News aus Kitchanga
E-Mail von Renate Reisinger, Kinderkrankenschwester aus Oberösterreich, derzeit auf Einsatz in der Demokratischen Republik Kongo.
Hallo,
Sonntag Morgen in Kitchanga, meinem Zuhause seit der letzten Woche und vermutlich noch für eine weitere Woche oder zwei, mal sehen, Flexibilität ist alles, und hier werde ich gerade mehr gebraucht als in meinem eigentlichen Einsatzort Mweso. Es ist wie Aushelfen auf der Nachbarstation wenn es auf der Intensivstation gerade ruhig ist:-)
Kitchanga war ein verschlafenes kleines Dorf, bis sich hier in den vergangenen ein bis zwei Jahren Zehntausende Vertriebene aus der Umgebung in zwei Lagern ansiedelten haben. Jeder, der die Ausstellung "Leben auf der Flucht" von Ärzte ohne Grenzen gesehen hat, kann sich vorstellen, wie diese Camps aussehen: hauptsächlich so genannte "blendees", das sind kleine Hütten aus Bambus mit Grasdächern, manche bedeckt mit UN-Plastikplanen, gebaut auf steinigem Terrain, kaum größer als ein paar Quadratmeter, aber ganze Familien leben darin, und ich denke oft an die Leute, wenn es wieder einmal schüttet wie aus Kübeln - was es fast jeden Tag tut hier.
Zu viele Leute auf zu kleinem Raum, zuwenig Essen und Wasser, Gewalt gegen die Frauen, Kinder auf den Straßen, weil es keine Schulen gibt beziehungsweise die Eltern die Gebühren nicht bezahlen können, psychische Probleme, Angst vor Bewaffneten ... die Liste der Probleme scheint endlos und unüberwindbar. Es ist schwer vorstellbar, was den Leuten die Kraft gibt, jeden Tag aufzustehen und weiterzumachen in einer Situation, die so geprägt ist von Angst, Gewalt und Unsicherheit.
Ich bin momentan von Montag bis Freitag unterwegs in Gesundheitszentren und Mobilen Kliniken in weiter entfernte Gegenden, zusammen mit einem Team von kongolesischen Kollegen. Die Landschaft, durch die wir fahren, ist unglaublich schön, Vulkane am Horizont, tiefe Täler, steile Hügel, alles verfügbare Land ist dicht bepflanzt mit Maniok, Erdnüssen, Hirse, Mais, Bohnen, ... der Boden ist sehr ertragreich und fruchtbar. Und trotzdem müssen wir uns um unterernährte Kinder kümmern, weil die Leute oft ihre Felder nicht bestellen können, aus Angst vor Bewaffneten, die die Burschen zwangsrekrutieren, Frauen am Weg vergewaltigt, die Leute zur Zwangsarbeit mitnehmen...
Das gute Land ist bepflanzt oder bebaut, und was übrig bleibt sind Straßen. Teilweise harte scharfe Lava, teilweise tiefe Schlammlöcher. Wie gewohnt können es unsere Fahrer mit jedem zwischen Paris und Dakar aufnehmen, aber manchmal bleiben auch sie stecken. Zwei Mal zum Beispiel vergangenen Freitag am Retourweg von der mobilen Klinik in Kalengeri. Da fühlt man sich doch erst so richtig als MSF-Mitarbeiter, wenn man voll ist mit Dreck nach Schlammschaufeln und Autoanschieben :-) … Und die Funk-Operators in Kitchanga wünschen uns eine gute Fahrt ("Bonne Route"), während wir von einem Loch ins Nächste dahin holpern :-))
Die Nachrichten über AH1N1 sind auch hier angekommen, mit der schnellen Ausbreitung des Virus könnte es auch für uns zu einem Problem werden, weil die geschwächten Leute in den Camps und in den Dörfern einer Grippe womöglich nicht standhalten können. Obwohl, ob es zu einem Ausbruch kommt müssen wir wahrscheinlich erraten, denn ein Labor, das das Virus feststellen könnte, gibt es hier nicht, und auch entsprechende Grippemedikamente nur in begrenzter Anzahl.
Okay, Mittagessenszeit, euch allen einen schönen Sonntag und bis bald,
Renate


