Wednesday, 23. May 2012 | 13:26 CEST

Veröffentlicht am 15.03.2004
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Oasen der Menschlichkeit im täglichen Elend Armeniens

Die Bevölkerung Armeniens lebt unter äußerst schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen. Noch problematischer ist die Lebenssituation geistig behinderter und psychisch kranker Menschen in dem Kaukasusland. Ärzte ohne Grenzen hat jahrelang daran gearbeitet, die menschenunwürdigen Zustände in den dortigen psychiatrischen Einrichtungen zu verbessern und verfolgt jetzt einen neuen Ansatz: Betroffenen und ihren Familien wird ambulant geholfen. Tido von Schön-Angerer ist Arzt und seit mehreren Jahren als Landeskoordinator für Ärzte ohne Grenzen in Armenien tätig. Im Interview beschreibt er, wie diese Hilfe aussieht.

Wie ist die Lebenssituation geistig behinderter und psychisch kranker Menschen in Armenien?

Tido von Schön-Angerer: Mehr als die Hälfte der Menschen in Armenien lebt unter der offiziellen Armutsgrenze, das heißt von weniger als 17 Euro pro Monat. Psychisch Erkrankte und deren Familien gehören meist zu den Ärmsten der Armen, denn die zeitaufwendige Pflege des kranken Angehörigen macht oft eine Erwerbstätigkeit unmöglich. Zu den verheerenden wirtschaftlichen Auswirkungen kommt hinzu, dass psychisch Erkrankte und ihre Familien stigmatisiert werden. Zwar ist der Familienzusammenhalt in Armenien traditionell stark, aber die soziale Isolation halten viele nicht aus. Deswegen werden psychisch erkrankte oder geistig behinderte Menschen nicht selten vor der Öffentlichkeit versteckt und müssen unter unwürdigen Bedingungen leben. Manche werden auch für immer in die stationäre Psychiatrie abgeschoben.

Können die Betroffenen und ihre Angehörigen staatliche Leistungen in Anspruch nehmen?

Theoretisch haben psychisch Erkrankte ein Anrecht auf kostenlose Behandlung. Aufgrund des völlig unzureichenden Gesundheitsbudgets besteht dieses Recht aber meist nur auf dem Papier. Die Behindertenrente, die vielen zusteht, beläuft sich auf maximal acht Euro pro Monat - das reicht nicht einmal für Brot. Die sozialen Nöte sind also extrem, besonders im Winter, wenn Temperaturen auf minus 30 Grad C sinken können und manche versuchen, ihre Zimmer mit Abfall von der Müllhalde zu heizen. In diesem Winter haben wir deshalb 270 Familien mit warmen Decken und Heizmöglichkeiten versorgt.

Gab es vor dem Hilfsangebot, das Ärzte ohne Grenzen in Kooperation mit dem armenischen Gesundheitsministerium aufgebaut hat, ambulante Betreuungseinrichtungen für psychisch kranke und behinderte Menschen?

Wir haben viele Jahre in den verschieden psychiatrischen Kliniken Armeniens gearbeitet, um dort wenigsten halbwegs menschenwürdige Bedingungen zu schaffen. Wir haben auch immer wieder versucht, viele der unnötig hospitalisierten Menschen zu entlassen. Uns wurde aber klar, dass der Mangel an ambulanter Versorgung dies unmöglich macht. Zu Sowjetzeiten gab es ja nicht einmal die Berufsbilder "Sozialarbeiter" oder "klinischer Psychologe". Das psychiatrische Behandlungsniveau ist oft sehr niedrig und beschränkt sich vielfach darauf, ohne Konsultation ein Rezept zu erneuern - falls denn die Arzneimittel überhaupt vorhanden sind. Nein, eine Tagesstätte, wie wir sie aufgebaut haben, ist ein absolutes Novum.

Gibt es denn Schulen für Kinder mit psychischen Problemen und Behinderungen?

Ja, es gibt Heime für solche Kinder, aber sie sind restlos überfüllt. Immer mehr verarmte Familien versuchen, ihre nicht erkrankten bzw. nicht behinderten Kinder dorthin zu schicken, damit sie wenigstens etwas zu essen bekommen und Kleider erhalten. Aus Sicht der Leitung dieser Heime ist es natürlich einfacher, diese Kinder zu betreuen. Einige der besonders schwer erkrankten und behinderten Kinder wurden bis vor kurzem sogar in psychiatrische Kliniken für Erwachsene abgeschoben, die für sie völlig ungeeignet sind.

Welchen Ansatz verfolgt das Projekt von Ärzte ohne Grenzen?

Wir versuchen, eine den hiesigen Bedingungen angepasste ganzheitliche Versorgung zu bieten. Da sind zum einen die Tagesstätten, über die Menschen aus ihrer Isolierung geholt werden. Hier haben sie zum Beispiel im Rahmen unseres vielfältigen ergotherapeutischen Angebots die Möglichkeit, Neues zu entdecken, zu tun oder zu lernen. Dadurch können sie wieder Selbstvertrauen gewinnen. Auf der anderen Seite gibt es das psychiatrische Zentrum, in dem jeder kostenlose und kompetente Hilfe von Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern bekommen kann. Die Tagesstätten und das psychiatrische Zentrum erscheinen mir oft wie Oasen der Menschlichkeit im täglichen Elend. Wir haben sehr viel Mühe und Zeit darauf verwendet, das Gesundheitsministerium eng in dieses Projekt einzubinden, damit es für alle Beteiligten eine wirklich positive Lernerfahrung wird.

Wie sehen die Veränderungen bei Kindern und Erwachsenen aus, die regelmäßig in eine Tagesstätte von Ärzte ohne Grenzen kommen?

Die Veränderungen sind wegen der früheren Vernachlässigung und Isolierung sehr oft überwältigend und unmittelbar sichtbar: So kommt es vor, dass ein Besucher nach vielen Jahren wieder anfängt zu sprechen oder dass er erstmals lernt, in sozialen Kontakt mit anderen zu treten. Andere Teilnehmer des Programms werden durch unsere Hilfe deutlich ausgeglichener und brauchen weniger Krankenhausaufenthalte.

Lassen sich die Angehörigen auf das Beratungs- und Unterstützungsangebot ein und verändert es das Zusammenleben in den Familien?

Die meisten Familien begrüßen das Projekt. Manche Angehörige sind selbst aktiv und versuchen, in der Tagesstätte mitzuhelfen. Das gestärkte Selbstvertrauen der Tagesstättenbesucher hat in einigen Fällen aber auch zu Konflikten und sogar zu Gewalt in der Familie geführt. Das war dann der Fall, wenn die Angehörigen nicht akzeptieren konnten, dass der oder die Erkrankte plötzlich eine eigene Meinung hat. Aus diesem Grund arbeiten wir auch intensiv mit den Familien.

Wie lange wird Ärzte ohne Grenzen die Programme weiterführen und ist geplant, sie an das Gesundheitsministerium oder einen nichtstaatlichen armenischen Träger abzugeben?

Wir werden das Projekt mindestens bis Ende 2006 weiterführen und es scheint, dass die Arbeit dann sowohl vom Gesundheitsministerium als auch von einer lokalen Organisation weitergeführt werden wird - allerdings nur bis zu einem gewissen Grad. Nachhaltigkeit ist in einem so armen Land nur begrenzt möglich, und sie ist auch nicht unser Hauptziel. Wir möchten den Menschen hier und jetzt helfen. Wenn wir dadurch noch etwas an der Einstellung und Denkweise gegenüber psychisch Erkrankten in Armenien ändern können, dann haben wir schon viel erreicht.

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