Wir Gedenken der Ermordung unserer fünf Kollegen
Ein Jahr ist vergangen, seit fünf Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan ermordet wurden. Diese grauenvolle Tat hatte traurige Konsequenzen und wir sorgen uns um die Folgen: Seit fast einem Jahr arbeitet unsere Organisation nicht mehr in Afghanistan. Obwohl es dort große humanitäre Bedürfnisse gibt, können wir in dem Land nicht mehr präsent sein. Denn die Verantwortlichen für die Tat sind bislang ohne Strafe geblieben. Geoff Prescott, Geschäftsführer der holländischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen, resümiert.
Am 2. Juni 2004 wurden fünf unserer Kollegen ermordet, während sie sich im Nordwesten Afghanistans in der Provinz Badghis auf der Fahrt zwischen den Orten Khairkhana und Qala-i-Naw befanden. Sie waren nachweislich nicht in einen Kreuzfeuerbeschuss geraten – sie wurden ermordet, und dieser Tat lag kein erkennbares Motiv zu Grunde. Vertreter der Taliban haben zwar bald darauf die Verantwortung übernommen, aber wir glauben nicht, dass sie wirklich die Verantwortung für die Morde tragen – auch wenn wir selbstverständlich nicht ganz sicher sein können. Wir sind vielmehr der Ansicht, dass die Taliban mit ihrer Verlautbarung eine Warnung an westliche Nichtregierungsorganisationen aussprechen wollten.
Knapp zwei Monate nach der Ermordung unserer Mitarbeiter stellte Ärzte ohne Grenzen die Arbeit in Afghanistan ein und verließ das Land. Der Tod unserer Kollegen war für uns ein ganz gravierender Einschnitt. Er war für uns so immens, dass wir schließlich die schwere Entscheidung trafen, eine Land zu verlassen, dessen Bevölkerung wir mehr als 20 Jahre lang unterstützt haben. Auch wenn wir unsere Programme zum großen Teil an das afghanische Gesundheitsministerium und andere Organisationen übergeben konnten, haben unsere Patienten dennoch unter der Beendigung unserer Hilfsangebote leiden müssen.
Im Laufe des vergangenen Jahres kamen nach und nach Informationen über die Morde zu Tage. Entscheidend für uns war, dass die afghanische Regierung zu erkennen gab, dass es Hauptverdächtige gäbe. Trotz dieser Behauptungen hat Ärzte ohne Grenzen bis zum heutigen Tag keine glaubwürdige offizielle Erklärung zu den Morden, und keiner der Verdächtigen wurde vor ein Gericht gestellt.
Wir brauchen aber einen Bericht von offizieller Seite, der die Verantwortung für dieses entsetzliche Verbrechen klärt. Ärzte ohne Grenzen und die Familien der Opfer haben auf verschiedenen Wegen versucht, Druck auf die afghanischen Behörden auszuüben. Bisher hat dies allerdings keinen Erfolg gezeigt. Im April 2005 haben wir dann beschlossen, den Druck auf die Regierung in Kabul zu erhöhen – wir erwägen sowohl in Afghanistan als auch außerhalb des Landes gerichtliche Schritte. Der jetzt eingeschlagene Weg wird Zeit brauchen, aber wir werden auf jeden Fall den Druck aufrechterhalten.
Welche Bedeutung haben die Morde für Ärzte ohne Grenzen?
Zunächst erinnert uns die Ermordung unserer Mitarbeiter auf tragische Weise daran, dass unsere Arbeit vielfach unter gefährlichen Bedingungen stattfindet. Bisher hat uns dies aber auch gerade mit Stolz erfüllt: Dass wir mit unserer Arbeit Menschen an einigen der schlimmsten Orten der Welt erreichen und ihr Leid bezeugen können. Unsere Präsenz in solchen Kontexten hat ihren Preis: In all den Jahren unserer Arbeit kam es vor, dass Mitarbeiter verletzt oder psychisch beeinträchtigt wurden. Dies macht deutlich, dass es mehr eine Lebensentscheidung denn ein Job ist, sich für eine Mitarbeit bei uns zu entschließen. Unsere Arbeit bedeutet manchmal, ein persönliches Risiko einzugehen. Das muss beständig mit der Bedeutung abgewogen werden, die medizinische Hilfe für Menschen in Not und das Zeugnis-Ablegen über ihr Leid hat. Ärzte ohne Grenzen muss diese Abwägung zwischen Hilfe und deren Risiken permanent treffen.
Im Falle Afghanistans bedeutet dies, dass wir nicht dort arbeiten können, bevor wir nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft haben, um die Morde an unseren Kollegen aufzuklären. Das ist vielleicht eine Haltung, die kontrovers gesehen werden kann. Aber auf der anderen Seite lässt die Haltung der afghanischen Regierung den Eindruck entstehen, es bestehe Straflosigkeit für die Mörder von Hélène De Beir, Pim Kwint, Egil Tynaes, Fasil Ahmad und Besmillah. Die Ermordung von Zivilisten im Kontext eines Krieges ist ein Kriegsverbrechen. Die Ermordung eines Menschen in Friedenszeiten ist ein Verbrechen. In beiden Fällen müssen diejenigen Behörden handeln, die de facto die Kontrolle über die entsprechende Region haben.
Bevor wir nicht die wirklichen Motive des Verbrechens kennen, können wir nur spekulieren. Wir möchten dies aber nicht, denn wir empfinden dies als eine Verletzung der Ehre unserer Kollegen, die viel zu früh ihr Leben verloren haben.
Hypothesen und Vermutungen gibt es viele. War die Verwischung der Trennlinie zwischen humanitären Helfern und Militär der entscheidende Faktor? War die Tat ein politischer Mord, der in direkter Verbindung mit dem Krieg in Afghanistan steht? Sind die Morde eher lokal einzuordnen und rein krimineller Natur? In Wahrheit wissen wir schlichtweg nicht, weshalb der heimtückische Mord passierte. Was wir brauchen, ist eine detaillierte und vollständige Untersuchung.
Wenn wir an unsere Kollegen denken, erinnern wir uns dabei auch daran, dass es edle Motive sind, die Menschen zu Helfern machen und sie an Orte der Verzweiflung gehen lassen. Diejenigen, die so handeln, geben viel. Wir als Organisation müssen alles tun, was in unserer Macht steht, um dem Engagement von Pim, Hélène, Egil, Fasil und Besmillah würdig zu sein.
Wir sind auf der Suche nach Gerechtigkeit und einer zufriedenstellenden Aufklärung der Morde. Beides haben wir noch nicht erreicht.
Geoff Prescott, Geschäftsführer der holländischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen

