"Zuzuhören und Erfahrungen auszutauschen ist ein wichtiger erster Schritt"
Seit Beginn des Konflikts im Libanon haben Hunderttausende ihr Heim verloren und in anderen Gebieten des Landes Zuflucht gesucht. Allein in Beirut sind mehr als 100.000 Vertriebene in Schulen, Parks und Parkhäusern untergebracht. Zwei mobile Teams von Ärzte ohne Grenzen haben an einigen dieser Orte damit begonnen, neben der medizinischen Versorgung auch psychologische Unterstützung anzubieten. Die libanesische Psychologin Marie Adèle Salem erklärt, wie sie im Westbeiruter Stadion Safa, in dem etwa 250 Menschen aus dem Südlibanon und den südlichen Vororten der Hauptstadt Schutz suchen, mit ihrer Arbeit beginnt.
Viele Kinder haben Granatbeschüsse, Bombardierungen und Gewalt erlebt. Wie wirkt sich das aus?
Sie haben immer noch sehr große Angst. Die meisten schlafen sehr schlecht. Nicht nur wegen ihrer Erlebnisse, sondern auch wegen des ständigen Lärms, der ein weiterer Stressfaktor ist. Uns fällt auch auf, dass sie hyperaktiv oder überaus aggressiv sind. Zudem beginnen sie schon beim kleinsten Streit zu weinen, was nicht normal ist. Andere typische Stresssymptome, die wir bei Kindern und Erwachsenen beobachten, sind Kopfschmerzen, zitternde Hände, Herzklopfen oder Magenbeschwerden.
Unter den gegenwärtigen Umständen Einzeltherapien anzubieten, kommt wahrscheinlich nicht in Frage. Welches Vorgehen ist möglich?
Wir leisten psychologische erste Hilfe. Ziel ist es, den Stress von Kindern und Erwachsenen durch einfache Methoden wie Atem- und Entspannungsübungen abzubauen. Wir helfen den Menschen, wieder mit normalen alltäglichen Tätigkeiten zu beginnen. Zudem setzen wir auch gewisse Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie ein. Dabei erfahren die Menschen, wie ihr physisches Leiden mit der traumatischen Erfahrung zusammenhängt – und wie sie diese aus eigener Kraft überwinden können. Wir organisieren Treffen, bei denen eine oder mehrere Familien zusammensitzen und über ihre Probleme und Ängste diskutieren. Zuzuhören und Erfahrungen auszutauschen ist meistens ein wichtiger erster Schritt, der schon sehr viel hilft. Schließlich betreut ein Psychiater Menschen, die schon früher unter chronischen psychischen Krankheiten wie Depression oder Psychose litten, und das auch mit Medikamenten.
Gibt es für Kinder besondere Maßnahmen?
Wir sind dabei, für sie ein besonderes Programm aufzubauen, mit dem wir in den nächsten Tagen beginnen wollen. Hier haben die Kinder nichts zu tun. Sie besitzen kein Spielzeug und gehen nicht zur Schule. Deshalb werden wir ihnen Spielsachen bringen und dafür sorgen, dass Erwachsene aus ihrer Gemeinschaft sich mit ihnen beschäftigen und mit ihnen spielen. Kinder mit besonders schwerwiegenden Symptomen sollen von Psychologen betreut werden.
Wie entwickeln sich Stresssymptome ohne Behandlung?
Wir befürchten, dass Menschen, die lange Not und Gefahren ausgesetzt sind, dadurch chronisch psychisch krank werden. Deshalb glauben wir, dass unsere Tätigkeit während dieser Krisensituation auch mittel- und langfristig Sinn hat. Indem wir die Menschen heute unterstützen, hoffen wir zu verhindern, dass sie aufgrund ihrer Traumata längerfristige psychische Probleme entwickeln.

