontrollieren Region im Norden des Irak präsent, um dort die einheimischen Mediziner in speziellen chirurgischen Fachbereichen schulen.
MSF hat sich 2004 aufgrund der zunehmend schlechten Sicherheitssituation aus dem Irak zurückgezogen. Warum sind Sie zurückgekehrt?
Der Irak ist ein Land, das durch den Krieg sehr stark in Mitleidenschaft gezogen wird. Die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung ist vor allem aufgrund von religiösen Konflikten und aufgrund der Aufstände in vielen Teilen des Landes massiv. Die Auswirkungen für die Menschen sind enorm: Es gibt viele Opfer unter der Zivilbevölkerung sowie eine große Zahl von Vertriebenen. Auch in der kurdisch kontrollierten Region haben viele Vertriebene Zuflucht gesucht. Immer mehr Ärzte und andere medizinische Berufsgruppen verlassen das Land und die Gesundheitsstrukturen drohen unter der hohen Zahl von Kriegsverletzten zusammen zu brechen. Für die Bevölkerung ist der Zugang zu guter medizinischer Versorgung immer schwieriger. MSF beobachtet die Entwicklung des Konflikts und die Verschlechterung der humanitären Lage seit 2004. Wir haben ständig über Möglichkeiten nachgedacht, der irakischen Bevölkerung trotz der schlechten Sicherheitslage weiter Hilfe zu leisten. Ende 2006 beschlossen wir dann, im relativ sicheren Kurdengebiet Hilfsprogramme zu starten – vor allem für die Bevölkerung aus den nur etwa hundert Kilometer weiter südlich beginnenden Konfliktzonen. Die Schwierigkeit ist, diesen Patienten Zugang zu den Gebieten zu ermöglichen, in denen wir arbeiten.
Wie können denn diese Patienten aus den Konfliktzonen in den sichereren Teil des Landes, in dem MSF tätig ist, gelangen?
Das ist tatsächlich eine der größten Herausforderungen für Ärzte ohne Grenzen im Nordirak. Aus Sicherheitsgründen ist es unmöglich, direkt zu Verwundeten innerhalb der Kriegsgebiete zu gelangen. Daher müssen wir Wege finden, wie die Patienten aus den Konfliktzonen in die Krankenhäuser kommen, in denen wir arbeiten. In der von Kurden kontrollierten Region sind in einigen Referenzkrankenhäuser MSF-Teams tätig, diese Einrichtungen werden mit medizinischem Materialien versorgt und die einheimischen Ärzte werden von unseren internationalen Teams geschult. Gegenwärtig arbeiten wir an einem Überweisungssystem für Patienten aus den vom Krieg betroffenen Gebieten in diese Kliniken. Dazu müssen wir Krankenhäuser in den Konfliktzonen unterstützen. Wir müssen ein sehr gutes Netzwerk mit verlässlichen Akteuren auf beiden Seiten aufbauen. Dieses Netzwerk ist auf der einen Seite entscheidend um Überweisungen in Krankenhäuser der sicheren Zone durchzuführen. Andererseits garantiert es, dass medizinische Materialen auch tatsächlich im Kriegsgebiet ankommen. Die Schwierigkeit im Irak ist, dass schon der Umstand, im Gesundheitswesen zu arbeiten für eine Person ein lebensbedrohliches Risiko darstellt. Mit diesem Dilemma muss sich auch MSF auseinandersetzen.
Was sind die am häufigsten auftretenden medizinischen Probleme?
Durch die permanente Gewalt, wie etwa die auf Zivilisten abzielenden Auto-oder - Sprengbomben, kommen Verwundete oft mit komplexen und kritischen Verletzungen in der Klinik an. Die meisten Krankenhäuser innerhalb des Kriegsgebietes besitzen nicht mehr die Kapazität für qualitativ hochwertige Behandlungen. Da das Gesundheitswesen zusammengebrochen ist, mangelt es an Medikamenten, chirurgischen Instrumenten, Verbandszeug und anderen Materialien. Viele Patienten, die zu den Referenzkliniken der kurdisch kontrollierten Region kommen, wurden vorher in Krankenhäusern des Kriegsgebietes nur mangelhaft behandelt. Eines der häufigsten medizinischen Probleme sind Verbrennungen, die durch Explosionen hervorgerufen werden, oft aber auch die Folge von Selbstmordversuchen sind. Der Zustand dieser Patienten ist meistens sehr kritisch, oft sind mehr als 50 Prozent der gesamten Körperoberfläche verbrannt. Zwei Kliniken in der kurdischen Region verfügen über gut ausgerüstete Verbrennungsstationen, auch diese erhalten medizinische Materialien von MSF. Ärzte und Krankenschwestern werden von internationalen Spezialisten im Bereich der plastischen Chirurgie für Verbrennungsopfer geschult. In einer der Abteilungen für Verbrennungsopfer wird auch psychosoziale und psychiatrische Unterstützung angeboten.
Ärzte ohne Grenzen ist entschlossen, im Rahmen seiner Möglichkeiten alles zu tun, um der irakischen Bevölkerung zu helfen und hat seit 2006 verschiedene Hilfsprogramme installiert: 12 Krankenhäuser im Zentrum und im Norden des Landes erhalten regelmäßig Lieferungen, einschließlich Medikamente und medizinisches Material. In acht Spitälern im Zentral- und Nordirak führt Ärzte ohne Grenzen Schulungen für medizinisches Personal und Psychologen durch. Der direkte Einsatz von Chirurgenteams erfolgt in drei Krankenhäusern im Nordirak. In Jordanien führt Ärzte ohne Grenzen im Rahmen eines Chirurgie-Programms Gesichts- und plastische Operationen für Kriegsopfer aus dem Irak durch. Auch von Jordanien aus versorgt Ärzte ohne Grenzen zahlreiche Spitäler im Irak mit Medikamenten und medizinischem Material und hat außerdem ein Schulungsprogramm für irakisches Gesundheitspersonal eingeführt.

