Unterstützung für Opfer sexueller Gewalt in Liberia
Lucia Kehwilliam arbeitet für Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) in der Abteilung für medizinische Betreuung von Frauen im Benson-Hospital in Monrovia, Liberia. Hier, in einem kleinen Klinikgebäude hinter einer Steinmauer, etwas abgelegen vom Hauptgebäude, bietet sie Opfern sexueller Gewalt medizinische Betreuung an. Es ist einer von nur vier Orten im ganzen Land, an dem Patienten mit diesen speziellen Anliegen Hilfe erhalten.
“Ich komme, um dir meine Geschichte zu erzählen,“ sagt die 15-jährige Sarah [Name geändert] zu Lucia. Geschichten zu hören ist Teil von Lucias Arbeit. Geschichten von Menschen, die wie Sarah nie die Möglichkeiten hatten, sie zu erzählen.
In einem privaten Büro, ihre Mutter im Warteraum wissend, erzählt Sarah Lucia ihre Geschichte. In der Nacht zuvor hatte Sarah einen Raum in ihrem Haus betreten, um eine Schüssel für das Abendessen zu holen. Der Freund eines Freundes war da und als sie seine groben Andeutungen Sex für Geld zu haben ablehnte, schlug der junge Mann sie, warf sie auf das Bett, zeriss ihre Kleider und vergewaltigte sie.
“Wirst du mir Medizin geben, um mich gesund zu machen?“ fragt Sarah. Lucia versichert ihr, dass sie ihr eine Behandlung geben werde, die ihr helfen werde, stark zu bleiben.
Behandlung nach klarem Protokoll
Es gehört zur qualitativ medizinischen Betreuung von Opfern sexueller Gewalt, eine Behandlung nach einem klaren Protokoll durchzuführen. Wenn Menschen wie Sarah die Klinik aufsuchen, leistet Personal, das wie Lucia von MSF ausgebildet wurde, umfangreiche, kostenlose medizinische Hilfe, die – gemäss etablierten WHO-Protokollen – speziell auf die Opfer abgestimmt ist.
Nach einer kompletten körperlichen Untersuchung werden die Opfer mit bis zu sieben medizinischen Behandlungen basierend auf einer sorgfältigen Einschätzung versorgt. Dies kann eine Behandlung oder Prophylaxe gegen sexuell übertragbare Krankheiten wie HIV, Notfall-Empfängnisverhütung und Impfungen beinhalten. Psychosoziale Unterstützung ist ebenfalls ein wesentlicher Bestandteil der Betreuung. Eine Beratungsperson führt falls notwendig weitere Visiten in der Klinik oder zu Hause durch.
Nachdem Lucia die Geschichte von Sarah gehört hat, fragt sie das Mädchen, ob sie nun ihre Mutter zurück in den Besprechungsraum rufen möchte. Alle drei besprechen gemeinsam die Behandlungen, die Sarah erhalten würde. Behandlungen, die auch eine Prophylaxe gegen HIV beinhalten. "Wir wissen nicht, ob er AIDS hat", sagt Lucia über den Täter, "aber es ist unser Job zu versuchen, Sarah zu schützen."
Zu wenige spezialisierte Einrichtungen
Die wenigen Einrichtungen in Liberia, die derzeit Qualitativmedizin für Opfer sexueller Gewalt anbieten, werden alle von MSF unterstützt. Seit der Unterzeichnung des Friedensabkommens, das den brutalen 14 Jahre andauernden Bürgerkrieg beendet hatte, sind 5 Jahre vergangen. Während das Land sich noch immer in der Übergangsphase befindet und MSF plant, das Land zu verlassen, einige Projekte zu schließen und andere zu übergeben, sind die Mitarbeiter der Programme darüber besorgt, wer den Patienten die so dringend benötigte medizinische Unterstützung bieten wird.
In den Jahren 2003 bis 2007 haben 6.494 Frauen, Männer und Kinder, die die MSF-Einrichtungen aufsuchten, angegeben, vergewaltigt worden zu sein. Im Jahr 2007 waren 72 Prozent der Opfer unter 18 Jahre alt und 42 Prozent der unter 18-Jährigen waren Kinder im Alter zwischen fünf und zwölf Jahren.
Lucia betrachtet das, was sie tut, als lebensrettend. "Sexuelle Gewalt ist traumatisierend", sagt sie. "Ich bin bestimmt für diese Arbeit." Wenn MSF Ende dieses Jahres die Dienste der Klinik an eine Einrichtung des Gesundheitsministeriums übergeben wird, werden sie und andere ausgebildete Mitarbeiter mit einer lokalen Nichtregierungsorganisation zusammenarbeiten und die Dienste weiterhin anbieten, um zu garantieren, dass die Patienten einen fortwährenden Zugang zu Qualitativmedizin haben.
Aber vier Einrichtungen in einem Land mit mehr als drei Millionen Menschen sind nicht genug. Weitere müssen mit den erforderlichen Instrumenten und ausgebildetem Personal ausgestattet werden, damit die Opfer sexueller Gewalt dort nach einer spezifischen Behandlung fragen können, wo sie auch für andere medizinischen Notfälle hingehen.
In der Zwischenzeit wird Lucia damit fortfahren, Sarah und vielen anderen in der MSF-Klinik eine Behandlung zu ermöglichen. Dazu gehört auch, ihre Geschichten zu hören.

