Wednesday, 23. May 2012 | 13:31 CEST

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© MSF/Olga Ruiz | Sechs Jahre nach dem Massaker kehren die Menschen langsam in die Geisterstadt Saiza zurück.
Veröffentlicht am 30.08.2005
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Rückkehr in die Geisterstadt im kolumbianischen Dschungel

Die Stadt Saiza, gelegen im unwegsamen Dschungel im Norden Kolumbiens, wurde im Juli 1999 zum Schauplatz eines Massakers, woraufhin alle 8.000 Einwohner flüchteten. In den folgenden fünf Jahren überwucherte der umliegende Regenwald die Häuser und verlieh Saiza die Aura einer Geisterstadt. 2005 kehren die ersten Familien nach Saiza zurück, doch die Erinnerungen an die Gewalttaten rauben vielen Einwohnern den Schlaf. Ärzte ohne Grenzen hat nun einen ständigen Gesundheitsposten in Saiza eingerichtet, von dem aus drei Teams abwechselnd je zwei Wochen lang medizinische Versorgung in der Region leisten und den Menschen auch ein Gefühl von Sicherheit geben.

In Saiza schläft kaum jemand bei Nacht. Die Campesinos (Kleinbauern) die in dieser kleinen Enklave im Dschungel im Nordwesten Kolumbien wohnen, gehen früh zu Bett: Zu Sonnenaufgang. Doch sie können nur schlecht schlafen, und wenn, dann werden sie im Schlaf oft von Albträumen geplagt. Wie in vielen ländlichen Konfliktregionen stiehlt auch in Saiza die Angst den Menschen den Schlaf.



Sechs Jahre nach einem Massaker, das die einst blühende Region entvölkert und Saiza zur Geisterstadt gemacht hat, wagen einige Familien, in ihre zerstörten Häuser zurückzukehren und sich den bewaffneten Gruppen zu stellen, die sie damals zur Flucht gezwungen hatten. Eine Mutter von fünf Kindern, die vor einem Jahr nach Saiza zurückgekehrt ist, sagt: "Manchmal kann ich schlafen, doch meistens nicht. Mein Mann sagt zu mir: "Schlafe" und ich schließe meine Augen, aber ich kann nicht aufhören daran zu denken, dass sie zurückkommen und uns alle töten könnten."

Diese Stadt macht Angst

Sie ist nicht alleine mit ihren Ängsten. Ein Initiator der Rückkehr nach Saiza fünf Jahre nach dem Massaker, gibt zu, dass er zum ersten Mal im Juni 2005, als Ärzte ohne Grenzen einen Gesundheitsposten in der Stadt eröffnete, ruhig schlafen konnte. "Diese Stadt macht Angst", sagt er. "Hier gibt es was man Geister nennen könnte, nach all dem was wir hier erleben mussten. Man hat Angst die Nacht hier zu verbringen, aber wenn die Ärzte hier sind gibt uns das ein Gefühl von Frieden. Ihr bleibt doch, oder?".



Obwohl Ärzte ohne Grenzen eigentlich hier ist, um Gesundheitsversorgung für die Bevölkerung zu leisten, kann man nicht leugnen, dass sie auch ein Gefühl von Sicherheit gebracht haben. Das jedoch gibt dem Team von Ärzte ohne Grenzen auch Anlass zur Sorge: "Die Menschen hier haben Angst. Aber ob hier wirklich Gefahr für sie besteht ist nicht leicht für uns zu beurteilen. Einerseits freut es uns, dass wir einen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Menschen haben. Wir möchten jedoch nicht, dass die Menschen glauben, dass wir in punkto Sicherheit etwas leisten können, wozu wir nicht im Stande sind", erklärt Steve Hide, Projekt-Koordinator von Ärzte ohne Grenzen in Kolumbien.



Saiza liegt an einem strategischen Korridor von Guerillas und paramilitärischen Gruppen. In den vergangenen 15 Jahren war die Stadt immer wieder Schauplatz von Morden, bewaffneten Überfällen und Schiessereien zwischen bewaffneten Gruppen. Das was aber vor sechs Jahren passierte war etwas Anderes. Das Massaker von Saiza im Juli 1999 hatte die Vertreibung von 8.000 Campesinos und Indigenen zur Folge. Selbst Ärzte ohne Grenzen, die gerade erst ihre Arbeit in der Region aufgenommen hatten, mussten sich zurückziehen, nachdem die Mitarbeiter der Organisation wie der Rest der Gemeinde zu Zeugen der Ermordung mehrerer Ladenbesitzer wurden.



"Die Mörder schickten eine direkte Bedrohung an die Zivilbevölkerung. Sie drohten uns, keine Pflanzen anzusetzen, sonst würden wir begraben neben der Saat enden. Sie stellten die Männer in einer Reihe auf, die Frauen in einer anderen. Sie begannen, Menschen zu töten und Häuser zu verbrennen, dann gaben sie uns zwei Tage Zeit die Stadt zu verlassen", so ein Campesino.



So wurde das, was einst ein Knotenpunkt des Handels und des sozialen Lebens im schönen Paramillo Nationalpark war, zur Steppe. Die Ernten blieben aus, der Wald begann sie über die Strassen auszubreiten, Bäume begannen in den Höfen verbrannter Häuser zu wachsen. Die Hauptstrasse, der Flusshafen und die Landepiste verkamen und der Gesundheitsposten sowie die Schule verfielen. Die Kirche der Stadt ist bis heute geschlossen, weil an ihrer Türschwelle Morde verübt wurden.

Langsame Rückkehr

Trotz all dem wagten vor einem Jahr sieben Familien die Rückkehr nach Saiza, um den Nöten der internen Vertreibung zu entkommen. "Manchmal mussten wir Hunger leiden. In der Stadt muss man für alles bezahlen, Wasser, Miete, Essen", sagt einer der Rückkehrer über sein Leben als Vertriebener. "Es ist wirklich hart, alles was man besitzt zurückzulassen und neu zu beginnen, alles auszuborgen, ohne Bezahlung zu arbeiten. Hier hingegen ist das Leben besser, doch Leben die Menschen in Angst und es gibt immer wieder Gerüchte, das irgendjemand getötet wird. Man ist immer in diesem Dilemma gefangen."



Als die ersten Familien Anfang 2004 nach Saiza zurückkehrten, war nichts wie vorher. Der schockierende Anblick ihrer vom Urwald verschluckten Stadt und ihrer zerstörten Häuser war für Viele unerträglich. Ein Campesino beschreibt seine Erfahrung: "Als wir ankamen hatten wir furchtbare Angst. Ich konnte nicht in meinem Haus bleiben, weil es niedergebrannt war. In der ersten Nacht schliefen wir alle zusammen und keiner wagte danach hinauszugehen und zu arbeiten. Wir blieben mit unseren Frauen zuhause."



Langsam wurde die Rückkehr der Gemeinschaft organisiert und der Rest der Campesinos kam zurück. Jetzt hat die Region fast ihre ursprüngliche Bevölkerung von 1.000 Familien erreicht, jedoch leben nur 40 davon in der Stadt selbst.

Leben wie in der Steinzeit

Wie auch immer, die Lebensbedingungen sind nicht einfach. Derzeit gibt es weder Elektrizität noch Fließwasser. Die meisten Kinder leben zu weit weg um die Schule zu besuchen und zum nächsten Krankenhaus sind es zuerst vier Stunden zu Fuß, dann muss eine Mitfahrgelegenheit auf einem Lastwagen um für viele unerschwingliche 2US-Dollar genommen werden. "Wir leben wie in der Steinzeit", sagt ein Einwohner, "Wir mahlen unser Getreide per Hand mit einem Steinmörser, wir holen unser Trinkwasser aus dem Fluss, wir kochen mit Holzkohle. Als Saiza noch Saiza war landeten hier Flugzeuge!"

So hilft Ärzte ohne Grenzen

In den ersten anderthalb Jahren unterstützte Ärzte ohne Grenzen die Rückkehrer mit mobilen Gesundheitsteams, die alle sechs Wochen nach Saiza kamen. Seit Ende Juni wurde der Gesundheitsposten komplett renoviert und Ärzte ohne Grenzen hat eine dauerhafte Präsenz mit einem innovativen Projekt eröffnet. Ausgehend von einem fixen Standort zielt das Projekt darauf ab, Basisgesundheitsversorgung und psychologische Betreuung auf einem Gebiet von fast 1.000 Quadratkilometern Dschungelregion, durchsetzt mit vereinzelten Siedlungen, zu leisten.



"Als wir hier ankamen, bedeutete der Weg zum nächsten Krankenhaus mehrere Tage Fußmarsch. Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich bessere Gesundheitseinrichtungen zu errichten", so Steve Hide von Ärzte ohne Grenzen. Für je zwei Wochen bezieht ein Team bestehend aus einem Arzt, einem Psychologen, einem Zahnarzt, einem Bakteriologen und einer Krankenschwester in Saiza Stellung, um Basisgesundheitsgesundheitsversorgung für die 38 ländlichen Siedlungen in der Region zu leisten. Es gibt drei solcher Teams, die sich nach dem Rotationsprinzip abwechseln. Um Saiza zu erreichen, müssen sieben Stunden in einem Geländefahrzeug zurückgelegt werden, anschließend folgt ein Fußmarsch von drei Stunden. Eine Gruppe von Eseln transportiert die medizinische Ausrüstung, oft durch steiles Gelände. Während des Sommers gibt es noch eine zweite, nicht unbedingt einfachere Möglichkeit, Saiza zu erreichen: Nach vier Stunden Fahrt kann, bei günstigen Bedingungen, der Rio Verde per Boot bezwungen werden. "Wenn man ins Wasser fällt sollte man besser beten als schwimmen", sagt Hide schmunzelnd.



Die medizinischen Probleme, mit denen das Team von Ärzte ohne Grenzen konfrontiert ist, reichen von Malaria über Parasitenerkrankungen, problematischen Geburten, Wunden, Schlangenbissen und vielem mehr. Auch Notfälle gehören zur täglichen Arbeit: In jeder der Zwei-Wochen-Schichten muss das Team von Ärzte ohne Grenzen schwer kranke Patienten, die im Gesundheitsposten nicht ausreichend behandelt werden können, ins nächstgelegene Krankenhaus bringen, zu Fuß oder per Boot.



Die Anwesenheit von Ärzte ohne Grenzen in Saiza hat große Erwartungen geweckt. "Jeder weiß, dass Ärzte ohne Grenzen eine Organisation ist, die von den Konfliktparteien respektiert wird", erklärt ein Campesino. Aber in dieser Stadt, die gerade erst dabei ist, wieder zum Leben zu erwachen, gibt es eine Frage, die an die Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen immer wieder gestellt wird: "Aber Ihr bleibt doch, oder?"

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