Wednesday, 23. May 2012 | 13:32 CEST

Veröffentlicht am 30.10.2008
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Sechs Monate nach Zyklon Nargis: Eine Bestandsaufnahme

Sechs Monate sind vergangen, seit Zyklon "Nargis" das Irrawaddy-Delta in Myanmar zerstört hat. Schätzungsweise 130.000 Menschen sind vermisst oder wurden tot aufgefunden, die gesamte Region wurde unwiederbringlich verändert. Die Wunden, die der Zyklon hinterlassen hat, sind allgegenwärtig. Lebensmittel, Trinkwasser und das tägliche Überleben sind die Hauptsorgen der Menschen, besonders in einigen schwerer zugänglichen Gebieten.

Bereits wenige Stunden, nachdem der Zyklon über Yangon hinweggefegt war, startete Ärzte ohne Grenzen einen Hilfseinsatz und leistete in der Stadt sowie im Delta innerhalb von 48 Stunden erste Nothilfe. Seither unterstützten rund 750 Mitarbeiter über 550.000 Menschen mit dem Nötigsten: Nahrungsmittel, Trinkwasser, Unterkünfte, medizinische Versorgung, psychologische Betreuung und wichtigem sonstigem Hilfsmaterial. "Wir arbeiteten von Anfang an eng mit den Gemeinden zusammen, um die Hilfe dahin zu lenken, wo sie am dringendsten benötigt wird. Unser erstes Team traf beispielsweise vier Dorfbewohner auf Motorrädern, die sofort helfen wollten und jede Bezahlung ausschlugen. Zusammen konnten sie sehr schnell Lebensmittel an verschiedene Standorte bringen", erzählt der MSF-Einsatzleiter Frank Smithuis.

Ein Funken Hoffnung im Irrawaddy-Delta

Mittlerweile sind sechs Monate vergangen, und die Lebensumstände vieler Menschen im Delta bessern sich allmählich. Eine noch nie dagewesene Zahl internationaler Nichtregierungsorganisationen hat zusammen mit den Behörden viel dafür getan, die Lage zu stabilisieren und die Aufbauarbeiten der Einwohner zu unterstützen. So kann Ärzte ohne Grenzen heute einige Programme an andere Akteure übergeben und zugleich in einigen weniger beachteten Gebieten die Nothilfe fortführen.  Man kann in den Dörfern Menschen sehen, die ihre Häuser wieder aufbauen und auf den Reisfeldern arbeiten. Der Gesundheitszustand der Überlebenden ähnelt mittlerweile dem der übrigen Bevölkerung im ländlichen Myanmar, und bislang trafen unsere medizinischen Teams noch nicht auf die befürchteten Seuchenausbrüche oder Mangelernährungskrisen.

"Wenn man sieht, wie aktiv die Leute sind, ist das ein gutes Zeichen", erklärt Ruth, die Verantwortliche für die Hilfsprogramme von Ärzte ohne Grenzen im Bereich mentaler Gesundheit. “Am Anfang konnten die Menschen nicht arbeiten, sie waren zu sehr traumatisiert. Aber die Traumasymptome wie Schlaflosigkeit und Flashbacks nehmen nun langsam ab.” Innerhalb des psychologischen Programms von MSF wurden mehr als 21.300 Menschen in Einzel- und Gruppensitzungen psychologisch betreut, damit sie besser mit dem Geschehenen fertig werden. "Die Menschen haben noch immer Sorgen", fügt Ruth hinzu, "aber diese drehen sich mehr um praktische Dinge wie Wasser, Lebensmittel und die nächste Ernte." MSF setzte zahlreiche Brunnen und Wasserstellen wieder instand, aber die Regenzeit geht nun ihrem Ende zu und die Menschen wissen nicht, ob sie auch während der Trockenzeit genügend Trinkwasser haben werden. Zudem fürchten sie, dass die nächste Ernte nicht ausreicht, da die Aussaat nur in zu geringem Umfang und zu spät erfolgte, unter anderem auch, weil viele der für die Feldarbeit eingesetzten Wasserbüffel im Zyklon umkamen.

Weiterhin massive Gesundheitsprobleme in dem Land

Auf der anderen Seite geht im Rest des Landes der Kampf gegen verschiedene Gesundheitskrisen weiter, die auf fehlendes Engagements sowohl der Regierung als auch der internationalen Gemeinschaft zurückzuführen sind. Die selektive Blindheit gegenüber den großen landesweiten Gesundheitsproblemen wie etwa HIV/Aids, Tuberkulose und Malaria kostet nach wie vor Jahr für Jahr das Leben Tausender Menschen, ohne dass dies in die Schlagzeilen gelangen würde. So sind geschätzte 240.000 des Landes HIV-positiv, 2007 zählte man 24.000 durch Aids bedingte Todesfälle . Für 2008 werden wegen des fehlenden Zugangs zu den lebensrettenden antiretroviralen Medikamenten ähnlich dramatische Zahlen erwartet.

"Ich kann mir diese Behandlung schlicht und einfach nicht leisten und muss akzeptieren, dass ich sterben werde - mir bleibt keine andere Wahl", erzählte ein 28-jähriger MSF-Patient. Er kam in eine der Kliniken von Ärzte ohne Grenzen in Yangon, kurz nachdem die Organisation sich zu einer Einschränkung der Anzahl Patienten, die für eine ARV-Behandlung in Frage kommen, gezwungen sah.

Ärzte ohne Grenzen versorgt gegenwärtig im ganzen Land mehr als 11.000 Menschen mit ARV-Medikamenten, und Tausende weitere sind vorgemerkt. Dies entspricht 80% des gesamten Behandlungspensums in Myanmar, aber es reicht einfach nicht aus. "Die mangelnde Einsatzbereitschaft anderer Akteure hat MSF an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gebracht, und jetzt müssen wir die unangenehme Aufgabe übernehmen, den Leuten zu sagen, dass sie mit HIV infiziert sind, wir sie aber nicht behandeln können. Es bricht einem das Herz", erzählt ein MSF-Arzt.

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