Ärzte ohne Grenzen beendet Einsatz auf Lesbos und ist stark beunruhigt über die unzureichende Sicherung der medizinischen Versorgung internierter Migranten durch die griechischen Behörden
Athen/Wien, 30. September 2008. Im Rahmen einer Pressekonferenz gibt Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) heute in Athen die Schließung des vier monatigen Hilfseinsatzes in einem Auffanglager für Migranten auf der Insel Lesbos bekannt und appelliert an die griechischen Behörden, ihre Verantwortung wahrzunehmen und die medizinische Versorgung sowie menschenwürdige Lebensbedingungen für internierte Migranten sicherzustellen.
Der Hilfseinsatz begann im Juni 2008, nachdem eine Erkundungsmission grobe Mängel beim Zugang zu medizinischer und psychologischer Versorgung sowie extrem schlechte Lebensbedingungen von Migranten in dem Auffanglager ergab. Der Mangel an Unterstützung und Kooperationsbereitschaft der Behörden erschwerte die Bemühungen von Ärzte ohne Grenzen, die medizinische Versorgung und die Lebensbedingungen der Internierten zu verbessern. Unter den gegebenen Umständen ist die Weiterführung des Hilfsprojekts in dem Internierungslager von Lesbos aus Sicht von Ärzte ohne Grenzen nicht weiter praktikabel.
„Das begrenzte und unregelmäßige Engagement der Behörden behinderte unsere Bemühungen, die medizinische Versorgung sicherzustellen und die Lebensbedingungen in dem Lager zu verbessern,“ sagt Yoros Karagiannis, Verantwortlicher für die Hilfsprojekte von Ärzte ohne Grenzen für undokumentierte Migranten in Griechenland. „Mehrmals mussten die medizinischen Teams Patienten durch Gitterstäbe hindurch behandeln, da die Migranten ihre Zellen nicht verlassen durften. Es bedurfte mehr als drei Monate (und Druck von Ärzte ohne Grenzen und anderen Akteuren), bis es den Internierten erlaubt wurde, den Innenhof regelmäßig zu benutzen, bis dem Lager ein weiterer Arzt zugewiesen wurde, und bis grundlegende Instandhaltungsmaßnahmen aufgenommen wurden. Die einfachen technischen Arbeiten hätten einen wesentlichen Einfluss auf die Verbesserung der Lebensbedingungen, trotzdem können die Behörden nicht einmal minimale Instandhaltungs- und Reinigungsarbeiten garantieren. Noch immer sind Frauen, Minderjährige und Kinder gemeinsam mit Erwachsenen und Männern unter inakzeptablen Bedingungen eingesperrt, ohne Rücksicht auf ihre speziellen Bedürfnisse“, betont Karagiannis.
Seit dem Start des Hilfprogramms leistete die Organisation medizinische Hilfe und psychologische Unterstützung für die festgehaltenen Migranten. Diese stammen zum Großteil aus Afghanistan, Somalia oder aus den palästinensischen Gebieten, von wo sie vor Krieg, Gewalt, Hunger und extrem schwierigen Lebensbedingungen geflohen sind. Allein bis August 2008 ist die Zahl der auf der Insel aufgegriffenen Migranten (laut Angaben der Polizeibehörde von Lesbos) auf 6.863 gestiegen und hat damit bereits die Gesamtzahl des Jahres 2007 (6.147 Menschen) überschritten. Trotz des limitierten Zugangs konnten die Teams von Ärzte ohne Grenzen 1.202 Patienten behandeln. Die meisten von ihnen litten an Atemwegs- oder Hauterkrankungen. Außerdem leistete Ärzte ohne Grenzen psychologische Hilfe für Migranten, die an Angstzuständen, posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen leiden. Die Organisation schätzt, dass die Zahl der behandelten Patienten doppelt so hoch gewesen wäre, hätten die Teams freien Zugang zu den Betroffenen gehabt.
Ärzte ohne Grenzen unterstreicht die Notwendigkeit für sofortige behördliche Maßnahmen, damit menschenwürdige Lebensbedingungen und medizinische Versorgung innerhalb der Internierungslager sicher gestellt werden, insbesondere für Frauen und Kinder, und die Nachhaltigkeit aller in der Einrichtung vorgenommenen Verbesserungen garantiert wird.
Die Organisation wird die Lage in den Internierungslagern weiter beobachten und auch weiter auf die Bedürfnisse der undokumentierten Migranten in Griechenland reagieren. Ärzte ohne Grenzen betreibt im Mittelmeerraum derzeit medizinische Hilfsprogramme für Migranten in Patras (Griechenland), sowie in Italien, Malta und Marokko.

