© alle Fotos: MSF/Kattrin LemppWegen der hohen HIV/Aids-Rate in Malawi hat Ärzte ohne Grenzen im August 2001 im Distriktkrankenhaus von Chiradzulu im Süden des Landes damit begonnen, HIV/Aids-Patienten mit lebensverlängernden antiretroviralen Medikamenten zu behandeln. Mitarbeiterin Kattrin Lempp hat dieses Pilotprojekt besucht. Ihre Fotos in der Fotogalerie geben uns einen Einblick in die Arbeit von Ärzte ohne Grenzen vor Ort. Bis die 10 Fotos (176KB) vorausgeladen sind dauert es ein wenig, aber es zahlt sich aus!
Auf großen Plakaten wird die Bevölkerung aufgerufen, sich mit Kondomen vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Doch den bereits Infizierten kann dies nicht mehr helfen. Ab einem bestimmten Stadium der Krankheit brauchen sie medikamentöse Hilfe, um zu überleben - so genannte antiretrovirale Medikamente.
Diese Arzneimittel können die Infektion zwar nicht heilen, verhindern aber die Vermehrung des Virus im Körper. Damit können sie das Leben der Betroffenen deutlich verlängern und die Lebensqualität verbessern, so dass die Menschen in der Lage sind, ein weitgehend normales Leben zu führen, zu arbeiten und ihre Kinder zu versorgen.
Im Distrikt Chiradzulu leben etwa 250.000 Menschen. Wenn sie medizinische Hilfe brauchen, werden sie im Distriktkrankenhaus versorgt. Dort hat Ärzte ohne Grenzen eine HIV-Klinik eingerichtet, in der täglich HIV-Sprechstunden durchgeführt werden.
Inzwischen erhalten mehr als 500 Menschen antiretrovirale Medikamente, und täglich kommen neue Patienten hinzu. Ein Team aus Ärzten, Krankenschwestern und speziell ausgebildeten Beratern kümmert sich um sie.
Zum Programm gehören neben der Behandlung auch die psychosoziale Betreuung der Patienten sowie ein umfangreiches Aufklärungsprogramm. Darüber hinaus kümmern sich die Mitarbeiter auch speziell um HIV-positive Schwangere.
Rund 20 Prozent der Schwangeren in Chiradzulu sind mit dem HI-Virus infiziert. Frauen, die ein Kind erwarten, werden deshalb während der Schwangerschaft dazu ermutigt, sich testen zu lassen. Denn durch eine einfache medikamentöse Behandlung kurz vor und nach der Geburt kann die Mutter-Kind-Übertragungsrate von über 30 Prozent auf unter 15 Prozent gesenkt werden.
Jede Woche findet im Krankenhaus eine Aufklärungsveranstaltung für Schwangere statt, in der sie alles über HIV, die Ansteckungswege sowie die Möglichkeiten einer Behandlung erfahren.
Es gehört Mut dazu, sich testen zu lassen. Denn Menschen mit HIV/Aids werden auch in Malawi - wie in vielen anderen Ländern - noch immer stigmatisiert und häufig von der Gesellschaft ausgeschlossen.
Ein wichtiger Teil der Arbeit von Ärzte ohne Grenzen besteht deshalb darin, die Menschen zu ermutigen, offen mit dem Thema umzugehen. Dazu gehören Lieder, die die Frauen singen, um sich gegenseitig Mut zu machen und sich zu zeigen, dass sie nicht allein sind.
Malawische Berater klären die Patienten über die Bedeutung des HI-Virus auf: Das Virus greift die so genannten CD4-Zellen im Körper an, die Teil des körpereigenen Immunsystems sind. Während sich das Virus innerhalb der Zellen vervielfacht, werden die CD-4-Zellen zerstört und ihre Zahl nimmt ab. Damit wird der Körper anfällig für Infektionen wie z.B. Tuberkulose, Pilzinfektionen oder Lungen- und Hirnhautentzündungen - so genannte opportunistische Infektionen.
Es ist außerdem Aufgabe der Berater, die Patienten über die Möglichkeit einer antiretroviralen Therapie aufzuklären. Sie bewirkt, dass die Zahl der CD4-Zellen wieder ansteigt und das Abwehrsystem gestärkt wird.
Nicht alle HIV-Infizierten brauchen sofort Medikamente: Mit der Therapie wird nach den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erst begonnen, wenn die Patienten entweder im fortgeschrittenen Stadium der HIV-Infektion - also im so genannten Aids-Stadium - sind oder die CD4-Zellzahl weniger als 200 je Mikroliter beträgt.
Deshalb wird die Zahl der CD4-Zellen regelmäßig im Labor kontrolliert.
Die Medikamente wirken nur, wenn sie zuverlässig und ein Leben lang eingenommen werden. Außerdem werden drei verschiedene Präparate miteinander kombiniert. In Chiradzulu erhalten die Patienten Arzneimittel, die vom indischen Hersteller Cipla produziert werden: Eine einzige Tablette enthält alle drei Präparate, so dass die Patienten in der Regel morgens und abends jeweils nur eine Tablette schlucken müssen.
Die Patienten in Chiradzulu nehmen die Tabletten mindestens so zuverlässig ein wie Patienten in westlichen Ländern. Dabei bildet die enge Zusammenarbeit zwischen Patienten, Beratern und Ärzten den Kernpunkt des Erfolges: Die Patienten fühlen sich selbst ernst genommen, wenn sich Ärzte und Berater Zeit für sie nehmen.
Samuel K. ist 29 Jahre alt. Er hat in einer Tabakfabrik gearbeitet, bis er 1998 zum ersten Mal krank wurde. Seitdem leidet er an wiederkehrendem Durchfall und hat im Laufe der Zeit etwa zwölf Kilo Gewicht verloren. Bis März 2000 hat er versucht, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Doch sein Körper ist zu schwach geworden. Nun lebt er bei seinem Bruder, der für ihn sorgt.
Seitdem sich Samuel im Januar 2003 testen ließ, weiß er, dass er HIV-positiv ist. Inzwischen wurde auch die Anzahl der CD4-Zellen in seinem Blut gemessen: Sie beträgt 178/Mikroliter. Der Arzt schlägt ihm deshalb vor, mit der antiretroviralen Therapie zu beginnen.
Den Kampf gegen das gesellschaftliche Stigma hat sich auch die Theatergruppe von HIV-Positiven in Chiradzulu zum Ziel gesetzt. Einmal pro Woche sind die Mitglieder unterwegs, um die Bevölkerung in den umliegenden Dörfern über HIV aufzuklären. Mit ihren selbst geschriebenen Stücken und Liedern ermutigen sie die Menschen, sich testen zu lassen und HIV-Infizierte nicht aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen.
Die meisten von ihnen nehmen selbst antiretrovirale Medikamente und haben so eine zweite Chance bekommen. Das Theater und die Behandlung geben ihnen die Kraft, ihre Erfahrung weiter zu tragen. Aufklärung und Prävention gehen somit Hand in Hand: Denn viele Menschen sind bereit, sich testen zu lassen, wenn es auch bei einem positiven Ergebnis Hoffnung für sie gibt.
Veröffentlicht am 16.10.2003
Überleben mit HIV in Malawi
Das kleine Land Malawi im südlichen Afrika gehört zu den ärmsten Ländern der Welt. Die meisten Menschen leben von der Landwirtschaft und müssen mit etwa 200 US-Dollar im Jahr auskommen. Doch die Bevölkerung hat nicht nur mit der Armut zu kämpfen - auch die Verbreitung von HIV/Aids hat in den vergangenen Jahren bedrohliche Ausmaße angenommen: Fast eine Million der etwa zehn Millionen Einwohner Malawis ist HIV-positiv, und täglich sterben viele von ihnen an Aids. Mehr zur Arbeit von Ärzte ohne Grenzen in Malawi und zum Land finden Sie hier.
Einwohner:
15.263.417
Lebenserwartung:
54 Jahre
Kindersterblichkeit:
110 von 1.000 Kindern sterben vor ihrem fünften Geburtstag
Quelle: data.worldbank.org
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