Tuesday, 7. February 2012 | 21:09 CET

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© MSF Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen halten Workshops ab, die den gesellschaftlichen Umgang mit sexueller Gewalt verändern sollen. Im Bild die Krankenschwester Ranita, die in einem Flüchtlingslager in Sierra Leone arbeitet. Sie leitet dort im Rahmen eines Pilotprojekts einen Workshop zum Thema "Sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt".
Veröffentlicht am 08.03.2004
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Workshops zum Umgang mit sexueller Gewalt

Besonders in Flüchtlingslagern sind Frauen sexueller Gewalt oft schutzlos ausgeliefert. In Sierra Leone wie auch im Tschad und in Burundi halten Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen Workshops ab, die den gesellschaftlichen Umgang mit dem Thema verändern sollen und Frauen darin bestärken, das Schweigen zu brechen.

8. März: Internationaler Tag der Frau

Ärzte ohne Grenzen veröffentlichte zu diesem Anlass einen Bericht mit dem Titel: ?Enough is Enough! Sexual violence as a weapon of war?. Er zeigt die Auswirkungen und Konsequenzen von sexueller Gewalt in Krisengebieten auf, in denen Vergewaltigungen oft systematisch als Kriegswaffe eingesetzt werden. Den ganzen Bericht gibt es unter "Downloads".

Einblick in Workshop gegen Gewalt an Frauen

"Könnt ihr Bakterien ansprechen und sie dazu bewegen, keine Krankheiten mehr auszulösen?", fragt Ranita. "NEIN!", rufen die Teilnehmer. "Könnt ihr zu einer Gemeinschaft sprechen und die Leute dazu auffordern, keine sexuelle Gewalt mehr auszuüben?" "JA!", antwortet die Gruppe im Chor.

 

Ranita, die diese Fragen stellt, ist Krankenschwester und arbeitet in einem Flüchtlingslager in Sierra Leone. Sie leitet dort im Rahmen eines Pilotprojekts einen Workshop zum Thema "Sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt". Ziel ist es, das medizinische Personal, die Verwaltung des Flüchtlingslagers sowie traditionelle Geburtshelferinnen, religiöse Führer und Mitglieder lokaler Nichtregierungsorganisationen zusammenzubringen und sie für das Thema "sexuelle Gewalt" zu sensibilisieren.

Ein Tabu mit schweren gesundheitlichen Folgen

Die meisten Teilnehmer sind Liberianer und Liberianerinnen, die vor dem Bürgerkrieg in ihrer Heimat nach Sierra Leone geflohen sind. Für sie sind sexuelle Gewalt und Ausbeutung Themen, die kaum offen diskutiert werden. Vor allem die Opfer von Vergewaltigungen und sexueller Ausbeutung sind aufgrund kultureller Tabus zum Schweigen verdammt. Dennoch wird während der hitzigen Debatte im Workshop deutlich, dass die Teilnehmer darum wissen, dass sexuelle Gewalt und Ausbeutung in der Gemeinschaft des Flüchtlingslagers weit verbreitet sind.

 

"Viele Vergewaltigungsfälle werden nicht gemeldet, und die Opfer leiden dann nicht nur unter psychischen Traumata, sondern sie behalten oft auch ernsthafte körperliche Gesundheitsschäden zurück", erklärt Francoise Duroch, die Programme wie dieses auch im Tschad und in Burundi aufgebaut hat. Oft haben sich die Opfer mit HIV/Aids oder anderen sexuell übertragbaren Krankheiten angesteckt. Viele von ihnen erleiden Verletzungen an den Genitalorganen. Für sehr junge Mädchen kann es zudem ein schwerwiegendes Gesundheitsrisiko darstellen, schwanger zu werden. Eine erfolgreiche Behandlung von Vergewaltigungsopfern muss aber sehr schnell nach der Tat erfolgen. Die "Pille danach" und die vorbeugenden Medikamente zur Verhinderung einer HIV/Aids-Übertragung müssen jeweils in den drei Tagen unmittelbar nach dem sexuellen Kontakt eingenommen werden. "Ein Ziel der Workshops ist es, Frauen dazu zu ermutigen, Vergewaltigungen öfter und schneller zu melden. Denn das ermöglicht es ihnen zumindest, die dringend nötige Medikamentenbehandlung zu bekommen", sagt Duroch.

Kein Schutz vor Vergewaltigung

In einem Kontext, in dem die meisten Menschen mittellos und die Geschlechterrollen streng definiert sind, überrascht es leider nicht, dass Sex zur Ausbeutungsware werden kann. Flüchtlinge besitzen kein Geld, sie haben keine Macht und sind oft schutzlos, zudem ist es in Westafrika für eine Frau inakzeptabel, sich selbst ein Zuhause aufzubauen. Eine Frau ohne Ehemann muss daher einen anderen Mann finden, der ihr hilft. Wenn sie keine Mittel hat, ist sie oft gezwungen, mit Sex zu "bezahlen". Auch hier in Sierra Leone sind vor allem junge Frauen gefährdet. Viele von ihnen wurden während der Flucht aus Liberia von ihren Ehemännern und Familien getrennt und haben kein unterstützendes Netzwerk um sich. Viele Vergewaltigungen oder Fälle von sexuellem Missbrauch passieren auch, wenn Frauen das Lager verlassen, um Brennholz zu sammeln oder um an Flüssen Wasser zu holen bzw. Wäsche zu waschen. Der legale Prozess gegen Vergewaltiger in Sierra Leone ist teuer, langwierig und sehr bürokratisch, so dass auch das Gesetz wenig wirklichen Schutz bietet.

Auch Gesundheitspersonal in öffentlichen Einrichtungen wird geschult

Auch das Personal in Gesundheitszentren und Krankenhäusern wurde bereits in der Behandlung und Betreuung von Opfern von sexueller Gewalt geschult. Am Anfang jedes Workshops steht die Auseinandersetzung mit der genauen Definition von "Vergewaltigung" und "sexueller Gewalt". Denn die Auslegungen können zwischen Ländern und Kulturen beträchtlich variieren. Zudem besprechen die Teilnehmer die Behandlungsprotokolle für die Vergabe der Medikamente, die Vergewaltigungsopfer bekommen. Anschließend überlegen sie zusammen, wie sie der Gemeinschaft vermitteln können, dass Betroffene so bald wie möglich nach der Tat medizinische Hilfe aufsuchen sollten. Die Teilnehmer der Workshops erfahren auch, wie wichtig es ist, Patienten an Organisationen zu verweisen, die Rechtsberatung und eine psychologische Betreuung für Traumaopfer anbieten.

 

"Seit dem Beginn des Aufklärungsprojekts vor einem Jahr ist die Zahl der Opfer von sexueller Gewalt, die eine medizinische und psychologische Beratung aufsuchen, gestiegen", sagt Francoise Duroch. "Dennoch haben wir noch einen langen Weg vor uns. Wir hoffen allerdings, dass die offene Diskussion mit dem einheimischen medizinischen Personal und einflussreichen Mitgliedern der Communities das Thema auch in die Gemeinden und die Öffentlichkeit tragen wird."

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