Alexandra Schuster20.05.2019

„Wir hören die Schreie der neugeborenen Babys und das Weinen der Angehörigen, wenn jemand stirbt“

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Alexandra Schuster aus Kumberg bei Graz ist zum zweiten Mal als Logistikerin im Südsudan im Einsatz. Im Blog erzählt sie, was sie vor Ort erlebt und warum sie stolz ist, Teil des Projekts in Pibor zu sein.

„You have grown fat. You are a ballon.“

Das sind nicht gerade die Worte, die man sich zur Begrüßung wünscht, aber das kann man sich oft nicht aussuchen. Nachdem ich fünf Monate in Österreich war, bin ich wieder in den Südsudan zurückgekommen. Diesmal wartet eine andere Aufgabe und Position auf mich. Ich bleibe wieder sechs Monate und lebe durchgehend im Projekt. Der Ort heißt Pibor und befindet sich im Osten, Richtung Äthiopien.

Hier lebt ein Stamm mit eigener Sprache und Tradition. Ein lieber Kollege hier hat gesagt, genau das ist das besondere hier – ein anthropologischer Traum. In einigen Jahrzehnten werden diese Leute viel stärker registriert sein, Handyempfang haben und vielleicht Steuern zahlen müssen. Solche Kulturen sehen zu dürfen und ein Lächeln mit ihnen austauschen zu können ist etwas, das man wertschätzen sollte. Große Ohrringe und Narben im Gesicht in Form von Punkten oder Strichen. Elfenbeinähnliches Material im Kinn (quasi als Piercing) und Kopfschmuck – wunderschön.

Die Umgebung hier ist nicht für Menschen gemacht. Es ist trocken, staubtrocken. Es fehlt an Wasser und Ressourcen, um Handel zu treiben. Wenn es regnet, regnet es so viel, dass sich alles in einen Schlammteppich verwandelt.

Die Menschen sind unterernährt und haben oft Durchfall oder bekommen Malaria. Wie viel besser wären hier wohl die Lebensumstände gäbe es sauberes Wasser und vernünftige Klos für alle und gäbe es diese Malaria Stechmücke nicht mehr!? Wir werden es wohl nie erfahren.

 „Mein Job als Logistikerin ist der interessanteste, den ich je hatte“

Das hat mal wer zu mir gesagt und ich kann dem inzwischen etwas abgewinnen. Ich bin in fast alles involviert und habe jede Menge zu tun. Mein Team ist recht groß und meine Management-Skills werden auch immer größer – bei über 30 Leuten im Team kann man nicht alles kontrollieren. Es besteht u.a. aus zehn Arbeitern, sechs Fahrern, eine, Mechaniker und „radio operators“, die den Transport unserer Fahrzeuge koordinieren. Arbeit ist immer vorhanden – Gras zuschneiden, Sandsäcke befüllen, Moskitonetze erneuern oder Routine- und Wartungsarbeiten. Unglaublich, wie die Tage vergehen – man hat kaum Zeit, sich vor einen Computer zu setzen – außer man muss ein Formular ausdrucken und dieses dann abstempeln.

Reis mit Bohnen zu Mittag und Bohnen mit Reis am Abend. Vielleicht noch ein gekochter Kürbis dazu oder Süßkartoffeln. Nach zwei Monaten habe ich mich etwas an die Hitze gewöhnt und auch an das Essen. Unser Quecksilberthermometer hängt im Schatten und zeigt oft noch um vier Uhr nachmittags 42 Grad an.

Was mich am meisten motiviert ist, dass das Krankenhaus gleich nebenan ist und es keinen Tag gibt, an dem ich nicht dort bin. Wir sind quasi mittendrin: Wir hören die Schreie der frisch geborenen Babys und das Weinen der Angehörigen, wenn wir für den oder die Patientin leider nichts mehr tun konnten.

Im Krankenhaus hier in Pibor gibt es das Nötigste, trotzdem sind wir gut ausgestattet. Menschenleben werden hier jeden Tag gerettet und Leid und Schmerzen gelindert. Mich macht es stolz, Teil dieses Projekts zu sein.

Seit 2005 leistet Ärzte ohne Grenzen medizinische Primärversorgung für die Bevölkerung in Pibor. Im unserem Krankenhaus und in den Gesundheitszentren kümmern wir uns im Speziellen auch um die Mutter-Kind Gesundheit.

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