Psychosoziale Hilfe für Opfer sexueller Gewalt in Papua Neuguinea
Papua-Neuguineas Gesundheitskennzahlen gehören zu den schlechtesten im pazifischen Raum und die Quote sexueller Gewalt in dem Inselstaat zählt zu den höchsten der Welt. Auf allen gesellschaftlichen Ebenen verursacht die grassierende Gewalt gewaltigen Schaden und die sexuelle und körperliche Gewalt, die gegen Frauen und Kinder - besonders Mädchen - ausgeübt wird, ist extrem. Karen Stewart, Expertin für psychosoziale Betreuung, verbrachte neun Monate in Lae und arbeitete dort als Fachkraft für mentale Gesundheit in einem von Ärzte ohne Grenzen betriebenen Unterstützungszentrum für Frauen und Kinder.
Der Umstand, dass Frauen in Papua-Neuguinea (PNG) ständig von Vergewaltigung, Folter oder anderen Formen - meist sexueller - Gewalt bedroht sind, beeinträchtigt ihre Bewegungsfreiheit in ihrem sozialen Umfeld massiv. Wenn Frauen bestimmte Landesteile aufsuchen, tragen sie teilweise Frauenkondome, um sich zu schützen, falls sie von Bandenmitgliedern angegriffen werden. Ihre Töchter lassen sie nicht aus den Augen.
Im Februar 2008 eröffnete Ärzte ohne Grenzen ein Unterstützungszentrum für Frauen und Kinder in Lae, der zweitgrößten Stadt und dem wichtigsten Seehafen des Landes. Bis Juli 2008 wurden in dem Zentrum schon tausend Patientinnen und Patienten behandelt.
Welche Unterstützung benötigen die Einwohner Papua-Neuguineas im Bereich der mentalen Gesundheit?
Ich habe viele Frauen kennen gelernt, die nicht wussten, dass es strafbar ist, wenn ein Ehemann seine Frau schlägt. Die meisten meinten, das sei ganz in Ordnung. Eine Frau hat einen Brautpreis, ein Mann bezahlt also für seine Frau und somit ist sie sein Eigentum. Warum sollte er da nicht das Recht haben, sie zu schlagen?
Wir mussten ihnen erklären, dass alles, was sie nach einer Vergewaltigung empfanden, eine normale Reaktion ist. Sie haben viele Ängste, fühlen sich beklommen oder können nichts essen, wissen aber nicht, warum das so ist. Wir müssen ihnen den Zusammenhang zwischen ihren Erlebnissen und ihren Reaktionen erklären.
Wo hat dieses Projekt seinen Ursprung?
In Lae gab es schon ein Unterstützungszentrum für Frauen und Kinder, also mussten wir nur die bereits existierenden Strukturen weiterentwickeln. Das Ziel war also nicht, etwas ganz Neues zu starten oder das Zentrum irgendwie zu verändern, sondern einfach das Bestehende fortzuführen.
Welche Rolle spielten Sie als Expertin für mentale Gesundheit in diesem Projekt?
Ich führte Interviews zur Personalauswahl, ich stellte die Berater ein und bildete sie aus. Eine psychosoziale Nachbehandlung für Kinder, die sexuelle Gewalt erlitten haben, erfordert vielfältige Kenntnisse. Ich musste den Beratern also sehr rasch einen dreiwöchigen Intensivkurs anbieten. Sie beraten nicht nur; sie müssen auch äußerst schwierige Fälle betreuen, Selbstmordversuche, Vergewaltigungen, Massenvergewaltigungen oder Entführungen. In PNG passiert viel.
Als ich mit der Personalauswahl begann, hielt ich selbst die Sprechstunden für die Patienten ab und die nationalen Mitarbeiter übersetzten für mich. Doch sehr rasch, schon nach ein bis zwei Wochen, übernahmen sie immer mehr von der Beratungstätigkeit. Schließlich führten sie die Gespräche ganz allein und ich begleitete sie nur. Im Allgemeinen hatte ich keinen direkten Patientenkontakt, außer bei sehr bedeutenden Fällen, die wir streng vertraulich behandeln wollten. Es ist die Aufgabe der Berater, mit den Patienten zu sprechen und es ist meine Aufgabe, den Beratern klinische Supervision anzubieten und sie auf den richtigen Weg zu führen.
Was haben Sie bei der Arbeit in PNG gelernt?
Auch nach einem neunmonatigen Aufenthalt in PNG verstehe ich die lokale Kultur noch immer nicht; ich verstehe nicht, warum die Gewaltquote so hoch ist oder wo diese Gewalttätigkeit ihren Ursprung hat. Ich bin ganz einfach verblüfft über die Widerstandskraft der Menschen. Diese Frauen machen trotz allem, was sie erleiden müssen, weiter. Das ist wirklich unglaublich.
Etwas Wichtiges habe ich gelernt, als ich begriff, wie sehr man die psychosoziale Nachbetreuung vereinfachen kann. Man braucht keine jahrelange theoretische Ausbildung: wenn man einige grundlegende Prinzipien befolgt, kann man schon viel erreichen. Und man sieht bereits die Ergebnisse einer solchen Vorgangsweise. Diese Berater wurden sehr rasch ausgebildet, um sehr schwere Fälle zu behandeln.
Was war der schlimmste Fall, mit dem Sie bei Ihrer Arbeit in Lae konfrontiert waren?
Der Fall eines neunjährigen Mädchens, das seit zwei Jahren von einem männlichen Familienmitglied sexuell missbraucht wurde und das sich so sehr in sich selbst zurückgezogen hatte, dass es dadurch beinah katatonisch wurde. Das Kind sprach nicht, aß nicht, schlief nicht, und niemandem fiel das auf. Ich versuchte, die Mutter des Kindes für das Problem zu sensibilisieren; sie schlug das Mädchen, weil es ihr nicht antwortete. Das Mädchen saß in einer Ecke und die Mutter rief nach ihm, einmal, zweimal, dreimal, das Kind kam aber nicht und da ging die Mutter hin und gab ihm eine Ohrfeige, um es dazu zu zwingen, auf sie zu hören. Ich erklärte der Mutter also, warum sich ihr Kind so verhielt, und daraufhin rief sie aus: "Ach so! Ich verstehe."
Nehmen die Patienten das Angebot einer psychosozialen Nachbetreuung an?
Ja, absolut. Diese Geschichte war auch bedeutsam für mich, weil ich die Tante und die Großmutter des Kindes mit einbezog; wir sprachen von den Symptomen und wir versuchten, eine Möglichkeit zu finden, dem Kind zu helfen und da sagte die Tante plötzlich: "Bei meiner Tochter ist das auch so; meine Tochter ist ganz gleich."
Und ich sagte: "Okay, wie alt ist sie?"
"Zehn."
"Lebt sie im selben Haus?"
"Ja."
"Dieser Onkel wohnt auch dort?"
"Ja."
Sie brachte also ihre Tochter zu uns und es war dasselbe.
Für dieses Projekt besteht echter Bedarf. Im Juli, also nach sechs Monaten, haben wir schon tausend Patientinnen und Patienten behandelt. Die Bewohner und selbst die Regierung stehen der Anwesenheit von Ärzte ohne Grenzen sehr positiv gegenüber. Es handelt sich um ein Pilotprojekt, das anderen Projekten als Modell dienen soll; das langfristige Ziel ist es, in ganz Ärzte ohne Grenzen 21 Zentren zu eröffnen. Dieses Ziel wurde von der Regierung formuliert und das wäre großartig. Heute sagen die Leute: "Warum können wir nicht da oder da auch so ein Zentrum haben?", sie wollen überall welche.
Wird die Regierung in der Lage sein, dieses Projekt später auch ohne Ärzte ohne Grenzen weiterzuführen?
Ich denke, derzeit läuft ein echter Bewusstwerdungsprozess ab, doch es wird ein Finanzierungsproblem geben. Ich glaube nicht, dass sie das Zentrum mit 12 oder 13 Angestellten weiterführen können. Das Ministerium wird vielleicht zwei Angestellte stellen, es wird also ganz sicher nicht mehr dasselbe sein. Doch wenn die Qualität stimmt, kann das Projekt, denke ich, fortbestehen.
Wie wirkt sich all diese Gewalt auf die Einwohner von Ärzte ohne Grenzen aus?
In vielerlei Hinsicht sind Folgen und Wirkung dieser Gewalt dieselben wie wir sie in Entwicklungsländern beobachten. Ich sehe wirklich, dass Frauen und Kinder in PNG ständig in einem Zustand latenten Entsetzens leben und dass sie sich auf eine andere Welt einstellen müssen. Gewalt in der Familie ist extrem verbreitet; die meisten Familien sind davon in der einen oder anderen Weise betroffen.
Man vermeidet möglichst, einkaufen zu gehen oder aus einem anderen Grund das Haus zu verlassen, weil das gefährlich ist. Manchmal hatten Mitarbeiter keine Zeit zum Mittagessen und ich forderte sie auf, früher heimzugehen, um etwas zu essen zu bekommen, aber sie weigerten sich, sich allein auf den Weg zu machen. Nicht, dass sie in unbewohntes Gebiet oder in den Dschungel gehen mussten: sie gingen nur zur städtischen Bushaltestelle, doch sie fürchteten sich davor, allein unterwegs zu sein, und so machten sie sich am Abend alle gemeinsam auf den Weg.
Die Arbeit, die wir hier machen, hat bedeutende Auswirkungen für die Bevölkerung. Und trotz des ungeheuren Ausmaßes an Gewalt motivieren uns die Erfolge, die wir erzielen.

