Notfallhilfe für Gewaltopfer im Nigerdelta
Durch die Ölvorkommen im Land gibt es in Nigeria extremen Reichtum, doch dem steht die Armut weiter Bevölkerungskreise gegenüber. Im dicht bevölkerten und ölreichen Nigerdelta kommt es immer wieder zu Kämpfen um die Kontrolle von Macht und Rohstoffen zwischen bewaffneten politischen und kriminellen Gruppen. Da in der Region keine medizinische Notfallversorgung gibt, hat Ärzte ohne Grenzen 2005 in Port Harcourt, der Hauptstadt des River State, ein traumatologisches Zentrum eröffnet. Seither hat sich die Zahl der chirurgischen Eingriffe erheblich erhöht.
In Port Harcourt gibt es zwar medizinische Einrichtungen, doch diesen fehlt es vielfach an Ausstattung und Personal. Zudem können sich große Teile der Bevölkerung die Behandlungsgebühren nicht leisten und sind somit vom Zugang zur medizinischen Versorgung ausgeschlossen. Das traumatologische Zentrum von Ärzte ohne Grenzen im Teme Krankenhaus füllt daher eine Lücke in der medizinischen Notfallversorgung der Region.
„Die große Mehrheit der Patienten, die wir hier behandeln, sind lebensbedrohliche Notfälle“, sagt Joe Pale, Koordinator für Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Wenn es notwenig sein sollte, können wir die derzeitige Kapazität von 70 Betten schnell auf 110 aufstocken.“ Das Teme Krankenhaus kümmert sich um gewaltbedingte Verletzungen nach Schießereien, Messerstechereien, Schlägereien, sexueller Gewalt und andere traumatologische Fälle, etwa nach Unfällen und Verbrennungen.
Im Vorfeld der Wahlen ist die Zahl der Zahl der Schussopfer, die im Teme Krankenhaus angenommen wurden, stark angestiegen: von 38 im Februar auf 72 im März.
Behandlung entsprechend der Überlebenschancen
„In einer Notsituation müssen die Auswahlkriterien angepasst werden, was bedeutet, dass man die Schwere einer Verletzung abschätzen muss und entsprechend der Überlebenschancen behandelt. So können zumindest die Patienten mit den besten Chancen überleben“, sagt Bern-Thomas Niang’wa, Leiter des Krankenhausteams. „Für Patienten, die extrem schwer verwundet sind, bedeutet dies jedoch leider, dass sie nur Palliativpflege bekommen, da man sich auf diejenigen konzentrieren muss, die gerettet werden können.“
Jeden Monat werden in den beiden Operationssälen des traumatologischen Zentrums 150 bis 200 chirurgische Eingriffe durchgeführt. Seit das Projekt 2005 eröffnet wurde, hat die Zahl der chirurgischen Eingriffe erheblich zugenommen.
In diesem Jahr hat Ärzte ohne Grenzen damit begonnen, offene Knochenfrakturen durch eine innere Fixierung zu behandeln. Für die Helfer, die in Krisengebieten unter schlechten Bedingungen normalerweise keine komplizierten chirurgischen Eingriffe durchführen können, ist dies eine neue Entwicklung. Gegenüber der externen Fixierung hat die Methode erhebliche Vorteile: Der Krankenhausaufenthalt verkürzt sich, und die Patienten können schneller zu ihrer normalen Tätigkeit zurückkehren. Zudem lässt sich dadurch die Häufigkeit von Frakturen verringern, die nicht wieder zusammenwachsen.
Physiotherapie verhindert Folgeerkrankungen
Eine weitere wichtige Verbesserung war die Integration eines Rehabilitationspro-gramms. „Wir haben viele Patienten im Streckverband oder mit Gips, die für lange Zeit das Bett hüten müssen“, sagt Barbara Frederick, Physiotherapeutin bei Ärzte ohne Grenzen. „Sie laufen Gefahr, als Folge des Traumas oder des chirurgischen Eingriffs ihre Mobilität zu verlieren. Durch eine frühe physiotherapeutische Behandlung können wir die Zahl der Folgeerkrankungen stark senken.“
Seit Oktober 2005 wurden in der Notaufnahme im Teme Krankenhaus mehr als 4.500 Patienten aufgenommen, darunter mehr als 1.100 aufgrund gewaltbedingter Verletzungen.

