Wednesday, 23. May 2012 | 14:35 CEST

Veröffentlicht am 08.01.2009
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Gaza: Vorübergehende Unterbrechung der Bombardements völlig unzureichende Maßnahme angesichts extremer Gewalt gegen Zivilbevölkerung

Wien, 8. Jänner 2009. Die Militäroffensive trifft die Zivilbevölkerung von Gaza ungehemmt, während medizinische Hilfsteams bei ihren Einsätzen weiterhin mit extremen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Die internationale Gemeinschaft darf sich nicht mit vorübergehenden Waffenruhen zufrieden geben, fordert die internationale Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Diese reichen nicht aus, um der Bevölkerung die lebensnotwendige Hilfe zukommen zu lassen.

Während die israelische Militäroffensive weitergeht, hat die Zahl der Opfer - geschätzte 600 Tote und 2.950 Verletzte in nur elf Tagen - alarmierende Ausmaße erreicht und zeugt von einem außergewöhnlichen Maß an Gewalt, die die Bevölkerung völlig wahllos trifft. "Eineinhalb Millionen Palästinenser im Gazastreifen, davon fast die Hälfte Kinder, sind derzeit dem ununterbrochenen Kugelhagel und den Bombardements ausgesetzt", sagt Franck Joncret, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontieres (MSF): "Wie könnte irgendjemand glauben, dass eine solche militärische Dampfwalze die Zivilbevölerung verschonen würde, die aus der dichtbesiedelten Enklave nicht fliehen kann ?"

Die Militäroffensive hat die im Gazastreifen gefangene Bevölkerung in Angst versetzt. Die Menschen wagen sich nicht mehr aus ihren Häusern, um medizinische Hilfe zu suchen. Und die Unsicherheit betrifft auch die Hilfsorganisationen: Mehrfach wurden palästinensische humanitäre und medizinische Helfer getötet, Krankenhäuser und Rettungswagen bombardiert.

Die Notaufnahmen der Krankenhäuser sind mit Verletzten überfüllt. In den ersten zehn Tagen der Angriffe wurden im Al Shifa Krankenhaus über 300 chirurgische Eingriffe durchgeführt. "Die sechs Operationssäle des Krankenhauses laufen am Rande ihrer Kapazität mit je zwei Operationen gleichzeitig pro Saal", berichtet Cécile Barbou, medizinische Koordinatorin von Ärzte ohne Grenzen in Gaza. "Die palästinensischen Chirurgen und das medizinischen Personal sind erschöpft vom Bemühen, der Zahl der Verletzten gerecht zu werden." Die Mehrheit der Notfaufnahmen sind Schwer- und Mehrfachverletzte, die vor allem im Thorax- und Bauchbereich oder im Gesicht getroffen wurden.

Die MSF-Teams in Gaza – 3 internationale Mitarbeiter und fast 70 Palästinenser – leisten seit Beginn der Offensive ihr Möglichstes, die palästinensischen Gesundheitseinrichtungen zu unterstützen und Verletzte zu versorgen. Sie haben außerdem medizinisches Material und Medikamente an mehrere Krankenhäuser verteilt, deren Vorräte zu Ende zu gehen drohten. Derzeit leisten außerdem 20 Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen Hilfe direkt in den Wohnvierteln, wo sie rund 40 Patienten pro Tag in ihren Häusern versorgen. "Die Unsicherheit ist derart hoch, dass unsere Bewegungsfreiheit sowie die Möglichkeit, Hilfe zu leisten, extrem eingeschränkt sind," erklärt Jesica Pourraz, MSF-Programmverantwortliche für Gaza. "Was wir benötigen, ist der uneingeschränkte Zugang zu den Verletzten rund um die Uhr, sowie die Erreichbarkeit der Gesundheitseinrichtungen für die Zivilbevölkerung."

Auf Bitte der Ärzte des Krankenhauses Al Shifa entsendet Ärzte ohne Grenzen ein chirurgisches Team (einen Chirurgen, einen Anästhesisten und eine OP-Krankenschwester) sowie ein mobiles Krankenhaus, bestehend aus einem OP und einer Intensivstation. Damit wird die Kapazität zur Behandlung von Verletzten erhöht. Ärzte ohne Grenzen bemüht sich derzeit um die notwendigen Genehmigungen, Material und Team in den Gazastreifen zu bringen.

Unter den gegebenen Umständen und solange die Einschränkungen bei der Einreise von Personal und der Einfuhr von Material in den Gazastreifen aufrecht sind, erlaubt das angekündigte kurzzeitige Aussetzen der Bombardements zur Schaffung eines "humanitären Korridors" eventuell eine Verbesserung beim Zugang zu den Verletzten, bei der Bewegungsfreiheit der Helfer und bei der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern (Treibstoff, Nahrung, medizinisches Material und Medikamente).

"Dennoch tragen diese partiellen Maßnahmen, die darauf abzielen, die internationale Öffentlichkeit zu beruhigen, nicht zur Minderung der direkten Gewalt und des großen Leids der Bevölkerung Gazas bei," betont Dr. Marie-Pierre Allié, Präsident der französischen Sektion von Ärzte ohne Grenzen.

Ärzte ohne Grenzen ist seit 1989 im Gazastreifen und im Westjordanland tätig. Die Mitarbeiter leisten sowohl in Gaza als auch in Nablus im Westjordanland psychologische, medizinische und psychosoziale Hilfe für Familien, die von der Gewalt betroffen sind. Das Team besteht normalerweise aus elf internationalen und 108 einheimischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen. Im Gazastreifen bieten sie seit Juli 2007 auch postoperative Hilfe und Physiotherapie für Verletzte an. Im März 2008 wurde in Beit Lahia eine Klinik für Kinder unter zwölf Jahren eröffnet. Darüber hinaus betreiben Mitarbeiter ein psychologisches Programm in Hebron im Westjordanland.

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