Nord-Irak: "Die derzeitige Situation ist vertraut"
Sie waren an der irakisch-türkischen Grenze, wo seit einigen Wochen die Gefahr einer türkischen Militärangriffs groß ist. Wie würden Sie die Lage der Menschen in diesem Gebiet beschreiben?
Wir waren an der Grenze um uns über die Vorbereitungen und Strategien für den Fall eines türkischen Angriffs ein Bild zu machen. Dabei haben wir drei Gesundheitszentren besucht, die im Falle eines medizinischen Noteinsatzes zur Verfügung stehen würden. Es gab dort nichts außergewöhnliches zu sehen: Die Menschen verrichten ihre täglichen Aufgaben ganz normal, die medizinische Arbeit geht ihren gewohnten Gang. In dem Gesundheitszentren, das der Grenze am nächsten ist, führten die Mitarbeiter gerade eine Impfkampagne durch. Die Bewohner des Grenzgebiets sind seit drei Jahren immer wieder Bombardements ausgesetzt, also ist die derzeitige Situation in gewissem Maße vertraut. Nach allem was ich sehen und hören konnte, fürchten die Menschen nicht um ihr Leben. Es gab viele Medienberichte, die sagen, dass Bewohner aus den Grenzregionen flüchten, aber laut offiziellen und inoffiziellen Quellen sind keine derartigen Fälle bekannt. Jetzt ist die Jahreszeit, in der viele Menschen die Grenzdörfer verlassen, weil die Ernte eingefahren ist. Im Winter sinken die Temperaturen auf bis zu minus 18 Grad und es liegen bis zu zwei Meter Schnee – da gehen viele zurück in ihr zweites Haus oder zu Angehörigen im Umkreis von größeren Städten, wo es öffentliche Einrichtungen gibt.
Bereiten sich die Menschen und die Behörden auf einen möglichen Krieg vor?
Ärzte ohne Grenzen hat die Gesundheitsbehörden bei der Entwicklung eines Notfallplans für medizinische Einsätze unterstützt für den Fall, dass Zivilisten betroffen sind: Dazu gehört die Unterstützung mit medizinischem Material, Personal, Transportmitteln und anderen logistischen Mitteln, sowie auch eine Vorbereitung auf die verschiedenen möglichen Szenarien. Die Regionalregierung ist für die Versorgung von Vertriebenen verantwortlich. Kürzlich fand ein Treffen zwischen den Behörden und Nichtregierungsorganisationen statt, bei dem die mögliche Krise und die Aufgabenverteilung untereinander besprochen wurden. Die Bereitschaft zur Unterstützung scheint sehr groß zu sein.
Wären die lokalen medizinischen Einrichtungen auf eine hohe Zahl von Verletzen vorbereitet?
Obwohl die Behörden derzeit nicht mit dem Schlimmsten rechnen, bereiten sie doch die notwendigen Schritte vor. In allen Gesundheitseinrichtungen, die betroffen sein könnten, wurde der Bedarf an Materialen und Personal ermittelt. Ein Schwachpunkt könnte die gleichzeitige Überstellung vieler Schwerverletzter in jene Einrichtungen sein, in denen chirurgische Eingriffe möglich sind. Es wurden zusätzliche Rettungsfahrzeuge mit ausgebildeten Sanitätern bereitgestellt, die rund um die Uhr verfügbar sind. An einem zentralen Ort ist auch ein Lastwagen platziert, der als mobile Einrichtung für chirurgische Fälle eingerichtet wurde; dazu gehören Teams, die rund um die Uhr arbeiten können. Es ist schwer zu sagen, welche Gesundheitseinrichtungen im Falle eines türkischen Angriffs weiter funktionieren würden, manche wären möglicherweise vom Militär überrannt. Einige würden vielleicht trotzdem für verletzte Patienten offen bleiben.
Wie ist die Lage der Vertriebenen aus anderen Teilen des Irak, die jetzt schon in der Region sind?
Die vielen Vertriebenen aus den Teilen des Irak, in denen Krieg herrscht, sind schon jetzt eine große Belastung für die lokalen Strukturen, die meisten von ihnen sind allerdings nicht im Gebiet nahe der Grenze. Falls militärische Auseinandersetzungen im Zuge eines türkischen Angriffs sich auf die Grenzregion beschränken, ist nicht mit einer großen Zahl an weiteren Vertriebenen zu rechnen. Auf Grund der häufigen Bombardements in den vergangenen drei Jahren sind die meisten Dörfer entlang der Grenze nicht sehr bevölkert. Aber es hängt natürlich davon ab, wie weit ins Land diese militärische Operationen führen würden. Die Behörden rechnen mit rund 2.000 möglichen Vertriebenen. Derzeit sprechen sie noch nicht davon, Lager einzurichten, sondern rechnen eher mit der Integration möglicher Vertriebener in die Gemeinschaften. Viele Menschen haben Angehörige in anderen Teilen der Region, von denen sie bei Bedarf unterstützt würden. Für die Vertriebenen, die hier im Norden vor dem Krieg in anderen Teilen des Irak Zuflucht gesucht haben, hat MSF diese Woche mit der Verteilung von Hilfsgütern begonnen: Hygieneartikel, Kochutensilien, Decken und andere Materialien zum Schutz gegen die Kälte.
Welche Vorbereitungen hat MSF für den Fall heftiger militärischer Auseinandersetzungen getroffen?
Ärzte ohne Grenzen arbeitet eng mit den Gesundheitsbehörden zusammen und hilft bei der Erstellung des Notfallsplans, aber auch mit Notfall-Kits, anderen medizinischen Materialien und Hilfsgütern. Außerdem haben wir mit Schlüsselpersonen aus allen sechs Krankenhäusern und Gesundheitszentren für den Fall, dass eine große Zahl verletzter Zivilpersonen gleichzeitig eintrifft, ein Auswahl- und Verteilungssystem trainiert. Es ist schön zu sehen, dass all das vom örtlichen medizinischen Personal und den Gesundheitsbehörden sehr geschätzt wird.
(1) Der volle Name wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt.
Ärzte ohne Grenzen ist entschlossen, im Rahmen seiner Möglichkeiten alles zu tun, um der irakischen Bevölkerung zu helfen und hat seit 2006 verschiedene Hilfsprogramme installiert: 12 Krankenhäuser im Zentrum und im Norden des Landes erhalten regelmäßig Lieferungen, einschließlich Medikamente und medizinisches Material. In acht Spitälern im Zentral- und Nordirak führt Ärzte ohne Grenzen Schulungen für medizinisches Personal und Psychologen durch. Der direkte Einsatz von Chirurgenteams erfolgt in drei Krankenhäusern im Nordirak. In Jordanien führt Ärzte ohne Grenzen im Rahmen eines Chirurgie-Programms Gesichts- und plastische Operationen für Kriegsopfer aus dem Irak durch. Auch von Jordanien aus versorgt Ärzte ohne Grenzen zahlreiche Spitäler im Irak mit Medikamenten und medizinischem Material und hat außerdem ein Schulungsprogramm für irakisches Gesundheitspersonal eingeführt.

