Wednesday, 23. May 2012 | 13:30 CEST

img3410.jpg
Gegharkunik ist die ärmste Region Armeniens. Ärzte ohne Grenzen betreibt hier mehrere Gesundheitseinrichtungen, um die medizinische Versorgung der vernachlässigten Bevölkerung zu verbessernFoto: © Alexander Glyadyelov
Veröffentlicht am 09.03.2006
Share |
A A

Projekt im Zentrum des Landes verbessert Basisgesundheitsversorgung

Anfang 2005 eröffnete Ärzte ohne Grenzen in der zentralarmenischen Region Gegharkunik fünf Gesundheitszentren. In dem Gebiet, in dem viele Flüchtlinge leben, gibt es große soziale Probleme und hohe Arbeitslosigkeit. Die zum großen Teil während des Konflikts zwischen Aserbaidschan und Armenien zu Beginn der 90er Jahre in die Region geflohenen Menschen haben kaum Zugang zu medizinischer Hilfe. Ihnen fehlen unter anderem die dafür nötigen offiziellen Papiere. Wie andere Bedürftige werden sie in dem Projekt von Ärzte ohne Grenzen kostenlos medizinisch versorgt.

Die Gesundheitszentren von Ärzte ohne Grenzen in Gegharkunik sind Anlaufstelle für rund 62.000 Menschen. Fernziel des Programms ist es, dass die armenischen Behörden die Einrichtungen und den Ansatz der Arbeit übernehmen, um benachteiligten Menschen in dem ohnehin von Armut geprägten Land den Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen.

Bevor die Teams von Ärzte ohne Grenzen ihre Arbeit in den Gesundheitszentren aufnehmen konnten, mussten sie diese erst in Stand setzen. Nur in wenigen der Einrichtungen gab es eine Heizung oder fließendes Wasser. Entsprechend schlecht waren die Hygienestandards und die Motivation des Personals, dort im Winter zu arbeiten. Der Amerikaner Brian Eby, der für Ärzte ohne Grenzen als Baufachmann in dem Projekt arbeitet, berichtet: "In Tchambarak, im Norden Gegharkuniks, begleiteten die nationalen Mitarbeiter den langsamen Renovierungsprozess beispielsweise mit zynischen Bemerkungen. Ich war dann sehr froh, ihre Freude zu sehen, als wir schließlich fertig wurden. Es ist ein sehr gutes Gefühl, ihnen dazu verholfen zu haben, ihre Arbeit endlich in einem angemessenen Umfeld machen zu können. Das Gesundheitszentrum war ja vorher nicht mehr als ein Schuppen."

Gesundheitsverhalten verändern

"Die Patienten dachten zunächst, wir würden nur Medikamente ausgeben und kamen mit Plastiktütchen, um ihre Vorräte aufzufüllen. Die Selbstverschreibung von Arzneimitteln ist hier sehr üblich und gehört zu dem Gesundheitsverhalten, das wir zu verändern versuchen", erklärt der aus Indien stammende Arzt Hemant Pangtey. Und sein belgischer Kollege, der Krankenpfleger Wannes Vermander, fügt hinzu: "Wir geben sehr viel Wissen an die nationalen Kollegen weiter. Das fängt schon bei der Müllentsorgung an. Als wir das Projekt begannen, wurde der Müll einfach aus dem Fenster geworfen." Auch der respektvolle Umgang mit den Patienten war früher ein Problem. Die nationalen Ärzte bekamen ihre geringen staatlichen Gehälter nur unregelmäßig ausgezahlt und Bestechungsgelder für Behandlungen waren üblich. Ärzte ohne Grenzen garantiert nun ein aufgestocktes Mindesteinkommen.

Einer der Schwerpunkte der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen ist die Mutter- und Kindfürsorge. Wegen der Gesundheitsrisiken sind in Armenien Hausgeburten verboten. Trotzdem finden etwa 40 Prozent der Geburten nach wie vor Zuhause statt. Denn die Menschen sind vielfach so arm, dass sie das Geld für den Transport zum Krankenhaus nicht bezahlen können. So müssen sich die Frauen auf eine lokale Hebamme oder die Hilfe der Schwiegermutter verlassen.

Spürbare Veränderungen

Mitarbeiter wie Wannes Vermander machen auch Hausbesuche – wie bei einer jungen Mutter, deren Transport zur Entbindung im Krankenhaus Ärzte ohne Grenzen bezahlte. Inzwischen ist die Frau mit ihrem Baby wieder Zuhause. Wannes Vermander besucht sie in einem nur karg möblierten Zimmer, das weder verputzt ist noch Tapeten hat. Das Fenster ist einfachverglast und bietet kaum Schutz vor der Winterkälte. Der Ehemann der Frau ist arbeitslos.

Wannes Vermander berät die junge Mutter rund um das Thema Stillen. Häufig haben die Helfer beispielsweise große Probleme mit den Methoden der Schwiegermütter. "Sie haben zwar die besten Absichten, wenden aber oft Wissen aus der Volksmedizin an, das vielfach kontraproduktiv ist," beschreibt Wannes Vermander.

Dennoch hat sich seit der Eröffnung des medizinischen Programms und den letzten Renovierungsarbeiten an den Gesundheitszentren viel verändert. So müssen Personal und Patienten während der Konsultationen keine Mäntel mehr tragen. Und auch wenn die Gehälter nach wie vor gering sind und das Problem der Bestechung vermutlich nicht ganz verschwinden wird, ist es doch kein Standard mehr. Zudem gibt es erfreuliche Neuigkeiten von den Gesundheitsbehörden: Seit dem 1. Januar 2006 ist die Basisgesundheitsversorgung in ganz Armenien kostenlos und die Gehälter des medizinischen Personals werden angehoben.

Mediathek und Archiv