Gewalt im Norden der Zentralafrikanischen Republik zwingt abermals Tausende Menschen zur Flucht
Wien/Bangui, 30. April 2009. Eine erneute Eskalation der Gewalt zwischen Armee und Rebellen im Norden der Zentralafrikanischen Republik zwingt abermals Tausende Menschen zur Flucht. Ärzte ohne Grenzen schätzt, dass in den Regionen Kabo und Moyen Sido erneut zirka 8.000 Menschen vertrieben wurden. Sie suchen Zuflucht im Busch, wo sie in der derzeit herrschenden Regenzeit ohne Zugang zu Gesundheitsversorgung und außer Reichweite von humanitärer Hilfe leben.
“Einige Orte wurden vollständig niedergebrannt, die Bewohner gezwungen, nur mit der Kleidung, die sie am Leib trugen, zu fliehen”, berichtet Gabriel Sánchez Ibarra, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen in der Zentralafrikanischen Republik. “Andere sind aus Angst geflohen, denn die Bevölkerung war in der Vergangenheit bereits mehrere Angriffe und Vertreibungen ausgesetzt. Wir sind sehr besorgt über die Situation der Menschen. Unsere Priorität ist es nun, die Vertriebenen zu erreichen und ihnen zu helfen”, so Sánchez Ibarra weiter. “Bis jetzt haben wir nur teilweisen Zugang zu der betroffenen Bevölkerung.”
Die wiederholten Kämpfe in und um Kabo während der vergangenen zwei Wochen haben dramatische Auswirkungen für die Bevölkerung. Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen haben mehrere menschenleere Dörfer gesehen, manche von ihnen sind teilweise oder vollständig niedergebrannt und geplündert. In Bokayanga beispielsweise sind die Menschen in den Busch geflohen und haben ihre Nahrungsvorräte und ihr Saatgut für die nächste Ernte verloren. Das Gesundheitszentrum im Ort wurde geplündert und ist jetzt geschlossen. Die meisten mussten ohne Nahrung, Unterkunft oder Werkzeug fliehen und haben derzeit nur sehr eingeschränkten Zugang zu Wasser.
“Wir konnten am vergangenen Wochenende einige Dörfer erreichen. In Bokayanga erzählte man uns, dass die Bewohner zu verängstigt seien, um nach Nahrung oder medizinischer Hilfe zu suchen. In einem anderen, menschenleeren Dorf sprachen wir mit einem Buben - dem einzigen Menschen, den wir trafen – der uns berichtete, dass die Bewohner geflohen sind und sich in Gruppen in einfachsten Behelfsunterkünften im Busch niedergelassen haben,” erzählt Sánchez Ibarra weiter.
Der enorme Rückgang an medizinischen Konsultationen in den Gesundheitseinrichtungen in Kabo ist beängstigend. Ärzte ohne Grenzen beobachtet eine deutliche Abnahme der pädiatrischen Konsultationen. Fast die Hälfte aller HIV- und Tuberkulose-Patienten mussten ihre lebensnotwendige Behandlung aufgrund der Gewalt unterbrechen. Viele Menschen trauen sich nicht, ins Krankenhaus zu kommen. Nach den Zusammenstößen hat Ärzte ohne Grenzen 14 Verwundete behandelt und vermutet, dass es weitere Verwundete gab, die das Krankenhaus nicht erreichen konnten. Andererseits beobachtet Ärzte ohne Grenzen bei den verbleibenden Patienten in der Klinik einen Anstieg der medizinischen Probleme, beispielsweise Schmerzen oder psychische Störungen in Zusammenhang mit Stress aufgrund von Gewalt, Angst und Vertreibung.
Ärzte ohne Grenzen versucht auf verschiedenen Wegen, den Menschen, die die Gesundheitseinrichtungen nicht erreichen können, medizinische Hilfe zukommen zu lassen. Dazu gehören mobile Kliniken, die zu Fuss oder per Motorrad in den Busch gebracht werden.
“Mobile Kliniken mit Motorrädern ermöglichen uns, den Vertriebenen tief im Busch Hilfe zu leisten. Menschen die wir erreicht haben, erklärten uns, wie sie die Nacht im Freien und ohne Schutz vor Moskitos und Fliegen im Regen verbracht haben, ohne Trinkwasser. Die Menschen sind gezwungen, Wasser aus stehenden Gewässern zum Trinken und zum Kochen zu verwenden”, erklärt Ibarra Sánchez.
Ärzte ohne Grenzen ist eine unparteiische und unabhängige humanitäre Organisation und leistet kostenlose medizinische Hilfe für Kranke und Verwundete, unabhängig ihrer politischen, religiösen oder militärischen Zugehörigkeit. MSF erkundet weiterhin neue Wege, um dringend benötigte medizinische Hilfe für die Bevölkerung der Zentralafrikanischen Republik zu leisten, trotzt der steigenden Unsicherheit. Um das tun zu können ist es von dringender Notwendigkeit, dass alle Konfliktparteien weiterhin die Neutralität und Unabhängigkeit von Ärzte ohne Grenzen respektieren.

