Tuberkulosebehandlung in den Gefängnissen Kirgisistans
In Kirgisistan, einem verarmten Binnenstaat im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, ist die Ansteckungsrate von Tuberkulose unter Gefängnisinsassen rund 25 Mal höher als unter der Zivilbevölkerung. Ärzte ohne Grenzen versucht mit einem umfassenden Programm, die schwer zu behandelnde Krankheit einzudämmen.
Ende 2005 nahm Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in Zusammenarbeit mit dem Justiz- und dem Gesundheitsministerium des Landes in drei Justizanstalten in und nahe der Hauptstadt Bischkek seine Arbeit auf: In zwei Untersuchungsgefängnissen ("SIZO Nr. 1" und "SIZO Nr. 50") und in einer der Strafkolonien ("Kolonie 31"), die offiziell für TB-infizierte Häftlinge bestimmt ist.
"Die Zustände in den Gefängnissen, vor allem in den SIZO-Untersuchungsgefängnissen, sind sehr schlecht", erklärt Dr. Dominique Lafontaine, MSF-Programmleiter. "Die Zellen sind 10 m² gross und beherbergen normalerweise acht Männer, in der Ecke befindet sich eine offene Toilette. Es dringt nur sehr wenig Licht in die Zellen. Die Belüftung ist sehr schlecht, und so entstehen die optimalen Bedingungen für Tuberkulose-Bakterien: Dunkelheit und stickige Luft."
Kampf an drei Fronten
Gegen die alarmierenden TB-Raten in diesen drei ausgewählten kirgisischen Strafanstalten kämpft Ärzte ohne Grenzen an mehreren Fronten:
Erstens hat die Organisation durch Schulung des medizinischen Gefängnispersonals eine bessere Behandlungskontrolle durchgesetzt. Ärzte ohne Grenzen unterstützt und supervisiert das Personal und verteilt wirksame Medikamente gegen Tuberkulose zur Behandlung jener, die bereits infiziert sind. Obwohl Kirgisistan das WHO-Behandlungsprotokoll für Tuberkulose – bekannt als DOTS-Therapie - 1998 eingeführt hat, wurde es aufgrund von Geld- und Personalmangel in den Gefängnissen des Landes noch nicht entsprechend umgesetzt.
Zweitens hat sich Ärzte ohne Grenzen auf die Früherkennung von Tuberkulose spezialisiert: Die Laboreinrichtungen zur Sputum-Untersuchung der Gefangenen wurden verbessert und das medizinische Personal darin geschult, die Zeichen und Symptome von Tuberkulose früher zu erkennen. Außerdem arbeitet Ärzte ohne Grenzen mit dem Justizministerium und anderen Hilfsorganisationen zusammen, um zu gewährleisten, dass alle infizierten Häftlinge in den 35 Gefängnissen des Landes schnell identifiziert und so schnell wie möglich in die "Kolonie 31" transferiert werden.
Die dritte Komponente der Strategie von Ärzte ohne Grenzen besteht in der Verbesserung der Lebensbedingungen im Gefängnis: Ärzte ohne Grenzen hat vor allem jene Gefängnisteile, in denen TB-Patienten während der Intensivphase ihrer Behandlung stationär behandelt werden, renoviert. Die Heiz- und Belüftungssysteme wurden verbessert, die Zellen repariert und neu gestrichen. Innerhalb des Krankenhauses musste Ärzte ohne Grenzen ein aufwändiges System zur Trennung der Häftlinge einführen, da es sehr wichtig ist, dass Patienten, die hoch ansteckend sind, nicht neben Patienten leben, die sich bereits in einer späteren Behandlungsphase befinden und diese möglicherweise von neuem anstecken.
Neben den Hauptaktivitäten Behandlung, Diagnose und Renovierung der Gefängniszellen versorgt Ärzte ohne Grenzen die Anstalten auch mit Hochenergiemilch, um den Ernährungszustand der TB-Patienten zu verbessern und ihre Chancen, auf die Behandlung anzusprechen, zu erhöhen. Außerdem betreibt Ärzte ohne Grenzen auch Gesundheitserziehung für die Gefangenen: Geschultes Personal erklärt den Gefangenen, wie Tuberkulose übertragen wird und wie die Behandlung funktioniert. Das MSF-Team geht davon aus, dass diese Gesundheitserziehung sowohl beim Abbau des Misstrauens, das einige Patienten der Behandlung entgegen brachten, als auch bei der Gewährleistung einer täglichen Einnahme der Medikamente, eine bedeutende Rolle spielte.
Ärzte ohne Grenzen geht allerdings davon aus, dass noch viel zu tun ist. Derzeit werden zwar 752 Behandlungen durchgeführt, aber von den behandelten Patienten benötigen 101 dringend spezielle Medikamente gegen resistente Tuberkulose, die in den Gefängnissen noch nicht erhältlich sind.
Daher nimmt Ärzte ohne Grenzen 2007 nun gemeinsam mit dem Justizministerium und dem Internationalen Komitee des Roten Kreuzes die multi-resistente Tuberkulose (DR-TB) in Angriff. Ärzte ohne Grenzen ist besorgt darüber, dass der Grad an Resistenz gegenüber den herkömmlichen Tuberkulosemedikamenten sehr hoch ist und ein hoher Prozentsatz an Patienten daher die speziellen und aufwändigeren Medikamente benötigt.
Neben einer Versorgung jener Patienten, die diese Medikamente benötigen, ist die Schaffung eines Systems geplant, das es erlaubt, resistente Häftlinge schnell zu diagnostizieren und ihre Behandlung genau auf die Ergebnisse abzustimmen.
Außerdem plant Ärzte ohne Grenzen in Zusammenarbeit mit dem öffentlichen Gesundheitssektor und anderen Hilfsorganisationen, die Betreuung und Behandlung jener Häftlinge auszuweiten, die aus dem Gefängnis entlassen werden, bevor ihre TB-Behandlung endet. Derzeit suchen viele Häftlinge, die mitten in der Behandlungsphase entlassen werden, keine öffentlichen Gesundheitseinrichtungen auf, um ihre Behandlung zu beenden. Dies erhöht das Risiko, dass ihre Tuberkuloseerkrankung in die medikamentenresistente Form mutiert.
"Unsere Beziehung zur Gefängnisverwaltung ist sehr produktiv", erklärt Dominique Lafontaine. "MSF hat sich für dieses Programm bis zum Jahr 2010 verpflichtet, aber wir betonen immer, dass es unser Ziel ist, das Justizministerium bei geplanten Reformen des Strafsystems und das Gesundheitsministerium in seinem Tuberkuloseprogramm zu unterstützen, und nicht, ein neues Parallelsystem zu schaffen. Wenn MSF eines Tages geht, sollen die Verbesserungen, die wir in der Tuberkulose-Behandlung in den kirgisischen Gefängnissen gemeinsam erzielt haben, für die Zukunft beibehalten werden."

