Psychologische Hilfe in den Palästinensergebieten: Den Zugang zu positiven Erlebnissen finden
Die klinische Psychologin Sylvia Wamser hat in den Palästinensergebieten Patienten behandelt, die durch die seit Jahren andauernden gewaltsamen Konflikte traumatisiert wurden.
Was ist der Schwerpunkt des Hilfsprogramms in Gaza?
Die Bevölkerung der Palästinensergebiete lebt durch den inner-palästinensischen Konflikt sowie den Konflikt mit Israel in einer Art Belagerungszustand. Die Zivilbevölkerung ist von der Gewalt am stärksten betroffen. Die Grenzen zu Israel sind größtenteils geschlossen. Ärzte ohne Grenzen begann im Juni 2007 postoperative Kliniken einzurichten. Im vergangenen März wurde auch ein pädiatrisches Programm für Kinder unter 12 Jahren in Beit Lahiya, im nördlichen Gaza-Streifen eröffnet. In den postoperativen Kliniken sind größtenteils junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren in Behandlung, die nach einer Operation medizinisch betreut werden. Sie bekommen dort zum Beispiel die Verbände gewechselt oder machen eine Physiotherapie. Aufgrund der Gewalt, der Isolation und der beruflichen wie privaten Perspektivlosigkeit sind viele Menschen in den Palästinensergebieten traumatisiert. Sie können keine Verwandten in anderen Landesteilen besuchen oder beispielsweise an Begräbnissen teilnehmen. Außerdem lebt die Bevölkerung in Angst und ist ständig durch Boden- und Luftangriffe bedroht. Für diese traumatisierten Menschen hat Ärzte ohne Grenzen ein psychosoziales und medizinisches Programm aufgebaut. Dadurch soll das psychologische Leid gemildert werden, das durch die Gewalt entsteht.
Wie macht sich diese Traumatisierung bemerkbar?
Sieben Jahre Intifada und Jahrzehnte der Besatzung führen in der Bevölkerung zu dem, was wir mehrfaches Trauma nennen. Die Folgen können mittel- und langfristig das persönliche und soziale, sowie das familiäre und berufliche Leben beeinträchtigen. Die Menschen leiden unter akuten Stressreaktionen oder, wenn das Ereignis länger zurück liegt, an so genannten posttraumatischen Belastungsstörungen. Das ist eine verzögerte Reaktion auf ein belastendes Ereignis mit außerordentlicher Bedrohung. Dabei läuft das traumatisierende Ereignis später oft wie ein Film ab, den die Betroffenen nicht steuern können. Diese "Flashbacks" sind mitverantwortlich für die Symptome: Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Schreckreaktionen und Angst, nach draußen zu gehen. Bei Kindern kommen häufig Bettnässen, Konzentrations- und Lernschwächen dazu. Außerdem können körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursachen auftreten, von Kopfschmerzen bis zur vorübergehenden Lähmung von Extremitäten. Zu diesen traumatischen Reaktionen kommt oft der Verlust von Angehörigen, der Verlust der psychologischen und körperlichen Integrität, der Verlust des eigenen Heims und der Besitztümer, der Verlust der beruflichen und damit der sozialen Rolle. Das Trauma macht den notwendigen Prozess der Trauer über diese Verluste schwierig und führt oft zu langen und schweren depressiven Phasen. Viele der Störungen beeinträchtigen den Beziehungsbereich; die Betroffenen ziehen sich zurück, oder zeigen Aggressionen gegen sich selbst oder andere.
Wie konnten Sie den Patienten helfen?
Ich arbeite als Verhaltenstherapeutin und wende zusätzlich Verfahren der klinischen Hypnose an. In der Verhaltenstherapie steht die Hilfe zur Selbsthilfe für den Patienten im Mittelpunkt. In Gaza ging es darum, den Patienten Stressbewältigungsmethoden beizubringen. Das beginnt mit dem Erlernen einer Atemtechnik, welche die Pulsfrequenz und den Hautwiderstand reduziert, also den Körper ähnlich entspannt, wie in einer Trance. Leistungssportler praktizieren dies beispielsweise vor Wettkämpfen. Danach geht es um das Finden von eigenen Ressourcen und von Perspektiven und um die Umwandlung von schlechten Erinnerungen. Ein Patient, der an einer bestimmten Häuserecke angeschossen wurde, hat vielleicht auch dann noch Angst vor dieser Stelle, wenn keine akute Gefahr mehr droht. Er traut sich nicht, dort hinzugehen, weil der Ort das emotionale Trauma der Verletzung wieder auslöst. Sobald der Patient in der Sitzung entspannt ist, kann er gedanklich angstfrei an den Ort des Vorfalls zurückkehren und sich vorstellen, wie die Stelle gewirkt hat, bevor sie negativ besetzt wurde. Das gleiche gilt für die Imagination des Ortes in der Zukunft. Traumatisierte Menschen befinden sich emotional in einem schwarzen Loch und haben keinen Zugang mehr zu positiven Erlebnissen.
Wie läuft die Behandlung ab?
Die Patienten werden zum größten Teil aus der postoperativen Klinik überwiesen, viele kommen jedoch durch Empfehlungen von früheren Patienten. Eine Sitzung dauert ungefähr eine Stunde. Oft reichen 8 bis 12 Sitzungen aus, damit die Patienten wieder schlafen, essen oder sich konzentrieren können. Die Therapie kann aber auch dabei helfen, die psychischen Anteile einer körperlichen Störung zu reduzieren: Ich hatte einmal eine 30jährige Frau in der Klinik. Ihr Mann war als "Märtyrer" gestorben, ihr Schwager war ebenfalls einen gewaltsamen Tod gestorben. Dann wurde ihr Vater krank und starb schließlich mit einem gebrochenen Herzen. Sie kam wegen Schlaflosigkeit zu mir. Die Störung wurde durch verschiedene Ursache ausgelöst: Die Frau lebte in ständiger Angst vor Angriffen, außerdem fürchtete sie, ihr Sohn könnte auch als "Märtyrer" sterben wollen. Es gelang ihr nicht, den Tod ihres Mannes zu verarbeiten. Auf der einen Seite war da der Stolz über den "Märtyrer", auf der anderen Seite ist sie nun in einer Gesellschaft allein gelassen, die Witwen nicht viele Perspektiven offen hält. Ich zeigte ihr, wie sie Atemtechniken und Imaginationen ohne Anleitung anwenden kann, wenn es zu Stresssituationen kommt. Nach einer Weile konnte sie wieder schlafen.
Wie haben Sie die allgemeine Situation in Gaza wahrgenommen?
Ich habe von Gaza nicht viel gesehen, da ich aus Sicherheitsgründen nur in den Beratungsräumen arbeiten konnte. Die Bevölkerung der Palästinensergebiete ist offen für Therapie. Zusätzlich hatte ich so etwas wie einen Fremden-Bonus. Gaza ist ein kleiner Ort, jeder weiß von jedem alles. Es war für die Patienten einfacher, offen gegenüber einer Fremden zu sein. Die Situation in Gaza ist fürchterlich. Neben der Gewalt und der Isolation gibt es nur begrenzt Strom. Es fehlt an allem. Es ist für mich daher umso erstaunlicher, wie gut die Menschen eigentlich über Jahre hinweg mit den physischen und psychischen Bedrohungen umgehen.

