Tuberkulosebehandlung in Gefängnissen
Tuberkulose verbreitet sich in den Gefängnissen des zentralasiatischen Staates Kirgisistan explosionsartig. Ärzte ohne Grenzen versorgt betroffene Häftlinge im Umkreis der Hauptstadt Bischkek - ein erster Schritt zur Eindämmung der gefährlichen Krankheit. Das Hilfsprogramm ist auf fünf Jahre angesetzt. Bis Juli 2006 war die Österreicherin Waltraud Wernhart als Labortechnikerin und Koordinatorin in Bischkek auf Einsatz.
Sie waren mit Ärzte ohne Grenzen in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek auf Einsatz. Worum geht es bei dem Hilfsprogramm?
Ziel unseres Hilfsprogramms ist, die Situation tuberkulosekranker Gefängnisinsassen zu verbessern und ihnen eine Therapie zu ermöglichen. Dazu muss man wissen, dass die Zustände in den kirgisischen Gefängnissen katastrophal sind: Es gibt kein ausreichendes Essen, die Heizsysteme funktionieren oft nicht und die medizinische Versorgung ist ungenügend. Die Zahl der Häftlinge, die an Tuberkulose leiden, ist extrem hoch. Die TB-Programme, die es im Land gibt, erreichen diese Kranken nicht. Gefängnisinsassen haben keinerlei Zugang zur dringend benötigten Therapie. Und niemand setzt sich dafür ein, dass sie diesen bekommen. Ärzte ohne Grenzen behandelt jährlich rund 750 an Tuberkulose erkrankte Häftlinge in zwei etwas außerhalb von Bischkek gelegenen Gefängnissen: einem Untersuchungsgefängnis, sowie einem Straflager, das ausschließlich für Tuberkulosekranke bestimmt ist. Unser Ziel ist, damit auch die Zahl der Neuansteckungen zu reduzieren.
Wieso ist die Zahl der TB-Kranken unter den Gefangenen so hoch?
Die Häftlinge leben in denkbar schlechten Bedingungen. Das Untersuchungsgefängnis etwa ist hoffnungslos überfüllt. Es ist sozusagen die Eingangspforte ins Gefängnissystem, und genau da stecken sich viele Häftlinge mit TB an. Die Gebäude sind in desolatem Zustand, seit 1991 gab es keine Erhaltungsarbeiten mehr. Die sanitären Lebensbedingungen der kranken Häftlinge sind schlecht, so gibt es etwa für die Insassen im medizinischen Teil keine einzige Dusche. Dazu fehlt es an ausreichender Nahrung. Diese Bedingungen bieten den idealen Nährboden für die Ausbreitung von Tuberkulose. Im Oktober 2005, gleich zu Beginn unseres Einsatzes, gab es aufgrund der schlechten Lebensbedingungen sogar eine Revolte im Straflager.
Was waren die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?
Es gab drei Schwerpunkte: Erstens die Stärkung der kontrollierten Tuberkulose-Therapie, wie sie von der Weltgesundheitsbehörde (WHO) empfohlen wird. Dieses Behandlungssystem, DOTS (directly observed treatment short course) genannt, dauert sechs bis acht Monate – was sehr lange ist! Während dieser Zeit müssen die Patienten täglich Medikamente einnehmen, immer unter Beobachtung durch medizinisches Personal, damit sichergestellt ist, dass die Therapie nicht unterbrochen wird – denn das kann zu Resistenzen führen. Niemand weiß derzeit, wie viele Häftlinge an resistenten Formen von Tuberkulose leiden, die viel schwieriger zu behandeln sind. Deswegen hat Ärzte ohne Grenzen als weiteren Schwerpunkt eine Studie zur Erfassung der Resistenzen initiiert. Dazu kooperieren wir mit einem nationalen und einem supranationalen Labor, die – voraussichtlich ab Herbst – 200 Proben von tuberkulosekranken kirgisischen Gefängnis-Insassen auf Resistenzen untersuchen. Ein dritter Teil des Hilfsprogramms betrifft den Umbau und die Renovierung der beiden Gefängnisse.
Was sind die besondere Herausforderungen bei der Arbeit in den Gefängnissen?
Eine Schwierigkeit sind die häufigen Versorgungsengpässe: Für die Patienten gab es manchmal schlicht keine Medikamente mehr. Medikamente die eigentlich für die Kranken in den Gefängnissen bestimmt sind, werden schnell einmal für andere Patienten herangezogen. Wenn so eine Situation länger andauert und die Behandlungen unterbrochen werden, können sich die gefährlichen Resistenzen bilden.
Gefangene haben keine Lobby, niemanden der sich für ihre Rechte einsetzt, und somit steht auch kein Geld zur Verfügung: Die kirgisische Regierung sollte im Durchschnitt einen Euro pro Tag und Gefangenem bezahlen, in Wirklichkeit erhält die Gefängnisleitung aber nur ein Drittel dieses Betrags. Daraus resultieren all die Probleme wie Platzmangel, desolate Einrichtungen und unzureichende Ernährung.
Einen Vorteil bietet die Behandlung in einem geschlossenen System allerdings: Die Ärzte müssen den Patienten sozusagen nicht nachlaufen, sondern können sich leicht von der regelmäßigen Einnahme der Medikamente überzeugen.
Wie kann Ärzte ohne Grenzen die Behandlung der TB-Erkrankten sicherstellen?
Zunächst decken wir seit Mai den gesamten Medikamentenbedarf der kranken Häftlinge ab. Versorgungs-Engpässe und die dadurch erzwungenen Therapieunterbrechungen sind damit ausgeschlossen. Weiters schulen wir das Personal, rüsten Laboratorien nach und kontrollieren auch selbst die Einnahme der Medikamente.
Stichwort ?multiresistente? TB: Wie viele Häftlinge sind derzeit in Behandlung?
Das Problem ist, dass wir derzeit noch gar nicht wissen, wie viele bzw. welche Häftlinge daran erkrankt sind. Hier soll die erwähnte Studie mehr Klarheit bringen. Wenn wir konkrete Ergebnisse haben, können wir mit der Behandlung beginnen. Wobei ?resistente? Tuberkulose ungleich schwieriger zu behandeln ist: Die Therapie ist doppelt so zeitaufwendig und um ein Vielfaches teurer. Eine ?klassische? Behandlung kostet etwa 50 Dollar pro Patient, gegenüber 5.000 bis 6.000 Dollar Behandlungskosten für die resistente Form. Ärzte ohne Grenzen hat erreicht, dass das nationale TB-Institut in Zukunft auch bakterielle Proben von Häftlingen auf Multiresistenzen untersuchen wird. Bisher war das nicht der Fall, diese Untersuchungen waren ausschließlich nicht inhaftierten Patienten vorbehalten.
Sie haben auch die Renovierung angesprochen. Was wurde in diesem Bereich unternommen?
Insbesondere das Spital des Straflagers befand sich in extrem desolatem Zustand, vor allem was die sanitären und hygienischen Verhältnisse betraf. Im Untersuchungsgefängnis renovierten wir mit Unterstützung nationaler Mitarbeiter das Labor, die Behandlungsräume und die Zellen. Dabei halfen die Häftlinge sehr engagiert und auch mit entsprechendem handwerklichem Geschick mit. Es war sichtbar, dass es ihnen Freude machte, sich einer sinnvollen Aufgabe zu widmen.
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Behörden?
Prinzipiell positiv. Ärzte ohne Grenzen wurde von den Behörden von Anfang an als Partner geachtet und respektiert. Die Mühlen der kirgisischen Bürokratie mahlen jedoch langsam. Persönliche Kontakte und Vertrauen sind sehr wichtig.
Wie schätzen Sie das medizinische Niveau ein?
Das medizinische Personal arbeitet engagiert, aber der Ausbildungsstandard ist nicht am neuesten Stand. Teil unserer Aufgabe ist es, diesen zu heben. Das ist eine der Voraussetzungen, damit auch komplexere Formen der Krankheit – die gegen klassische Medikamente resistent sind – behandelt werden können.
Kirgisistan war die zweitärmste Sowjetrepublik. Wie ist die wirtschaftliche und politische Situation heute?
Kirgisistan wurde 1991 de facto in die Unabhängigkeit "gestoßen". Als einer der Hauptempfänger finanzieller Unterstützung in der ehemaligen Sowjetunion wurde diese Form der Finanzierung quasi über Nacht gekappt. Es ist nach wie vor eines der ärmsten Länder Zentralasiens.
2005 kam es zu einem Machtwechsel: Der seit der Unabhängigkeit amtierende Langzeit-Präsident, Askar Akajew, wurde von Kurmanbek Bakijew abgelöst. Unter Akajew war Kirgisistan zunehmend internationaler Kritik im Menschenrechtsbereich ausgesetzt. Am bisherigen System der Misswirtschaft, insbesondere der Korruption, hat sich jedoch nicht viel geändert. Die Leute sind enttäuscht.
Positiv hervorzuheben ist das im Vergleich zu anderen zentralasiatischen Staaten relativ liberale Klima, insbesondere gegenüber den Medien. Beispielsweise wird das Thema "Korruption" auch in den Zeitungen thematisiert.
Wie sind die Perspektiven des Projekts?
Nach Auswertung der Studie ist der Import von sogenannten "second-line"-Medikamenten geplant, mit denen auch Patienten mit resistenter Form der Tuberkulose geholfen werden kann. Allerdings erst, wenn diese Medikamente auch für Patienten außerhalb der Gefängnisse erhältlich sind – was bisher nicht der Fall ist.
Langfristig sollen – wie bei jedem unserer Hilfsprogramme – die medizinischen Behörden selbst die Versorgung und Betreuung übernehmen.
Ihr größtes Erfolgserlebnis?
Eigentlich war der ganze Einsatz ein Erfolgserlebnis. Und zwar, weil ich immer wusste: Wir werden hier gebraucht, es gibt Menschen, die auf uns zählen. Und: Ich glaube, wir – das ganze Team – konnten hier viel bewirken.
Interview: Herbert Ofner

